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Die Muttenzerkurve versucht sich zu rechtfertigen

Die FCB-Fanszene reagiert unterschiedlich auf Begegnungen mit der Polizei: «mit Uswiiche, mit Kreativität und halt au mol physisch».

Die FCB-Fanszene reagiert unterschiedlich auf Begegnungen mit der Polizei: «mit Uswiiche, mit Kreativität und halt au mol physisch».

Die Basler Fankurve zeigt sich nach den massiven Ausschreitungen vom 10. April selbstkritisch, relativiert aber auch die Gewalt gegen die Polizei. Das passt den Behörden gar nicht: Baschi Dürr will keine rechtsfreien Räume rund ums Joggeli mehr tolerieren.

Es ist das erste Mal, dass sich nun auch der harte Kern der Muttenzerkurve an die Öffentlichkeit wendet. Der 3:0-Sieg des FC Basel gegen Lugano vom Mittwochabend war das erste Heimspiel seit den schweren Ausschreitungen nach dem Spiel gegen den FC Zürich. Vor allem auf der Plattform hinter der Muttenzerkurve war es damals zwischen FCB-Anhängern und der Polizei zu heftigen Zusammenstössen mit mehreren Verletzten gekommen.

In einem in Baseldeutsch verfassten Flugblatt, das im St. Jakob-Park verteilt wurde, nimmt die Fankurve nun Stellung – damit der Matchbesucher die Ereignisse besser einordnen könne: Noch immer berge das Verhältnis zur Polizei ein latentes Konfliktpotenzial. «D Polizei wird ab ere gwüsse Nöchi / Aazahl und je nach Kontext als Bedrohig woorgno», ist auf dem Flugblatt zu lesen. «D Fanszene Basel versuecht, däne Momänt unterschiedlig z begeegne: Durch Uswiiche, mit Kreativität und halt au mol physisch.»

FCB-Chaoten gehen auf Polizisten los

Das Video zeigt, wie «kreativ» die Fussball-Chaoten auf die Einsatzkräfte reagieren.

Nach dem FCB-Spiel kam es zu massiven Ausschreitungen von Fussballfans. Das Video, das Telebasel zugespielt wurde, zeigt wie vermummte Chaoten auf die Polizei losgehen.

Gewalt als legitimes Mittel

Die Muttenzerkurve lässt durchblicken, dass sie die Eventplattform als ihr Territorium betrachtet. Für viele Fans sei sie zum zentralen Treffpunkt geworden und nehme mittlerweile einen symbolischen Stellenwert ein. Das haben auch die Behörden erkannt: Offensichtlich seien sie vor dem Eingang zur Muttenzerkurve zu tolerant gewesen. Nur so habe sich dort in den vergangenen Jahren ein «rechtsfreier Raum» entwickeln können, so Baschi Dürr. Gemeinsam mit seinem Baselbieter Kollegen Isaac Reber hatte der Basler Justizdirektor zwei Tage nach den Ausschreitungen die «Gewaltexzesse einiger Krimineller» vor den Medien aufs Schärfste verurteilt. «Es war beinahe schon ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Polizei dort nicht hingeht», erklärte Dürr. «Das müssen wir ändern, und das werden wir ändern.»

Tatsächlich ist die «unerklärliche Polizeipräsenz» auf der Plattform bei FCB-Anhängern ganz schlecht angekommen. Natürlich sei die Reaktion vehement ausgefallen. Doch: «Im Sälbschtverständnis vo dr Fanszene het die Reaktion durchus ihri Logik.» Die Fans zeigen sich teilweise aber auch selbstkritisch: «Dass im Zug vo dr Dynamik unbeteiligti Verkehrspolizischte aagriffe wärde, losst sich trotzdäm nid rächtfertige.»

Erklärungen zurückgewiesen

Am liebsten möchten sich die Regierungsräte Dürr und Reber gar nicht zum Flugblatt äussern. «Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass der Regierungsrat jede allfällige Relativierung von Gewalt gegen Polizei oder Bevölkerung klar zurückweist», erklärt Dürr. Beide verweisen auf die Arbeitsgruppe mit Polizei, FC Basel und Fanarbeit, die derzeit konkrete Lösungen erarbeitet. Im Fokus stehen technische, bauliche und organisatorische Massnahmen. Reber: «Die Sicherheit muss gewährleistet sein, damit ein Match bewilligt werden kann.»

Auch die Fankurve sei daran interessiert, dass sich «so Szene nid wiederhole und s Ganze nid witer eskaliert». Schon mehrfach habe die Fanszene gezeigt, dass sie ihren Beitrag dazu leisten könne, die Situation nachhaltig zu verbessern. Es brauche nun eine besonnene Aufarbeitung der Geschehnisse, «alles andere wäre kontraproduktiv». Immerhin sei es in der Vergangenheit grösstenteils zu keinen nennenswerten Vorfällen zwischen Heimfans und der Polizei rund um die Plattform gekommen. Diesen Zustand riskiere man den den angekündigten «unüberlegten Massnahmen», wird im Flugblatt gewarnt.

Es ist erst das zweite Mal überhaupt, dass sich die Fankurve öffentlich zu erklären versucht. Die Ausschreitungen in Salzburg vor zwei Jahren führten zur Broschüre «Befreyigsschlag». Darin versuchten Fans, ihre Sicht auf Konfliktthemen darzulegen. Die Broschüre wurde auch am Mittwoch wieder verteilt.

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