I see trees of green,
red roses too
I see them bloom
for me and you
And I think to myself
what a wonderful world.

«What a Wonderful World», der optimistische Protest von Louis Armstrong gegen die harsche US-Politik in Zeiten von Bürgerrechtsbewegung und Vietnamkrieg: Es ist ihr Song. Nadine Gautschi singt ihn dutzendfach, quer durch die USA, von Kleinstadt zu Kleinstadt, 50'000 Meilen verbringt sie im Bus. Immer auf einer kleinen Bühne, oft vor grossem Publikum. Sie ist 19 Jahre alt.

Mit der Matur im Sack und einem angehängten Englischkurs in Australien tingelt sie ein Jahr mit einem Musical-Ensemble durch die Staaten. Meist tanzt sie im Hintergrund, Armstrongs Ballade ist ihr Solo. Danach wird sie Wirtschaft studieren, in der internen Revision von Erns&Young anheuern und dafür auf der ganzen Welt arbeiten. Sie wird zu Syngenta wechseln, ihren Mann kennenlernen und schon kurz darauf heiraten. Sie wird nach London ziehen und mit knapp dreissig Jahren eine Familie gründen.

Der einjährige Trip durch den mittleren Westen der USA mag als flippige Episode in einem ansonsten bürgerlichen Leben erscheinen, als kurzer Aussetzer in einer rasanten Karriere. Doch was die junge Studentin 1992, als durchschnittliche Sängerin antrieb, ist ihr geblieben: eine unbändige Neugier für das Unbekannte. Aus dem gleichen Grund will sie jetzt in die Basler Politik. So ist Nadine Gautschi, 47, Regierungsratskandidatin der FDP.
Ein Glücksfall für die

Basler FDP

Wir treffen Nadine Gautschi bei ihr zu Hause. Sie sitzt am Gartentisch; ihre ganze Erscheinung ist weiss: Hose, Bluse, und natürlich ihre schlohweissen Haare bis zu den Schultern. Kontrast bieten lediglich die runde Brille, zwei schmale Augen dahinter und eine rote Kette um den Hals.

An diesem Tisch findet Gautschis soziales Leben statt. «Fast jeden Sonntag» bewirtet sie Freunde und Familie; sie sei eben eine leidenschaftliche Köchin. Gautschi wohnt im Pfarrhaus der Tituskirche auf dem Bruderholz, einem Monolithen aus Sichtbeton. Hier hat sich die Familie Gautschi schliesslich niedergelassen. Das war 2010, nach mehreren Jahren als Expats in Singapur, wo Mann Christian für die UBS gearbeitet hat. Wieder in der Heimat trafen sie auf für sie rückständige Strukturen: keine Kitas, keine Mittagstische für ihre drei Kinder.
Nadine Gautschi war politisiert.

Sie trat dem Elternbeirat an und wurde Kritikerin des Erziehungsdepartements. Die «Tageswoche» nannte sie despektierlich die Anführerin einer «Hausfrauenguerilla», mit der sie sich gegen die Schulharmonisierung wehrte. 2012 kandidierte sie für die FDP, bald darauf ist sie Vizepräsidentin. Sie sei ein «Glücksfall» sagt Parteipräsident Luca Urgese. In der FDP gibt es wenig Frauen, Gautschi trat in eine Lücke. Dabei bewegt sie sich nicht stramm auf Parteilinie – typisch für Quereinsteiger.

Knapp ein Jahr nach ihrem Beitritt meldete sich Gautschi erstmals kritisch zu Wort gegen die nationale Parteileitung. «Für mich als weibliches Mitglied der FDP ist der Entscheid der kantonalen Parteipräsidenten, sich gegen den Verfassungsartikel zur Familienpolitik auszusprechen, sehr enttäuschend», schrieb sie in einem Leserbrief.

Aktuell sorgt in der FDP ihre Position zur BVB für «Diskussionen», wie Präsident Urgese sagt. Gautschi kann sich eine Wiedereingliederung der BVB in die Verwaltung durchaus vorstellen: «Man sollte zumindest darüber diskutieren», findet sie. Sie weiss, von welchen Strukturen sie spricht: Sie war jene BVB-Verwaltungsrätin, welche sich gegen die Million für Saint-Louis sträubte und über Regierungsrat Hans-Peter Wessels gegenüber der Geschäftsprüfungskommission auspackte. «Ich habe es ihm schwer gemacht», sagt Gautschi, die darauf selbst in sozialen Medien beschimpft wurde. Sie sagt: «Ich würde es wieder tun.»

Die schwierigste Zeit in ihrem Leben

Wir treffen Nadine Gautschi einige Tage später erneut. Sie grüsst beschwingt und müde gleichzeitig: Am Abend zuvor haben sie FDP, LDP und CVP offiziell als Regierungskandidatin nominiert. Jetzt kann sie loslegen.

