Sie sind wieder da in den Basler Primarschulen: die Noten. Bei der letzten Schulreform in den 1990er-Jahren abgeschafft, beschäftigen sie momentan Eltern, Lehrer und Kinder. Die Noten der Kinder in den sechsten Primarschulklassen, die zählen. Noch zwei Monate dauert es, dann fällt mit dem ersten Zeugnis ein wichtiger Vorentscheid: welchem Leistungsniveau der Sekundarschule das Kind zugeteilt wird. Nach einer Formel, die Mathematik und Deutsch stärker gewichtet als die anderen Fächer, wird eine Punktzahl errechnet (siehe Kasten), die entscheidet. Theoretisch ist also alles klar.

In der Praxis sieht es anders aus. «Man spürt die Unsicherheit der Lehrer», sagt die Mutter einer Sechstklässlerin. Sie möchte wie alle befragten Eltern anonym bleiben. Die Schulen führen viele Informationsabende durch, an denen die Selektion erklärt wird. «Man hat den Eindruck, die Lehrer wüssten selber nicht genau, was noch kommt», sagt die Frau. Sie vertraue der Schule grundsätzlich, aber: «Die Ungewissheit macht ein wenig Angst.» Sie fühlt sich nicht nur wegen der Zuteilung zu den Leistungsstufen der Sekundarstufe verunsichert, sondern auch wegen der Zuteilung zu den zehn Sekundarschulstandorten. An all diesen Standorten sollen alle drei Leistungsstufen unterrichtet werden.

Lehrerkreise befürchten, dass dies forciert werden muss, weil je nach Stadtteil allenfalls nicht genügend Schülerinnen und Schüler den leistungsstärksten P-Zug erreichen. Das könnte längere Schulwege zur Folge haben.

Bisher mit Buchstaben gerechnet

«Die neue Schullaufbahnverordnung wirft in der Lehrerschaft hohe Wellen», sagt Gaby Hintermann, Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz. «Es ist wirklich neu in Basel, auf dieser Stufe schon Noten zu setzen.» Bei den älteren Schülerinnen und Schülern auf der Orientierungsstufe hatten Beurteilungen bisher einen prognostischen Charakter. «Da wurde nicht so genau mit Zahlen gerechnet, sondern mit Buchstaben», sagt Hintermann. Nun werde viel mehr darüber diskutiert, wie Noten gesetzt werden. «Wie das geht, ist im Prinzip klar. Alle wollen es richtig machen, aber es geistern schon viele Fragen herum.» Zum Beispiel der Begriff Rekursfähigkeit. Es muss nicht nur nachvollziehbar sein, wie eine Note zustande kam. Sondern die Weisung ist auch, dass vor jeder Prüfung klar kommuniziert werden muss, was die Kinder können sollten. Eine Befürchtung ist, dass Eltern, die nicht mit der Stufenzuteilung einverstanden sind, den Rechtsweg beschreiten
könnten.

Denn bereits bei den Übungszeugnissen in den fünften Klassen gab es Beschwerden, allerdings nur einen Rekurs. «Es war einer in der ganzen Stadt und er wurde zurückgezogen», sagt Anita Crain, Leiterin des Schulkreises IV. Sie nimmt aber an, dass es bei diesen Zeugnissen mehr sein werden. Auch geht sie davon aus, dass die Zahl der Anträge auf einen Schulwechsel steigen wird: «Wir haben schon jetzt solche Anträge im Zusammenhang mit Noten.» Die Eltern wollen die Schullaufbahn ihrer Kinder möglichst günstig beeinflussen und hoffen, dass durch den Wechsel die Noten besser werden und damit die Kinder bei der Selektion in ein höheres Leistungsniveau erreichen.

Wenn eine Fünf eine Vier ist

Crain und auch mehrere befragte Lehrer nehmen an, dass die Stufenzuteilung auch auf die Primarschulen zurück wirken wird und dass diese stärker miteinander verglichen werden. «Es könnte dann zum Beispiel heissen, dass in Primarschulen im Kleinbasel eine Fünf gleich viel Wert ist wie eine Vier in den bessergestellten Quartieren.»

Für die Befürchtungen hat Pierre Felder, Leiter der Basler Volksschulen, Verständnis – er teilt sie aber nicht: «Wir spüren eine gewisse Nervosität. Aber bei der Einführung der beiden WBS-Züge war sie viel grösser.» Es liege in der Natur der Sache, dass bei einer einschneidenden Neuerung die Erfahrung fehle: «Alle sind sichtlich bemüht, keine Fehler zu machen. Das wirkt angestrengt, und das spüren die Eltern.» Natürlich werde es Unterschiede in der Benotung geben. «Aber diese Unterschiede zwischen den Lehrpersonen gibt es bereits heute.» Letztlich sei im Lehrplan klar vorgegeben, was Kinder lernen müssten.

Falls es an den Primarschulen eine Flut von Anträgen für einen Schulwechsel geben sollte, sagt Felder klar: «Davon gehen wir nicht aus. Dem dürften wir nicht stattgeben, weil es sich um Quartierschulen handelt.»

Sek ist keine Quartierschule

Felder räumt ein, dass durch die Noten der Eindruck einer viel härteren Selektion entstehen könne: «Das wird aber dadurch ausgeglichen, dass das System durchlässiger ist.» Schüler können den Leistungszug wechseln und aufsteigen, falls das ihre Leistung zulässt. «Sollte ein Irrtum vorliegen, geht das im ersten Quartal der 1. Sek völlig unbürokratisch.»

Die Durchlässigkeit ist der Grund, dass an allen zehn Basler Sek-Standorten alle drei Leistungszüge geführt werden sollen. Es könnte tatsächlich sein, dass ein Schulweg ein wenig länger wird durch die Zuteilung. Aber: «Die Sekundarschulen sind keine Quartierschulen», betont Pierre Felder.