Nabil Arab hebt seinen Kopf und richtet sich auf. Er hat in der hintersten Reihe gebetet. Jetzt steht er in der Mitte seiner Moschee. Alle Augen richten sich auf den imposanten Mann in Jeans und grüner Jacke. Die Haare kurz, der Bart länger, aber säuberlich getrimmt, beides zusammen umrandet ein markantes Gesicht mit forscher Unterlippe und dunklen Augen. Spendet für die Moschee, bittet er seine Brüder auf Arabisch. Es ist das Ende des Freitagsgebets in der König-Faysal-Moschee, rund hundert Männer hatten sich heute im holzgetäferten Raum eingefunden und einem bärtigen Imam mit heiserer Stimme gelauscht.

Sie haben gebetet, sich verbeugt, sind mit dem Kopf auf die kleinen roten Teppiche gesunken und haben wiederholt: Allahu Akbar, Gott ist gross. Normalerweise würde jetzt eine deutsche Zusammenfassung dessen folgen, was der Imam gepredigt hat. Doch dieser Freitag ist nicht wie andere. Eine Woche zuvor hat die «Sonntagszeitung» über das Gotteshaus an der Friedensgasse berichtet und mit ihr fast alle Medien der Schweiz. Der Imam habe hier Mitte Mai zum Dschihad aufgerufen, hiess es. Wieder steht die Moschee im Verruf, wieder heisst es: Die König-Faysal-Stiftung ist extremistisch. Wieder muss Nabil Arab seine Moschee verteidigen.

Geboren ist Nabil Arab 1953 in Damaskus. Generäle, Kommunisten und nicht zuletzt Nachbar Ägypten kämpften damals um die Macht in Syrien. Arab lernte früh, wie man sich in einer Diktatur verhält: «Man schaut nicht nach links, nicht nach rechts, man kreuzt niemandes Weg», sagt er. Als junger Mann studierte er in Kairo Computerwissenschaften und gelangte 1990 in die Schweiz. Er heiratete, wurde Schweizer und leistete Militärdienst. Er gründete eine Familie, wird Vater zweier Kinder. Für beide hat Arab den syrischen Pass abgelehnt. Bis heute wohnt er in Allschwil, seit 1998 steht er der König Faysal Moschee vor.

Übersetzung abgeschafft

Wir treffen Nabil Arab am Mittwochmittag zum Gespräch. Er empfängt uns im Schulungsraum der Moschee: ein karges Zimmer, deutlich kühler als der Gebetssaal im Obergeschoss. An den Wänden hängen Plakate. Auf ihnen steht: Wie garantiert der Islam die Menschenrechte? Und: Warum wird der Islam oft missverstanden? Es liege daran, dass in der westlichen Gesellschaft die Religion kaum eine Rolle spiele, während Muslime ihr ganzes Leben nach dem Islam ausrichten, heisst es da. Für Basel stimmt das nicht ganz: 13'000 Muslime leben im Kanton. Rund ein Viertel der muslimischen Bevölkerung in Basel lebt orthodox, schätzt die Stadtentwicklung. Nur die wenigsten der rund 20 Moscheen und Gebetsorte versammeln für das Freitagsgebet so viele Menschen unter ihrem Dach wie die König-Faysal-Moschee.

«Wir haben die deutsche Übersetzung abgeschafft», sagt Nabil Arab. Zu viel wurde geschrieben, zu gross war der Druck. Der Moscheevorsteher muss jetzt genau darauf achten, was er sagt, mit einem Foto möchte er nicht in der Zeitung erscheinen.

Die jüngsten Enthüllungen bedrohen die Moschee gleich zweifach: Die Basler SVP hat Strafanzeige erhoben. Der Imam habe in seiner Rede zur Gewalt aufgerufen, das Strafgesetzbuch sieht dafür bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe vor. Die Partei geht auch auf politischem Weg gegen die Glaubensgemeinschaft vor. Sie hat eine Motion eingereicht, darin steht: «Die Regierung wird aufgefordert, unverzüglich die Schliessung der König-Faysal-Moschee zu prüfen.» Das ist ein radikaler Schritt. Unterschrieben haben nicht nur Vertreter der Rechtspartei, sondern auch gemässigte Stimmen aus der LDP und der FDP.

