Wahlen Basel-Stadt

«Die Qualität einer Umfrage lässt sich vor allem am Ergebnis bemessen»

Das Ziel politischer Begierde: das Basler Rathaus. Martin Töngi

Das Ziel politischer Begierde: das Basler Rathaus. Martin Töngi

Wir wollen bereits vor den Wahlen am 23. Oktober wissen, wen sich die Baslerinnen und Basler in die Regierung wünschen und wie der Grosse Rat zusammengestellt sein soll. Experte Thomas Milic erklärt die Methodik der grossen Wahl-Umfrage der bz.

Herr Milic*, wie gewährleisten Sie, dass die Umfrage zu den Basler Wahlen, die bz und «Tageswoche» bei Sotomo in Auftrag gegeben haben, tatsächlich repräsentativ ist?

Thomas Milic: Zunächst: Kaum eine Umfrage — ob telefonisch oder online — ist repräsentativ in dem Sinne, dass sie ein verkleinertes, aber exaktes Spiegelbild des Elektorats darstellt. Zum Beispiel sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Wahlen in allen Umfragen stets überrepräsentiert. Diese Verzerrung wird durch eine nachträgliche Gewichtung korrigiert. Das ist im Übrigen eine Standardprozedur, die beispielsweise bei der Vox-Analyse wie auch bei Selects — der nationalen Wahlstudie — angewendet wird. Wir verwenden dabei ein Gewichtungsverfahren, das im Kontext der amerikanischen Präsidentschaftswahlen oder etwa auch bei der Brexit-Abstimmung schon vielfach erprobt wurde und sich auch bewährt hat.

Verschiedene Parteien und Kandidaten haben ihre Anhänger aufgefordert, an der Umfrage teilzunehmen. Verfälscht das nicht das Bild?

Nein, keineswegs. Der Punkt ist der folgende: Wir gehen von vornherein davon aus, dass die Stichprobe verzerrt ist. Eine linksliberale Tageszeitung wird beispielsweise eher links orientierte Leser und somit auch links orientierte Umfrageteilnehmer haben. Diese Art von Verzerrung lässt sich unter anderem mit Rückerinnerungsfragen jedoch sehr genau korrigieren. Insofern ist es gar erwünscht, wenn Parteien zur Teilnahme an Umfragen auffordern. Denn es erhöht die Teilnehmerzahl und damit die Qualität der Umfrage.

Teilnehmen kann man mehrere Male. Und das vom selben Computer aus. Wie filtern Sie das raus?

Mehrfachteilnahmen vom gleichen Computer und gleichen Browser erkennt unser Programm. Abgesehen davon haben wir Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um weitergehende Manipulationen oder massenhafte Teilnahme nachträglich identifizieren und herausfiltern zu können. Wenn nun aber jemand von verschiedenen Computern aus teilnimmt, so wird dies durch die Gewichtung korrigiert: Wählergruppen, die überdurchschnittlich stark teilnehmen, erhalten generell ein entsprechend geringeres Gewicht. Mit einer solchen Gewichtung ist es beispielsweise einem Team um Professor Andrew Gelman gelungen, auf der Basis einer enorm stark verzerrten Xbox-Stichprobe die US-Präsidentschaftswahlen sehr genau zu prognostizieren. Das dabei verwendete Verfahren ist zudem kein streng gehütetes Geheimnis. Der entsprechende wissenschaftliche Artikel ist für jeden auf dem Internet greifbar.

Ihre Umfragemethode, die ohne Telefonbefragungen auskommt, stösst bei ihren Mitbewerbern nicht auf ungeteilte Zustimmung. Sie halten die klassische Methode für zuverlässiger.

Interessant ist doch in diesem Zusammenhang, dass alle mir bekannten «Mitbewerber» ihre Umfrageergebnisse ebenfalls gewichten. Wozu sollten sie das tun, wenn ihre Stichprobe keinerlei Verzerrungen aufweist? Nein, auch deren Stichprobe ist nicht repräsentativ in dem strukturellen Sinne wie vorher beschrieben. Das liegt daran, dass die Zahl der nicht registrierten Handynummern stetig zunimmt und zudem längst nicht alle mitmachen, die angerufen werden. Das führt unweigerlich zu Verzerrungen. Diese kann man aber weitestgehend korrigieren. Genau das tun wir.

Die Umfrage zu den Basler Wahlen wird also zumindest als Momentaufnahme aussagekräftig sein?

Die Qualität einer Umfrage lässt sich ja auch und vor allem am Ergebnis bemessen. Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren Vor-Umfragen zu zwei Regierungsratswahlen, drei Ständeratswahlen sowie zu mehreren kantonalen und nationalen Wahlen durchgeführt. Und wir lagen bislang jedes Mal sehr nahe am effektiven Ergebnis.

*Thomas Milic leitet beim Meinungsforschungsinstitut Sotomo den Bereich Abstimmungen und Wahlen. Sotomo führt im Auftrag der bz und der «Tageswoche» die repräsentative Umfrage durch.

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