Fall Ilias

Die Ohnmacht der Behörden: Der Basler Fall der Alice F. und eine Zürcher Parallele

Ein Bild vom Trauermarsch für den 7-jährigen Ilias, der vor einem Jahr von einer 75-jährigen Frau erstochen worden ist. (Archivbild)

Ein Bild vom Trauermarsch für den 7-jährigen Ilias, der vor einem Jahr von einer 75-jährigen Frau erstochen worden ist. (Archivbild)

Alice F. ist seit Jahrzehnten eine pathologische Querulantin. Die Strafverfolger ermittelten mehrfach gegen sie wegen Gewalt und Drohung gegenüber Beamten und Behörden. Dreimal wurde sie psychiatrisch begutachtet, ihre wahnhafte Erkrankung dokumentiert. Zweimal zogen die Behörden Alice F. im Rahmen des fürsorgerischen Freiheitsentzugs aus dem Verkehr. Therapeutische Massnahmen und medikamentöse Behandlung erachteten die Psychiater jedoch als aussichtslos, da Alice F. keine Einsicht zeige. Dies geht aus der Anklage hervor.

Wie kann es sein, dass die Behörden nicht handelten, selbst als sich der Wahn bei Alice F. in den Wochen vor der Tat wieder verdichtete? Die «Weltwoche» spekulierte, die Basler Behörden verfügten wohl nicht über das nötige Instrumentarium, um die Bedrohung richtig einschätzen zu können. Wäre die in Zürich praktizierte «Octagon»-Checkliste angewendet worden, hätte sich eine Intervention aufgedrängt, mutmasst die Zeitschrift. Anders gesagt: Der Tod des 7-jährigen Ilias hätte verhindert werden können.
Wie schwierig es jedoch ist, die Öffentlichkeit zu schützen, zeigt ein aktueller Fall einer Frau aus Zürich: Sie gibt an, 2004 mit einem Messer verletzt worden zu sein, doch die Polizei nehme sie nicht ernst und habe ihre Anzeige falsch protokolliert. Immer wieder wird sie vorstellig. Am 23. April 2013 schreibt sie der Zürcher Polizei E-Mails, dass sie am Freitag dieser Woche erneut vorsprechen werde und weiter: «Wenn W. (ein Beamter der Kantonspolizei) wieder falsch protokolliert, muss ich mir ernsthaft überlegen, das, was sie mir unterstellen, zu sein: eine Mörderin, auch zu werden.» Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Verfahren und setzt die Frau wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte in Untersuchungshaft.

Knapp an der Eskalation vorbei und ans Bundesgericht

Nach gut zwei Monaten kommt sie frei, nur drei Wochen später droht sie erneut: Man brauche sich nicht zu wundern, wenn sie die Nächste sei, die Amok laufe. Wieder wird sie in Untersuchungshaft gesetzt. Bis vor Bundesgericht beschwert sich die Frau, damit die Untersuchungshaft aufgehoben wird. Das oberste Gericht zitiert aus dem psychiatrischen Gutachten, die Frau habe neben der querulatorischen Tendenz auch «eine Progredienz hinsichtlich wahnhaften Erlebens». Sie hat eine paranoid-narzisstische Persönlichkeitsstörung wie Alice F. Das Bundesgericht billigt zwar die insgesamt auf zehn Monate ausgedehnte Haft der Zürcher Querulantin, doch damit sei «das zulässige Mass ausgeschöpft».

Die Frau kommt frei, der Wahn hält an. 2017 wird sie wegen Drohungen gegen Behörden und Beamten zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen verurteilt. Im vergangenen November eskaliert die Situation. In E-Mails an die Zürcher Kinder- und Erwachsenen-Schutzbehörde schreibt sie, das Verhalten eines Behördenmitgliedes fordere «direkt zu einem Amoklauf» auf. An Staatsanwälte schreibt sie, «die einzig richtige Endlösung für uns alle ist die Ermordung von Euch Nazi Stasi Arschlöchern». Auf allen Kanälen kündet sie «die Tötung von Menschen» an, sollten die Behörden nicht auf ihre Forderungen eingehen.
Die Frau wird verhaftet und geht wieder den Instanzenweg – erfolgreich: Das Bundesgericht verfügt am 23. Januar, die Frau sei innerhalb von zehn Tagen zu entlassen. Denn die Beschwerdeführerin anerkenne einen «gewissen Behandlungsbedarf». Unter der Auflage, dass sie die Medikamente nehme, sei es «unter Verhältnismässigkeitsgesichtspunkten» gerechtfertigt, sie zu entlassen.

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Autor

Christian Mensch

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