Was sie denn für Visionen habe? An der jetzigen Politik stört sie vor allem eines: «das langfristige Alimentieren, das es schwierig macht, aus der staatlichen Abhängigkeit herauszukommen» sagt Gautschi und meint die steigenden Sozialkosten. «Jeder kann eine Aufgabe erfüllen.» Eine klassisch neoliberale Haltung, doch aus dem Mund von Nadine Gautschi nicht frei von Widersprüchen:

Ihre schwierigste Zeit erlebte sie, als ihr Mann während eineinhalb Jahren arbeitslos war. Schliesslich stieg sie wieder in die Arbeitswelt ein, bis ihr Mann in Singapur einen Job fand. Leute in die Arbeit zu integrieren: Für Gautschi eine klassische Staatsaufgabe. Ohnehin ist sie nur dort für eine schlanke Verwaltung, «wo es Sinn ergibt». Sie selber arbeitet im Basler Justizdepartement.

Noch einen zweiten Basler Skandal erlebte Gautschi aus nächster Nähe. Seit einem Jahr ist sie verantwortlich für das Ressort Personal in der Römisch-Katholischen Kirche. Im vergangenen Herbst kam es zum Eklat, als in Riehen ein verurteilter Sexualstraftäter Pfarrer werden sollte. Sie widersetzte sich der pastoralen Rangordnung und empfahl, den Pfarrer nicht einzustellen. «In all ihren Voten ist Nadine Gautschi konzis, überlegt und um Objektivität bemüht», attestiert ihr Kirchenratspräsident Christian Griss. Sie sei arbeitsam und integer, erledige ihre Arbeit fast emotionslos.

Sie steht für ihre Überzeugungen ein

Tatsächlich: Gautschi wirkt nicht, als wäre sie von einem feu sacré ergriffen. In all ihren Engagements zeichnet sich zwar das Bild einer Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht. Doch eine tiefgründige Ideologie ist dahinter nicht auszumachen. Auf manche wirkt das kühl. Aber Gautschi ist einfach pragmatisch: Geht es ums Geschäft, wird sie ernst, doch im persönlichen Gespräch ist sie sehr nahbar mit ihrer Offenheit und ihrer jugendlichen, manchmal sogar etwas derben Sprache. Sie sagt «shit» und «abgefuckt» und offenbart dabei den Einfluss ihrer Teenager.

Ob sie denn gläubig sei, wollen wir wissen.

Gautschi blickt entnervt zur Seite. «Diese Frage mag ich gar nicht. Ich weiss nicht, was Sie unter gläubig verstehen.»

Sie sei katholisch aufgewachsen, die Kirche sei ein vertrautes Heim.

«Was verstehen Sie unter gläubig?», hakt sie nach und schiebt sofort hinterher: «Also: Ich versuche mich so zu verhalten, als ob es Gott gäbe.»

Maximen helfen Gautschi, sagt sie. Sie hat mehrere.

Das Engagement für die RKK war denn auch mehr dem Zufall denn der Religiosität geschuldet: Als sich Familie Gautschi in Basel niederliess, war das Pfarrhaus zum Kauf ausgeschrieben. Erst durch die Nachbarschaft zum Gotteshaus entstand der Kontakt zur Pfarrei. Die Gemeinde auf dem Bruderholz ist ganz nach Gautschis Geschmack: fortschrittlich und gesellschaftsliberal. Hier halten auch Frauen die Predigt.

Frauenförderung ist Gautschi wichtig, auch das ein Kritikpunkt an ihrer Partei. Die aktuelle Situation findet sie unbefriedigend. «Die FDP hat die Frauenförderung vor etwa fünfzehn Jahren für eine geraume Zeit vernachlässigt. Man sieht ja, wozu das führt. Verlorene Zeit lässt sich schlecht aufholen.»

Aktuell sitzt mit Martina Bernasconi nur eine Frau für die FDP im Grossen Rat – und sie wurde noch für die Grünliberalen gewählt. Frauenquoten – unter Freisinnigen als Markteingriff verschrieen – sind für Gautschi ein gutes Mittel, um für Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen. Zumindest wenn es um den Staat oder staatsnahe Betriebe geht. Sie selbst hat bei der BVB davon profitiert. Ihr Feminismus stösst dort an Grenzen, wo er zu sehr in den freien Markt eingreift.

Gautschi sagt: «Ich habe kein Problem, wenn man mich als Quotenfrau bezeichnet. Auch als solche muss man sich erst beweisen.» Am 14. Juni schnupperte sie nur kurz am Frauenstreik. «Ich habe an diesem Tag gearbeitet und ging für eine Stunde auf die Strasse, dann war auch wieder gut.» Ihr passt die laute Systemkritik nicht, der Protest gegen den Kapitalismus, der «das Leben aller Frauen enorm verbessert hat».

Dann doch lieber Louis Armstrong.