Emeritierung

«Die Pflanzen wissen genau, wann das Wetter ihnen etwas vorgaukelt»

Die Harmonie von Pflanzen, Wasser und Steinen fasziniert Christian Körner – ob in der freien Natur, im eigenen Garten oder – wie im Bild – im Botanischen Garten der Universität Basel.

Die Harmonie von Pflanzen, Wasser und Steinen fasziniert Christian Körner – ob in der freien Natur, im eigenen Garten oder – wie im Bild – im Botanischen Garten der Universität Basel.

Der Basler Botanik-Professor Christian Körner hält heute seine Abschiedsvorlesung. Er hat in seinen Experimenten auch die Auswirkung von CO2 auf den Wald erforscht, zum Beispiel in Hofstetten.

Herr Körner, seit über 40 Jahren studieren Sie das Leben von Pflanzen im alpinen Raum. Ist Ihnen das nie langweilig geworden?

Christian Körner: Nein, die Leidenschaft dafür wird sogar immer stärker. Das war immer mein Thema und das werde ich sicher nach meiner Pensionierung weiter führen.

Was ist das daran so spannend?

Das Gebirge ist ein Experimentierfeld, das die Natur uns gratis liefert. Für andere Experimente muss man Millionen in die Hand nehmen. Aber dort hat man auf kleinstem Raum ganz grosse Kontraste und kann studieren, wie Pflanzen auf Licht, Temperatur und Nährstoffe reagieren.

Wie unterscheidet sich das Leben einer Alpenrose am Sustenpass vom Leben eines Gänseblümchens im Basler Kannenfeldpark?

Der Hauptunterschied zwischen Tal und Gebirge liegt bei der Steuerung des Lebensrhythmus im Jahresgang. Die Pflanzen wissen sehr genau, wo sie leben und wann das Wetter ihnen etwas vorgaukelt. Es kann im Gebirge im April sehr warm sein, aber die Pflanzen rühren sich nicht. Weil sie in ihrem evolutiven Gedächtnis gelernt haben: Vor Ende Mai geht nichts.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit war die Untersuchung der Baumgrenze. Wissen Sie jetzt, warum die Bäume ab einer bestimmten Höhe nicht mehr wachsen?

Ja, dass wir die Waldgrenze jetzt erklären können, nachdem jahrhundertelang herumgerätselt wurde, freut mich. Früher hat man gedacht, die Bäume können nicht genug Fotosynthese betreiben, weil es zu kalt ist. Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass es nicht an der Fotosynthese liegt. Es mangelt an der Fähigkeit, bei Temperaturen unterhalb von fünf Grad Celsius Gewebe zu bilden, also zu wachsen.

Zu Beginn Ihrer Karriere war der Klimawandel noch kein Thema. Doch dann waren Ihre Untersuchungen zur Auswirkung von Kohlenstoffdioxid (CO2) auf das Wachstum von Pflanzen plötzlich brandaktuell.

Ich bin kein Klimatologe und beschäftige mich nicht mit der Erwärmung direkt. Als Biologe interessiert mich primär, ob die Erhöhung des CO2 eine Wirkung auf die Pflanzen hat. Es war für mich eine Provokation, dass Anfang der 1990er-Jahre Prognosen aufgrund von völlig unpassenden Experimenten in die Welt gesetzt wurden, die es einer breiten Öffentlichkeit erscheinen liessen, als ob das gar nicht so schlecht sei. Es wurde erzählt, die Pflanzen fischen das CO2 wieder aus der Atmosphäre, dann ist das nicht mehr so schlimm mit dem Treibhauseffekt.

Inwiefern waren die Experimente unpassend?

Wenn ich Pflanzen in Nährlösung ziehe, ohne Nachbarn, mit viel Licht und Wärme, dann wachsen die natürlich wie verrückt. Mehr CO2 im Gewächshaus gibt mehr Tomaten. So ein Modell ist für den Amazonaswald oder den Allschwiler Wald nicht relevant. Deshalb habe ich Experimente auf Wiesen, in Wäldern und im Hochgebirge anstatt im Gewächshaus durchgeführt. In keinem Fall wurde durch CO2 das Wachstum erhöht. Das überschüssige CO2 in der Atmosphäre wird nicht von den Pflanzen geschluckt. Dieses Ergebnis war für viele schwer verdaulich, vor allem in Amerika.

Trotzdem hat Ihnen die Ecological Society of America letztes Jahr die Ehrenmitgliedschaft verliehen und würdigte Sie als «einen der produktivsten und einflussreichsten Ökologen der Welt».

Das war schon eine Genugtuung. Ich war dort nämlich immer das Enfant terrible, bin von einer Konferenz auf die andere und habe gesagt: Das ist falsch, wie ihr das darstellt. Ich bin jahrelang gegen den Strom geschwommen, um jetzt zu erleben, dass ein Umdenken stattfindet.

Der Titel Ihrer Abschlussvorlesung ist «Pflanzen am Limit». Sind Sie als Forscher auch einmal an Ihre Grenzen gestossen?

Ich hätte Visionen gehabt zu viel grösseren Experimenten, die in der Schweiz schlichtweg nicht finanzierbar sind. Ich hatte den Traum, einen ganzen Naturwald in die Zukunft zu versetzen und zu studieren. Wir haben weltweit einen grossen Fehler gemacht, dass die CO2-Forschung nicht international gebündelt wurde. Physiker und Astronomen haben es besser geschafft, grosse Visionen umzusetzen, zum Beispiel mit dem Hubble-Teleskop.

Vor einigen Jahren haben Sie eine blühende Pflanze auf 4'505 Metern Höhe gefunden – eine kleine Sensation. Wo war das?

Das war am Dom, dem höchsten Berg, der der Schweiz ganz gehört. Man beginnt um drei Uhr früh auf 3'000 Metern mit dem Aufstieg und kann dann um neun Uhr – fünfzig Meter unter dem Gipfel auf dessen Südflanke – auf eine blühende Pflanze treffen, den Gegenblättrigen Steinbrech. Ich habe dort oben die Temperatur gemessen. Es ist nach heutigem Wissen der kälteste Punkt auf der Welt, an dem je eine Blütenpflanze gefunden wurde.

Haben Sie einen Lieblingsort in den Schweizer Bergen?

Ich war schon als Kind ein Ästhet. Pflanzen, Wasser, Steine – wo das zusammenkommt, gibt es eine Harmonie. Solche Orte gibt es viele in der Schweiz. Diese Stellen suche ich immer in der Landschaft und so habe ich auch meinen Garten eingerichtet.

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