Freundlich grüsst er die Patientin. «Guten Tag Frau Elena*, mein Name ist Hakki Picakci», sagt der Pflegefachmann und zieht den hochbeinigen Wagen ans Bett. Die Patientin steht kurz vor dem Austritt, er fragt sie nach dem Befinden. «Danke, alles bestens!» Er schreibt dies sogleich in den Computer, der in den Trolley integriert ist. «Heute ist Herr Dr. Haus* Ihr Arzt, und ich bin mit den beiden Auszubildenden unterwegs», sagt Picakci. Das notiert er auf eine Wandtafel, gut sichtbar für die Patientin und das Personal. Dort sind auch Austrittsdatum und eventuelle Therapien ersichtlich. Hier, auf der Abteilung der Chirurgie 6.2 des Universitätsspitals Basel (USB), wurde am 27. Oktober vergangenen Jahres ein neues Managementkonzept eingeführt, das Lean Hospital Management.

Vermehrt Teamarbeit

«Lean» heisst schlank und bedeutet letztlich, dass unnötige Arbeitsgänge weggelassen und Wege verkürzt werden, dass die Arbeit klar strukturiert, teilweise standardisiert, ist. Und dass alles auf die Bedürfnisse der Patienten ausgerichtet ist. Pflege und medizinische Versorgung soll als Teamarbeit verstanden werden, was Transparenz und Kommunikation erfordert.

Was alles so selbstverständlich und einfach klingt, ist effektiv ein komplexer Prozess, bei dem vieles wie Zahnräder ineinander greift. Und besonders anspruchsvoll ist die Umstellung von einer Organisation bisherigen Zuschnitts. «Wir hatten beispielsweise lange Wege und mussten diese täglich x-fach zurücklegen. Vom Patienten zum Stationsbüro, wieder zurück zum nächsten, und so weiter.», sagt Christine Gregor, Stationsleiterin der Chirurgie 6.2. «Zehn Kilometer Gehdistanz pro Tag waren keine Seltenheit.» Mit dem Pflegewagen entfällt der Gang ins Büro, weil dieser gleich mit zum Patienten genommen wird. Ausserdem ist der Wagen mit den wichtigsten Medikamenten und Materialien sowie mit den individuellen Medikamentenboxen versehen.

Disziplin erforderlich

Neu ist, dass die Pflege jede Stunde beim Patienten vorbei kommt. Das ist ohne Mehraufwand für das Personal möglich, weil die internen Arbeitswege teilweise entfallen. «Die Patienten wissen dank dieser zeitlichen Regelung, woran sie sind, und das schätzen sie sehr», sagt Gregor. Die Rufglocke wird praktisch nicht mehr gebraucht. «Wir haben festgestellt, dass die Sturzrate gesunken ist, zumindest tendenziell», sagt USB-Sprecherin Sabina Heuss.

Die stündlichen Besuche erfordern aber Disziplin. Auch Ärzte, die es früher manchmal nicht so genau nahmen, haben jetzt pünktlich zur Visite zu erscheinen. Wenn es zu einer Verspätung kommen sollte, beispielsweise wegen einer länger dauernden Operation, muss dies unverzüglich gemeldet werden.

Gegenseitige Information

Zwei Mal täglich trifft sich das ganze Team – Ärzte, Pflege- und Pflegefachpersonal – zu einer Kurzsitzung im Gang an einem Informationsbrett, dem sogenannten Huddle Board («Huddle» ist das kreisförmige Mannschaftszeremoniell im Football). Hier sieht man auf einen Blick den Stand der Dinge auf der Station: Eintritte, Austritte, Spezialfälle, Besuche, Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit, Belastungsspitzen und Ähnliches. Es wird koordiniert, informiert oder Verbesserungen an den Arbeitsabläufen vorgenommen.

Umstellung behagte nicht allen

Sehr anspruchsvoll war die Umstellung auf das «Lean Hospital Management». «Alle Beteiligten waren sehr gefordert», sagt Stephan Schärer, Leiter Fachbereich Pflege Chirurgie. Die Umstellung musste von einem Tag auf den anderen vorgenommen werden und sofort funktionieren. Die Vorbereitungen dauerten ein halbes Jahr.

Nicht allen hat die Umstellung behagt. Es hätten deshalb auch Mitarbeitende gekündet, heisst es aus Personalkreisen. Gewisse Patienten neigten dazu, jedes Mal ihre ganze Geschichte auszubreiten und das Personal zu vereinnahmen, sagt eine betroffene Person.

Wie weit die Kritik reicht, ist von aussen schwierig zu erkennen. Allenfalls sei es in diesem Zusammenhang zu vereinzelten Kündigungen gekommen, heisst es beim USB. Auch Sprecherin Sabina Heuss bestreitet nicht, dass es Vorbehalte gegen das neue System gäbe. Gewiss sind auch nicht alle Patienten gleich «einfach». Nur: In diesem System gehöre der engere Patientenkontakt zum Pflegealltag.

Im grossen Ganzen sei die Belegschaft sehr zufrieden. Viele sagen heute, sie möchten nie mehr zum alten System zurück. «Das Ganze hat nur Vorteile», sagt Oberarzt Malte Rieken, der seit 2007 auf dieser Abteilung arbeitet. Und Pfleger Picakci meint: «Die Arbeit ist viel strukturierter, es gibt viel weniger Feuerwehrübungen.»

Auch Notfall und Augenklinik

Im USB haben die Notfallstation und das Augenspital auf «lean» umgestellt. Auf der Notfallstation habe die Reorganisation zu einer Reduktion der Wartezeit bis zum ersten Arztkontakt von drei Stunden auf im Schnitt 30 Minuten geführt. Geübt haben Ärzte und Pflegepersonal das neue System in einer derzeit leeren «Geschützen Operationsstelle» (Gops), wo Situationen auf der Notfallstation nachgestellt werden konnten.

*Namen geändert