Sie sind dem Ruf der Tierschützer gefolgt, haben sich an einen Tisch gesetzt, diskutiert, getüftelt und am Ende Massnahmen beschlossen. Trotzdem haben es Christoph Bürgin, Obmann des Fasnachts-Comités, und Kantonstierarzt Michel Laszlo nicht geschafft, es allen recht zu machen.

Genau genommen machen sie es mit ihren Auflagen für Pferde am Cortège keinem der Betroffenen recht. Den Tierschützern nicht, weil Pferde weiter teilnehmen dürfen; den Chaisen-Fasnächtlern nicht, weil sich diese mit einem Berg Papierkram konfrontiert sehen. Sowohl Tierschützer wie auch Chaisen-Vertreter finden: Den Pferden nützen die Auflagen nichts. Im Detail gehen die Meinungen der zwei Gruppen weiterhin diametral auseinander. 

Cortège: Tierärzte im Einsatz

Michel Laszlo und Christoph Bürgin haben die Neuerungen am Dienstag vor Chaisen-Vertretern und Kutschern vorgestellt. Neu müssen diese dem Comité einen Ausbildungsnachweis und eine Fahrlizenz vorlegen, um mit ihren Pferden am Cortège mitlaufen zu dürfen. An der Fasnacht selber steht neu ein Tierarzt bereit und führt stichprobenartig medizinische Checks durch. Entlang der Cortège-Route werden ausserdem mindestens zehn Pausenzonen für die Tiere definiert. Die Pferde müssen alle eindeutig identifizierbar sein. 

Bei der Deklarationspflicht spielen etwa das Alter des Pferdes und dessen Erfahrung mit solchen Veranstaltungen eine Rolle. Wichtig ist auch, dass Pferde und Kutscher ein eingespieltes Team sind. «Je mehr sich dieses Gespann oder Team verstehen, umso weniger gestresst ist das Pferd bei ungewohnten Situationen», sagt Laszlo. Untersuchungen an holländischen Polizeipferden belegten dies. Pferdebesitzer und Kutscher, die auf die geforderte Eigendeklaration verzichten, schliesst das Fasnachts-Comité vom Cortège aus.

«Für Pferde ändert sich nichts»

Lothar Hollenstein von der ältesten Basler Chaise, der Breesmeli Chaise, hat nichts zu befürchten. Seine Kutsche wird von erfahrenen Tieren gezogen, Kutscher und Pferde sind ein Team. Trotzdem stossen ihm die neuen Auflagen sauer auf: «Das hätte man sich alles sparen können. Für uns bedeutet es mehr Papierkram, den Pferden selber aber nützt es gar nichts.»
Dieser Meinung seien auch andere Chaisen-Fasnächtler, wie er bei etlichen Telefongesprächen nach der Infoveranstaltung erfahren habe. Durch die neuen Regeln könne der Eindruck entstehen, als hätten sich die Chaisen-Fasnächtler früher nicht um das Wohl der Tiere gekümmert, sagt er. «Das ist natürlich Quatsch.»

«Wir werden weiter kämpfen!»

So seien Kutscher in den Pausen schon immer an ein ruhiges Plätzchen gefahren – auch, als es noch keine expliziten Ruhezonen gab. Auch die Sicherheit sei schon immer gewährleistet gewesen. «Kein Kutscher und kein Pferdebesitzer riskiert das Leben seines Tieres», sagt Hollenstein. Das sieht Olivier Bieli anders. Mit der Kampagne «Für eine Basler Fasnacht ohne Tiere» kämpfen er und sein Verein Hilfe für Tiere in Not seit einem Jahr für eine Fasnacht ohne Pferde.

Er hat bereits 1500 Unterschriften gesammelt. Nach der Bekanntgabe der Neuerungen ist für den Tierschützer klar: «Wir werden weiter kämpfen!» Stress und Belastungen seien für die «sensiblen Herdentiere» zu gross und könnten aus Tierschutzsicht nicht akzeptiert werden, sagt Bieli. Hinzu käme das «hohe Sicherheitsrisiko», dem Besucher und Tiere ausgesetzt seien. Pferde seien nur schwer bis gar nicht mehr zu stoppen, wenn sie erst einmal durchbrennen. Das könnte «verheerende Folgen» haben.

Eine Studie der Universität Zürich zum Sechseläuten hat ergeben, dass die Teilnahme für das Tier nicht stressiger als eine Spring- oder Dressurprüfung ist. Angehende Tiermediziner hatten die Stressbelastung von 23 Pferden untersucht, die für neun Zünfte am Sechseläuten teilnahmen. 

Erfahrung ist ausschlaggebend

Unterschiede zeigten sich zwischen erfahrenen und unerfahrenen Pferden: Tiere, die zum ersten Mal am Sechseläuten teilnahmen, hatten eine deutlich höhere durchschnittliche Herzfrequenz. Die Forscher schlossen daraus, dass es sich lohnt, Tier und Reiter im Vorfeld auf die Reize und Anforderungen eines solchen Anlasses vorzubereiten.
Olivier Bieli lässt sich dadurch nicht umstimmen: «Die Pferde müssen sich weiter in nächster Nähe zu Cliquen und Guggen aufhalten, viel zu laute Geräusche erdulden, hinter den Auspuffanlagen der Wagen stehen und sich mitten durch die nervösen Menschenmassen bewegen.» Für ihn gibt es nur eine Lösung: Ein Tierverbot an der Fasnacht. Von der Aussage, Chaisen gehörten nun mal zur Fasnacht, hält er nichts: «Scheinbar muss zuerst ein tragischer Unfall erfolgen, um die Augen von Comité und Ämtern zu öffnen», sagt er. «Wir sind enttäuscht über diese Farce.»