Inwiefern spielt die Magie, die Mystik und das Übersinnliche in den Bildern Peter Doigs eine Rolle? Diese Fragen tauchen während der Beschäftigung mit Peter Doigs Malerei, die derzeit in der Fondation Beyeler in Riehen ausgestellt ist, fortwährend auf. Und es ist kein Zufall, dass mich zahlreiche seiner Gemälde an Bildkompositionen von Paul Gauguin erinnerten.

Bewusstseinsveränderungen

Dies tun sie weniger motivisch, obwohl die Strände von Tahiti und Trinidad bestimmt ähnliche Merkmale aufweisen, sondern mehr in der Art der Formen und Linien und der kontrastierten Verwendung von Farben. Dabei denke ich beispielsweise an Gauguins Bild «Day of the God (Mahana no Atua)» das sich heute im Art Institute in Chicago befindet, aber auch an den Formenteppich im Vordergrund und die wolkenhaften Formen zwischen den Bäumen von Gauguins «Ta Matete», das momentan noch im Basler Kunstmuseum hängt.

Auch bei Gauguin ist der Aspekt der Entrückung und dieser magische Moment spürbar, sich in eine andere Sphäre zu bewegen. Die Unberührbarkeit dieser aussereuropäischen Kulturen, die Gauguin faszinierte, verstärkt diese Möglichkeit des Hinübergleitens in eine extraterrestrische Dimension.

Von Peter Doig ist das Zitat überliefert «Die Malerei hat etwas Ursprüngliches». In der Tat hat die Malerei vielen anderen Künsten etwas voraus. Sie kann sich selbst erfinden, sie kann lügen, sie kann Dinge verbergen und sie hat sich den Zugang zu den eigenen Ursprüngen bewahrt. Es klingt absurd, aber in Gauguins Atelier in Atuana hing eine Reproduktion von Hans Holbeins Familienbildnis, das im Original in Basel hängt. Der retrospektive Blick von Peter Doig zu Gauguin, könnte rein theoretisch bis zu Holbein verlängert werden. In den Werken dreier Künstler stecken 500 Jahre Bildgeschichte: In der Tat, so etwas vermag nur Malerei!

Eine Gefühlssache gewiss, doch wer Malerei betrachtet und sich mit ihr befasst, hat es auch immer mit Gefühlen zu tun. Das mag die Kunstwissenschaft irritieren, aber die Künstler sind nicht immer die rationalen Wesen, als die sie sie gerne sehen würde. Die Malerei hat sich eine ursprüngliche Verbindung
zur menschlichen Gefühlswelt, zur menschlichen Intelligenz und zur menschlichen Entwicklung bewahrt.

Das Fliessen der Bilder

Bei Peter Doig wird dieses Übersinnliche – ich bin versucht, von einem «psychedelischen Moment» zu sprechen – durch eine Vielzahl von Aspekten erreicht. Er kombiniert in seinen Bildern ganz unterschiedliche Motivgruppen und erreicht damit fluidale Bedeutungsebenen. Eine eindeutige Einordnung verhindert er damit. In «Metropolitain (House of Pictures)» kombiniert er eine Vorlage von Honoré Daumier, die ein anachronistisches Interesse an Doigs Trinidad-Szenen zeigt. Und auch der Raum, in dem er sich befindet, ist ein Konglomerat eines Pariser Innenraums und einer Aussenansicht in Port of Spain (vgl. bz vom 11. Dezember). Der Erzählraum verlagert sich dadurch von Europa (Daumier) nach Amerika.

Doch nicht nur fluidale Bedeutungsebenen, sondern auch eine fluidale Farbkartografie ist auf seinen Bildern zu erkennen. Einmalig, wie sich der orangegelbe Farbklang in «Moruga», der Name bezieht sich auf einen Wahlkreis in Trinidad, in den dunklen Bereichen des Berges und des Wassers verkeilt. Oder wie die auskragenden Wolkenformen eine ornamentale Entsprechung auf der Wasseroberfläche haben. Man denkt an eine Gewitterstimmung und ist dabei gedanklich von William Turners Bild «Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour’s Mouth», das in der Tate Britain in London hängt, nicht weit entfernt. Gleichzeitig erinnert dieser Aufbruch des Flosses in der Bildmitte, an den antiken Mythos von Charons Fahrt über den Styx Richtung Hades. Das Malteserkreuz auf dem Segel könnte ein Hinweis auf Trinidad sein, wo sich über fünfzig Prozent der Bewohner zum christlichen Glauben bekennen. Und die Wolken finden eine Erklärung in nachfolgender Erzählung Doigs.

Von äusserer zu innerer Welt

Im Gespräch mit Ulf Küster erzählt Peter Doig über seine ersten Erfahrungen mit LSD. Kurz nach Einnahme von drei Tropfen, die sich auf einem Löschpapier befanden, fuhr er mit seinem Fahrrad zu seinen Freunden, die sich ebenfalls an diesem Experiment beteiligten. Peter Doig erzählt: «Während ich fuhr, wurde ich higher und higher und higher – das LSD war sehr stark, unglaublich stark. Ich war auf diese körperliche, mentale und visuelle Erfahrung überhaupt nicht vorbereitet. Ich erreichte die Strasse. Es war Samstagmorgen – alles war ruhig, niemand war draussen, abgesehen von meinen beiden Freunden, die mitten auf der Strasse standen. Sie schauten beide nur auf den Boden und staunten: ‹Sieh dir den Boden an!› Ich stieg also vom Fahrrad und stellte meinen Fuss auf den Boden, und die Strasse fühlte sich beinahe klebrig an, und als ich den Fuss wieder anhob, breitete sie sich aus, alle Risse im Asphalt breiteten sich aus. Es klingt klischeehaft, aber es stimmt, es war wirklich eine starke Erfahrung.»

Nicht einfach ist es, das Fluidum von Peter Doigs Kosmos zu erfassen. Wer sich damit befasst, sollte allerdings einen Aspekt nicht ausser Acht lassen: die eigenen Gefühle.

Peter Doig Fondation Beyeler, Riehen, bis 22. März 2015.