Kesslergrube
Die Quelle der Umwelt-Gefährdung muss weg

Während sich im Baselbiet die Auseinandersetzung um die Sanierung von Chemie-Altlasten hinzieht, macht Roche am deutschen Rheinufer gegenüber dem Birsfelder Hafen Nägel mit Köpfen: Bis Mitte 2020 saniert das Unternehmen die Perimeter 1 und 3 der Deponie Kesslergrube – ein Augenschein mit dem Gesamt-Projektleiter Richard Hürzeler.

Daniel Haller
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Kesslergrube
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Nach Süden auf der anderen Seite des Rheins der Hardwald, in dem Trinkwasser für die Agglomeration Basel aus Grundwasser gewonnen wird, und das Container-Terminal im Birsfelder Hafen. Fotos: Martin Töngi
Nach Norden, gleich hinter der Bahnlinie, die Wohngebiete von Grenzach: Die Deponie liegt in dicht besiedeltem und genutztem Gebiet, was bei der Sanierung hohe Anforderungen an die Sicherheit stellt.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.
Die Deponie Kesslergrube wird nachhaltig von Roche saniert.

Kesslergrube

Zur Verfügung gestellt

«Alles wird behandelt», erklärt Richard Hürzeler auf der Aussichtsplattform und deutet mit Genugtuung auf die zwei Fussballfelder grosse «schwarze Zone» der Kesslergrube in Grenzach-Wyhlen. «Nichts wird anderswo eingelagert. Schwach belastetes Material wird bei 900 Grad thermisch behandelt und die austretenden Dämpfe werden gereinigt. Was stärker belastet ist, kommt direkt in den Sondermüllofen und wird bei bis zu 1400 Grad verbrannt.»

Hürzeler ist im Roche-Management weltweit zuständig für Altlasten. Darunter fallen Deponien wie die Kesslergrube, aber auch alte Produktionsanlagen, die chemisch belastet sind. «Einerseits Medikamente herzustellen und andererseits gesundheitsgefährdende Stoffe zu hinterlassen – das wäre ein Widerspruch», erklärt er. Deshalb lege Roche grossen Wert darauf, Grundstücke nachhaltig zu sanieren, bevor sie neu genutzt werden. «Nachhaltig heisst: Man entfernt alle problematischen Stoffe und belasteten Materialien.»

Riesige Logistik-Aufgabe

Bei jenem Perimeter der Kesslergrube, der Roche gehört heisst das, 280 000 Tonnen Material auszuheben und in mehrere verschiedene Entsorgungsanlagen in Deutschland und den Niederlanden zu verfrachten. Diese sind jeweils für die thermische Behandlung spezifischer Stoffklassen zuständig. Mitte dieses Jahres werde man diese je einem Audit unterziehen: «Wir wollen sicher sein.»

Damit man bei den rund zweieinhalb Jahren dauernden Aushubarbeiten weiss, was man wo in der ursprünglich chaotischen Ablagerung findet, und jeweils die richtige thermische Anlage voravisieren und den Transport organisieren kann, wurden bis kurz vor Ostern 140 Probebohrungen teilweise bis auf den Fels in 15 Meter Tiefe hinab vorgenommen: «Wo auch der Boden unter der Ablagerung belastet ist, werden wir ihn ebenfalls abtransportieren, erklärt Hürzeler. Die Bohrkerne würden derzeit analysiert.

Bereits weg ist eine rund 1,5 Meter dicke Deckschicht – 15 000 Tonnen. Diese wurden in gasdichten sowie Havarie-sicheren Spezialcontainern über die Autobahn A 98 nach Weil gebracht und im Terminal Duss auf die Bahn verladen.

Alle 5 Minuten ein Container

Zwei Deponien – drei verschiedene Sanierungsprojekte

Die Kesslergrube in Grenzach und das Feldrebenareal in Muttenz sind beides ehemalige Kiesgruben in rund zwei Kilometer Luftlinien-Distanz. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit Abfällen aus Haushalten, Gewerbe und Industrie aufgefüllt wurden. Bei beiden hat man nicht registriert, was wo hingekippt wurde. Da liegen alte Pneus, Fässer, Flaschen, Filtermaterialien, Garagenabfälle, Konservenbüchsen, Destillationsrückstände, Bettfedern und Bauschutt wild durcheinander. Bei beiden ist das Grundwasser mit giftigen Stoffen verseucht.

Unterschiede: Bei der Kesslergrube ist der Fels unter der Deponie dicht, das Grundwasser fliesst darüber hinweg und wird von einem Industriebrunnen der BASF angezogen und konzentriert abgesaugt. Solange dies so ist, sickere nichts davon in den Rhein oder unter dem Rhein hindurch ins Trinkwasseraufbereitungsgebiet Hard, heisst es: Es bestehe keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Bei der Deponie Feldreben hat man teilweise einen porösen Fels unter der Deponie, der mittlerweile auch chemisch belastet ist. Um die Trinkwasserbrunnen im Hardwald zu schützen, lässt man im Hard Rheinwasser versickern, um einen «Grundwasserberg» zu erzeugen und so unter anderem das verseuchte Feldrebenwasser von den Trinkwasserbrunnen wegzudrängen. Das Feldreben-Grundwasser gezielt abzupumpen und zu reinigen wäre Teil des geplanten Sanierungsprojekts.