«Hass» gegen seine Moschee

Die jüngste Berichterstattung hat Nabil Arab zugesetzt, er spricht von einem «Hass» gegen die Muslime und seine Moschee im Speziellen. Die Medien hätten die Rede des Imams absichtlich falsch verstanden. «Es ging in der Rede nicht um einen Aufruf zur Gewalt. Es ging um Entbehrungen, die Muslime erdulden mussten, um das Bestreben, den Weg Gottes nicht zu verlieren.» Dschihad ist ein Wort mit grosser Kraft im Westen. Es provoziert Bilder von bärtigen Kämpfern auf Pick-ups, von brennenden Türmen in New York und grässlichen Videobotschaften. Übersetzt bedeutet es jedoch lediglich Anstrengung. Das reicht von einem alltäglichen «sein Bestes geben» bis zum Krieg gegen Ungläubige. Das Wort taucht im Koran dutzendfach auf.

Die Bedeutung erschliesst sich aus dem Kontext und ist selbst dann noch Teil der Exegese. Es ist kein Zufall, dass der Artikel in der «Sonntagszeitung» Kurt Pelda geschrieben hat. Der prämierte Journalist ist wohl der einzige in der Schweiz, der sich eine Interpretation einer arabischen Predigt zutraut. Das ist auch ein Problem: Kurt Pelda ist nicht mehr bloss Beobachter und Experte. Er ist Akteur. Besonders offensichtlich wurde dies im Zusammenhang mit dem Prozess um die Winterthurer An-Nur-Moschee: Pelda war mehr Ermittler denn Journalist. Auch in Basel arbeitet er eng mit den Behörden zusammen, heisst es aus der Verwaltung. Manchmal leitet er Informationen weiter, dann wieder schreibt er darüber, wie der Nachrichtendienst über seine Protagonisten denkt. Immer hat er dabei auch eine Meinung, Neutralität ist für ihn als Berichterstatter «keine Option».

«Dann ist das Fakt»

Zurzeit weilt Pelda in Syrien. Wo genau, will er am Telefon nicht verraten. Die Verbindung bricht immer wieder zusammen. Er sagt, die Behörden seien nicht an einem Informationsaustausch interessiert, gerade in Basel sei das schwierig: «Ich habe x-mal den Kontakt mit den zuständigen Stellen gesucht, doch sie wollten nichts wissen.» In Basel schaue man sich erst einmal die Rechtslage an. «Ziel muss es doch sein, Extremisten von den Moscheen fernzuhalten, doch die Behörden verheddern sich immer in juristischen Feinheiten.»

Basel möchte gerne eine «Multikulti-Stadt» ohne Probleme sein, und da störe es eben, wenn ein Journalist den Finger auf wunde Punkte lege. Pelda sagt: «Nach den Erfahrungen mit den Islamisten in Winterthur weiss man, dass wenn ich etwas schreibe, dann ist das Fakt.»

Nabil Arab sieht seine Moschee dem «Hass dieses Journalisten» – Peldas Name nimmt Arab nie in den Mund – ausgesetzt, der einen «Krieg» gegen ihn führe. Pelda war es, der das «Islamistische Netzwerk» in Basel beschrieb, über die Koranverteilungsaktion «LIES!» und ihre internationale Vernetzung. Über Ali J., den «Apotheker», den die Behörden für einen IS-Rückkehrer halten. Auf ihn angesprochen, will Nabil Arab ihn nicht gekannt haben – er, dem ein neues Gesicht unter 130 Betenden sofort auffällt. Verbrieft ist aber auch, dass Nabil Arab selber schon die Behörden alarmiert hat, als er unter den Jungen seiner Gemeinde radikale Strömungen bemerkte.

Teppichpaten gesucht

Wir verlassen das Schulzimmer und gehen nach draussen. Vor der Treppe zum Gebetssaal ziehen wir die Schuhe aus. Neben dem Eingang hängt ein Schild, das die Gläubigen zur Ruhe mahnt: Die Nachbarn sollen nicht gestört werden. An der Türe zum Gebetsraum findet sich noch ein anderer Aufruf: Gläubige können Pate eines Gebetsteppichs werden.

