Es muss fürchterlich gewesen sein in Teilen des St. Johann. Täglich waren es 20 000 Autos, die sich hauptsächlich von Frankreich her durch das Quartier wälzten. Mit der Fertigstellung der Nordtangente, die die Schweizer und französische Autobahn miteinander verbunden hat, nahm die Verkehrsbelastung auf den Lokalstrassen ebenso ab wie die Luft- und Lärmbelastung, auch wenn sie in der Voltastrasse immer noch über dem Grenzwert liegt.

Darauf verweist zumindest der vom Amt für Mobilität im März 2015 vorgelegte «Kurzbericht Wirkungskontrolle Nordtangente». Auch die Unfälle nahmen demnach im Bereich der Nordtangente deutlich ab. Der Bau des 3,2 Kilometer langen Autobahnabschnitts, der zu 87 Prozent unterirdisch verläuft, dauerte 14 Jahre und wurde 2008 mit der Eröffnung des Anschlusses Luzernerring abgeschlossen.

Dem Baubeginn 1994 waren lange politische Diskussionen vorausgegangen. Das Nationalstrassenprojekt sollte schliesslich mit Gesamtkosten von 1,55 Milliarden Franken das teuerste Strassenprojekt der Schweiz werden – Kosten, die sich auch durch die notwendige Querung des Rheins ergaben.

Gefahr der Verslumung

«Vorher wurde nicht mehr in den Wohnungsbau investiert. Die Nordtangente war für das Quartier ein absoluter Befreiungsschlag», betont Martin Sandtner, Leiter des Planungsamts des Kantons Basel-Stadt. «Während der Bauarbeiten hat es allerdings durchaus teilweise die Gefahr der Verslumung des Quartiers gegeben, weil es über mehrere Jahre stark belastet war. Dies führte zum Wegzug namentlich vieler junger Familien», ergänzt Peter Jossi (SP), Präsident des Stadtteilsekretariats Basel-West. Zu diesem 2011 als Erweiterung der Quartierkoordination St. Johann entstandenen Netzwerk der Quartierorganisationen in Basel-West gehören aktuell rund 45 Mitglieder. Eine der wichtigen Aufgaben besteht darin, mit der Verwaltung die Mitwirkungsverfahren zu aktuellen Projekten der Quartierentwicklung zu organisieren.

«Im St. Johann gibt es viele traditionelle Wohnlagen und attraktive Wohnungen, die um die 100 Jahre alt sind» charakterisiert Jossi das Quartier. Dazu gekommen sind mit der Fertigstellung der Nordtangente etliche neue Bauten zwischen Voltaplatz, Lothringerplatz und Vogesenplatz.

Ins Erdgeschoss von Volta Mitte wurde mit der Coop, der Basler Kantonalbank und einer Apotheke ein Dienstleistungszentrum geschaffen. Auch das Gebäude Volta West mit seinen Backsteinfassaden ist gut ausgenutzt. «Ewas schleppend» laufe laut Sandtner hingegen die Erdgeschoss-Nutzung des Gebäudes Janus, das bei der Apotheke am Voltaplatz beginnt.

Klassische Nutzungen fehlen

Janus ist der langgezogene Baukomplex zwischen Voltaplatz und Vogesenplatz. Klassische Nutzungen aus Gewerbe und Detailhandel seien hier ausser der Apotheke noch nicht heimisch geworden, erklärt Jossi. Für die Belebung des Strassenzugs sorgten jedoch gleich mehrere Angebote für Kinder wie Kindergarten, Tagesstrukturen oder Day Care Center, was die wachsende Beliebtheit des Quartiers für junge Familien aufzeige.

Einig sind sich Jossi wie Sandtner, dass die «Gentrifizierung», die Verdrängung der eingesessenen Bevölkerung durch wohlhabendere Zuzüger, nicht im befürchteten Ausmass stattgefunden habe. «Die Erhaltung und Neuschaffung von bezahlbarem Wohnraum bleibt jedoch weiterhin wichtig, gerade weil das Quartier an Attraktivität gewonnen hat», so Jossi.

Generell positiv sieht man auch beim Neutralen Quartierverein St. Johann die Auswirkungen der Nordtangente. Allerdings gebe es andere Verkehrsprobleme. «Der Suchverkehr hat zugenommen – vor allem am Abend», kritisiert der langjährige Präsident Mario C. Ress. Viele Elsässer Pendler würden verbliebene weisse Parkplätze nachts mit Geschäftsfahrzeugen blockieren und tagsüber den eigenen Pw dort abstellen.

«Das zweite Problem ist die Zunahme des Verkehrs um 200 bis 300 Prozent, wenn es ein Problem in den Tunneln gibt oder sie gereinigt werden», fügt Ress hinzu. Nicola Baier, seit Frühjahr Nachfolger von Ress, sieht den Voltaplatz als Problem. «Es ist unangenehm, ihn als Fussgänger zu queren.»

Vogesenplatz ohne Bäume

Kritik gibt es bisweilen am Vogesenplatz, der ohne Bäume auskommen muss, da darunter die unterirdische Verzweigung zum Luzernerring verläuft. «Sie ermöglicht die Anbindung von Basel-West, ohne dass man durch das Quartier fahren muss», erläutert Martin Sandtner. «Nach einem massiven Eingriff von der Grössenordnung des Nordtangenten-Baus braucht es viel Zeit, bis ein lebendiges Quartier entsteht», ist Jossi überzeugt. Eine positive Rolle dürfte der für 2023 geplante Neubau des Naturhistorischen Museums und des Basler Staatsarchivs beim Bahnhof St. Johann spielen.

So gut wie gar nicht genutzt wird das unterirdische Veloparking am Vogesenplatz. Dies hängt damit zusammen, dass der S-Bahnhof St. Johann, der an sich als Verkehrsknotenpunkt geplant ist, «nicht funktioniert», wie es im erwähnten Kurzbericht heisst. Demnach habe es 2012 pro Tag nur 100 Fahrgäste im Bahnhof gegeben.« Der Bahnhof St. Johann spielt seine Rolle nicht, obwohl er grosses Potenzial hat», analysiert Jossi. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die französische S-Bahnlinie nicht mehr in die Schweiz durchgebunden ist; es halten nur wenige Züge.

Wichtig für die weitere Entwicklung des Quartiers ist neben dem Bahnhof die Umnutzung von Volta Nord, dem heutigen Lysbüchel-Industrieareal zwischen Elsässerstrasse und Bahngeleisen. Auf einem Teil des Areals ist bis 2016 Coop noch mit seiner Bäckerei und bis 2018 mit seinem Verteilzentrum beheimatet. Geplant ist dort eine Primarschule. Auf weiteren Arealbereichen will die Stiftung Habitat Wohnungen bauen. Das nördliche Areal soll für die gewerbliche und industrielle Nutzung erhalten bleiben.

«Das laufende Mitwirkungsverfahren hat vor allem zum Ziel, unter Einbezug aller Betroffenen und interessierten Kreisen, die Grundlagen für ein positives Zusammenspiel der verschiedenen Nutzungsformen zu schaffen», so Jossi.