Sie mussten es tun. Die Uhr Stand auf fünf vor zwölf, High Noon. Sie mussten es tun - oder langsam untergehen. Die Betreiber des Stadtkino Basels haben sich einen digitalen Filmprojektor angeschafft.

Bevor das Stammpublikum, die Liebhaber des körnigen Originals mit knisternder Seele, entsetzt aufschreit und aus dem Stadtkinosaal flieht: Keine Angst, das Stadtkino behält die alten 35mm- und 16mm-Projektoren!

«Wir verstehen uns als Filmmuseum», sagt Stadtkino-Direktorin Nicole Reinhard, «wir müssen in der Lage sein, sämtliche Formate zu spielen.»

Immer mehr Filme sind nur noch digital erhältlich, jene ab 2011 sowieso. Doch digitale Technik bedeutet nicht, dass damit nur noch neuste Film projiziert werden können. Im Gegenteil.

Das Stadtkino beweist es überdeutlich: Der allererste Film, den es an der Einweihungsfeier von übermorgen Donnerstagabend mit dem neuen Projektor abspielen wird, ist 100 Jahre alt: «Ma L'amor mio non muore!», ein Stummfilm von 1913.

Digitalisierung kaputter Originale

Die digitale Revolution kommt also auch den Film-Nostalgikern zu Gute. Mit den entsprechenden Daten gefütterte Computer können bislang für zerstört erklärte Filme wieder zurück in die Zukunft holen. Zum Beispiel Georges Méliès «Le Voyage dans la Lune».

Das Stadtkino zeigt am 23. und 28. August sowie am 5. September eine 1993 entdeckte, handkolorierte Fassung des ersten Science Fiction Films, bei der jedes einzelne Bild aufwendig digital rekonstruiert wurde.

Erstmals in Basel zu sehen sein wird zudem die lange Originalversion des Filmklassikers «Metropolis». Das 16mm-Negativ von 1927, auf dem es beruht, ist 2008 in Buenos Aires gefunden worden.

Die Liebesgeschichte bekomme darin viel mehr Raum, als in der bisher bekannten, nachträglich gekürzten Version, erzählt Beat Schneider, stellvertretender Direktor des Stadtkinos.

Manche Rekonstruktionen müssen allerdings mit Vorsicht genossen werden: Wenn die Filmemacher von einst nicht mehr leben, so bleibt den Restaurateuren viel Interpretationsspielraum. Je nachdem, welche Daten sie wie programmieren, können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen: Andere Farben und Lichtwerte, andere Bilder.

Enttäuscht war Nicole Reinhard etwa von der digitalen «Jaws»-Fassung - «ein kraftloses Leuchtbild». Wieder mit derselben Technik versöhnt hat sie der neue «Taxi Driver» - «diese Farbtiefe, Sattheit» (ab 23.8. vier Mal im Stadtkino). Die neue Technik kann auch einen auf alt machen, kann Filme körnig analog mit kleinen, sympathischen Fehlern erscheinen lassen.

Noch eine Gefahr birgt die digitale Revolution: dass Filme nicht mehr für die Nachwelt gesichert werden. Analoge Filmrollen sind bis zu rund hundert Jahre haltbar. Man kann sie in die Hand nehmen und sieht sofort, was darauf ist.

Digitale Informationen dagegen müssen ständig wieder auf neuen Trägern gespeichert und katalogisiert werden: Das ist aufwendig und teuer. Wer kann sich das in Zukunft noch leisten? Die Cinématheque Suisse kämpft dem Vernehmen nach mit Geldproblemen.

Kommt hinzu, dass sich die Speichermaterialien und Formate ständig ändern. (Wer kann sich noch Daten auf den einst populären Floppy Disks anschauen?) Pessimistenfürchten gar, dass unsere Zeit rückblickend zum digitalen Mittelalter verkomme, über das künftige Generationen wenig wissen werden, weil sehr viel digital gespeicherte Informationen über unsere Kultur und unsere Werke verloren gehen werden. «Es wird viele weisse Flecken in der Filmgeschichte geben», befürchtet auch Beat Schneider.

Nicht zuletzt werde es auch immer schwieriger, Operateure für die alten, analogen Geräte zu finden. Filmmuseen wie das Stadtkino Basel müssen ihre Leute selbst schulen.

Investition von 150'000 Franken

150'000 Franken hat die Digitalisierung und Modernisierung des Stadtkinos gekostet. Die Umstellung ist schwierig zu stemmen für die nicht-kommerziellen Kinos. Stiftungen, Mitglieder und Freunde haben das Stadtkino unterstützt. «Es hat uns wahnsinnig gefreut, dass sich so viele Menschen mit uns solidarisch gezeigt haben», sagt Reinhard.

«Etwas verändert sich; das ist immer beides zugleich, der Abschiedsschmerz und die Zukunftshoffnung«, schreibt der Filmexperte Georg Seesslen in seinem schönen Essay im neuen Stadtkino-Programmheft. Und Nicole Reinhard sagt: «Wir freuen uns, dass wir nun alles haben, alles spielen können und so unbeschwert in die neue Saison gehen können.»

Eröffnungsfilm und Feier am 22. August um 18.30 und 21.15 Uhr. Programmübersicht: www.stadtkinobasel.ch