Nabil Arab schreitet durch den Gebetsraum. Geduldig erklärt er, wie das Gebet abläuft, wie eine Predigt aufgebaut ist und wie die Gläubigen zu stehen haben. Für jeden Mann – die Frauen beten einen Stock tiefer – ist ein kleiner Teppich vorgesehen. «Manche schreiben, es erscheinen 250 Leute zum Freitagsgebet. Wie soll das gehen? Zählen Sie die Teppiche, es sind 144.» In der Ecke steht ein Ventilator. Es kann ganz schön schwül werden, drängen sich an einem Freitagmittag die Gläubigen Schulter an Schulter in den niedrigen Raum. Es riecht nach Räucherstäbchen.

Spetim Dauti hat bis vor Kurzem hier die Predigten des Imams auf Deutsch übersetzt. Der Dauti-Clan, zu dem auch Bruder Ilber gehört, lebt den Islam deutlich konservativer, als es der Durchschnitt der Basler Gläubigen tut. Seit einer ETH-Studie vor einigen Jahren, die ihn als dschihadistisch identifizierte, steht er unter medialer Beobachtung. Zuletzt wurde es jedoch stiller um ihn.

Rund 20 bis 30 junge Männer kämpfen um mehr Einfluss in der Moschee, wollen die Gemeinde auf ihren Pfad bringen. Sie sind vernetzt in Basel und der Schweiz; es gibt Überschneidungen zur Peace-and-Blessing-Moschee in Kleinhüningen. Im Kreis albanischstämmiger Muslime predigt dort Ardian Elezi, der unlängst die Tötung eines kleinen Jungen in Basel als «Terrorakt» bezeichnet hat. Mit seiner flammenden Rhetorik begeistere er ein Publikum zwischen 19 und 30 Jahren. Nicht selten brechen Männer ob seiner Worte in Tränen aus, berichten solche, die schon dabei waren. Auf Youtube wirken seine Videos eher etwas infantil.

Die Informations-Plattform «Inforel», ein unabhängiger Verein, beraten von verschiedensten Professoren der Uni, beschreibt sämtliche Glaubensgemeinschaften der Region. Über die Moschee von Elezi steht seit April, man habe sich mit den Moscheebetreibern auf keine Darstellung einigen können. Er habe auf albanisch gegen Schwule und Juden gehetzt, schrieb 2018 der «Tages-Anzeiger». Autor des Artikels: Kurt Pelda.

Vorbild Prophet

Nabil Arab hat eine andere Sicht der Dinge. Angesprochen auf unterschiedlichste Strömungen innerhalb seiner Gemeinde bemüht Arab wieder jene Maxime, die er früh gelernt hat: Jeder geht seinen Weg, man schaut nicht nach links oder rechts. Um den Glauben des Dauti-Zirkels zu beschreiben, verwendet er immer wieder das Wort «detailliert». Er gibt sich augenfällig Mühe, auf jede Wertung zu verzichten. Die konservative Religionsauslegung reduziert er auf Äusserlichkeiten, die weiten Hosen und zerzausten Bärte. «Die Gebrüder Dauti wollen dem Propheten möglichst nahe kommen. Sie sind sehr streng mit sich», sagt Arab. Und mit anderen? «Nein.» Grossen Einfluss auf die Moschee hätten die Gebrüder Dauti nicht, dafür sorge er, Nabil Arab.

Sieben Tage die Woche arbeite er für seine Moschee, «seit ich hier bin, habe ich nicht einmal Urlaub gemacht.» Elezi nennt er «sehr intelligent» und auch «äusserst aktiv». Er habe durch sein Studium in Medina äusserst schnell gelernt. Doch als er in der König-Faysal-Moschee predigen wollte, «da habe ich ihn abgewiesen.» Danach habe Elezi mit der Peace-and-Blessing-Moschee eine Nische gefunden.

Es gibt noch zwei weitere Moscheen, die unter strenger Beobachtung des Staates stehen. Die Said-i-Nursi Stiftung an der Kleinhüningerstrasse entstammt der türkischen Hisbollah. Sie befindet sich in Basel, weil die Bewegung in Deutschland verboten ist. Die hauptsächlich türkische Gemeinde bleibt gerne unter sich. Der Arrahma-Verein hat seinen Sitz in der selben Strasse wie die Said-i-Nursi-Stiftung. Zentrales Charaktermerkmal ist das Missionieren. Die Arrahma-Gemeinschaft ist eine einstige Splittergruppe der König-Faysal-Stiftung, doch noch immer bestehen Verbindungen: Unterricht für Kinder und die Jugendprogramme finden in der Friedensgasse statt.

Bei all diesen Ausführungen gilt es, die Dimensionen zu kennen. Mitte Monat hat eine Zürcher Hochschule einen Bericht zum Thema dschihadistischer Radikalisierung veröffentlicht. Darin enthalten sind Zahlen des Nachrichtendienstes. In den vergangenen zehn Jahren erfasste dieser 130 radikalisierte Personen in der ganzen Schweiz. In der Region Nordwestschweiz sind es 16 Fälle – bei 64'000 Muslimen.

Kinderehen? «Wenn sie reif sind»

Die König-Faysal-Moschee gibt sich offen, zum Gebet ist jeder willkommen. Was nicht bedeutet, dass der Spagat nicht gross sein kann, den Nabil Arab zwischen den Vorschriften seiner Religion und den gesellschaftlichen Regeln seiner Heimat machen muss. Wie er zu Kinderehen stehe, wollen wir wissen.

«Wenn das Mädchen reif ist, 16 oder 17 Jahre alt ist, und beide wollen, dann werde ich nicht sagen: Du darfst nicht heiraten.» Nabil Arab lehnt sich zurück und lächelt. «Manchmal sind sie wirklich früh reif, der Körper ist noch Kind, aber im Kopf ist sie eine Frau. Auch die Jungen, manchmal schon mit 13 Jahren.»

Er beobachte die Jugendlichen, es sei eine Realität, dass der sexuelle Kontakt schon früh zum Bedürfnis werde. Der Koran verbietet jegliche derartige Annäherung. «Der gültige Vertrag ist der Gemeindevertrag. Aber es gibt dann eine Möglichkeit des Versprechens. Eine Heirat, gültig zwischen zwei Eheleuten und Allah.»

Dazu müssen sie mehrere Bedingungen erfüllen. Eine Mitgift ist Pflicht, das Einverständnis des Brautvaters ebenso. Es ist ein Graubereich, juristisch nicht haltbar, das betont auch Arab. Aber bedeutungslos ist dieses Versprechen sicher nicht.

Solche Aktivitäten habe er nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Drucks auf Eis gelegt. Für eine ordentliche Heirat verlangt der Moscheevorsteher einen amtlichen Trauschein.

Wenn Nabil Arab seine Moschee erfolgreich weiterführen will, wird es schwer, eine klare Linie zu führen. Der Hintergrund für Nabil Arabs Toleranz gegenüber allen – immer wieder auch gegenüber den weniger Toleranten innerhalb seiner Gemeinde – findet sich wohl weniger in Worten denn in Zahlen. Der Stiftung geht es finanziell nicht sehr gut. Nabil Arab zufolge hat Saudiarabien die jährlichen Zahlungen in der Höhe von 20'000 Franken vor Jahren eingestellt.

Für die Moschee ist es auch nicht leicht, einen Imam zu finden. Der Markt ist klein und nicht jedes Gotteshaus verfügt über Mittel wie etwa die Moschee in Pratteln. Dort, wo auch Shaqiris beten, wechselt der Imam im Monatstakt. In der Darstellung von Nabil Arab lehnen es Banken aufgrund negativer Presse ab, ein Konto für die König-Faysal-Moschee zu eröffnen.

Eine Woche verstrichen

Es ist wieder Freitag, erneut ist eine Woche verstrichen. Im Innenhof an der Friedensgasse stehen Nabil Arab und der Imam. Sie diskutieren auf Arabisch.

«Der Imam geht heute in der Rede auf jenen Zeitungsartikel ein. Auf Deutsch», sagt Arab.

«Ich habe das, was dieser Journalist schrieb, nie gesagt», bekräftigt der Imam. Im Gegensatz zu Arab, der spielend zwischen sehr passablem Deutsch, gutem Englisch und Arabisch wechselt, ist sein Deutsch gebrochen.

Arab zeigt einen Teil der Predigt auf dem Handybildschirm, sprachlich perfekt.

Wer das geschrieben habe?

«Er», sagt Arab, und zeigt auf den Imam.

Vom Biozentrum her strömen die Männer in die Friedensgasse. Es sind Handwerker, Forscher, Nordafrikaner und Balkanstämmige, Kinder und Greise. Manche werden den Koran sehr liberal auslegen, andere folgen einem strengen Pfad Gottes. Die Spenden braucht Nabil Arab von allen.