Geplant sind drei unterschiedliche Sanierungsmethoden:
n Roche hebt auf ihrem Teil der Kesslergrube alles belastete Material aus und lässt es thermisch behandeln (siehe Haupttext).
n BASF plant, ihren Teil der Kesslergrube mit einer unterirdischen Wand wasser dicht zu umschliessen, das Gelände oben zu versiegeln und das von unten einsickernde Grundwasser abzupumpen und zu reinigen. Dieses Verfahren ist in Deutschland gesetzeskonform, ist von den Behörden bereits bewilligt, wird aber von der Gemeinde Grenzach-Wyhlen und einer Bürgerinitiative als «zu wenig nachhaltig» bekämpft.
n Bei der Deponie Feldreben ist ein von den Baselbieter Grünen per Initiative verlangter Totalaushub, wie ihn Roche bei der Kesslergrube praktiziert, 2011 an der Urne gescheitert. Dann wurde von Experten ein Sanierungsprojekt erarbeitet, welches eine Grundwasserbehandlung und einen Teilaushub der am stärksten belasteten «Hotspots» vorsieht. Dafür schlugen Bund, Kanton, Gemeinde und die heutigen Rechtsnachfolger der damaligen Chemiemüll-Ablagerer – Novartis, Syngenta und BASF – eine Fortführung ihrer Kooperation am Runden Tisch vor. Dieses Projekt und die Kooperation wurden 2014 von der Gemeindeversammlung Muttenz abgelehnt.

Deshalb muss jetzt die Aufsichtsbehörde die Sanierung und den Kostenteiler verfügen, was im zweiten Quartal 2016 erfolgen soll. Ein juristischer Streit ist angekündigt, was eine Sanierung um Jahre verzögern könnte. Aktuell ist für das Areal nun eine Zwischennutzung als Bundesasylzentrum geplant.

Spätere Sendungen sollen per Schiff nach Weil transportiert werden. Dafür und für die spätere Anlieferung des sauberen Materials zum Auffüllen liess Roche für die Dauer der Sanierung einen Schiffsanleger bauen, der in diesen Tagen fertig wird. Für den Transport der rund 11 000 Container werde man ein Schiff chartern müssen, Details würden derzeit abgeklärt. «Wichtig ist, dass wir eine stabile Transportkette haben: Sobald die Ausgrabung läuft, wird alle fünf Minuten ein Container die Halle verlassen.»

Deswegen werde bei allen Planungen gemeinsam mit dem Generalunternehmer, der Bauer Umwelt GmbH aus Bayern, ein Plan B hinterlegt. Noch ist es aber nicht so weit: Im Juni werden drei bis vier grosse Bohrmaschinen auffahren, um im Boden eine Wand um das ganze Areal zu ziehen, damit die spätere Baugrube nicht einstürzt. Ab Beginn des Jahres 2017 wird darüber eine Leichtmetallhalle errichtet, in der dann mit grossen Baggern die eigentlichen Sanierungsarbeiten stattfinden. «Bis Ende 2019 wollen wir alles belastete Material entfernt haben. Dann kommt bis Mitte 2020 der Rückbau der Baustelle, die Renaturierung des Rheinufers und die Wiederherstellung des Wander- und Radwegs.»

Aufwendige Sicherheit

Auch wenn die aktuelle Oberfläche nicht mit Chemikalien belastet ist, gilt sie als «schwarze Zone», ist für die Öffentlichkeit gesperrt und die Arbeiter dürfen sie nur mit entsprechender Schutzausrüstung betreten. Was auf einer normalen Baustelle die Garderobe wäre, ist hier die «Schwarz-Weiss-Anlage», in der die Kleider gewechselt und Arbeiter sich umziehen und duschen, wenn sie in kritischen Bereichen gearbeitet haben.

Später werden sie im Inneren der Halle nur mit Voll-Schutzanzug und Atemgerät arbeiten, was extrem anstrengt. Nach maximal 150 Minuten müssen sie deshalb eine Pause von mindestens 30 Minuten einlegen. Die eingesetzten Bagger werden über luftdichte Kabinen mit Panzerglas verfügen und werden mit Atemluft aus Pressluftflaschen-Batterien versorgt.

Die Luft aus der Halle wird in einer aufwendigen Anlage gereinigt, ebenso muss das abgepumpte Grundwasser aufbereitet werden. Eine weitere Anlage ist schon heute für die Reinigung des Abwassers, das beispielsweise beim Waschen der Maschinen anfällt, in Betrieb: Die Sorglosigkeit von damals, als man hier neben Bauschutt, Haushalt- und Gewerbeabfall auch Filterstaub, Destillationsrückstände und chemische Nebenprodukte abgelagert hat, erfordert heute einen enormen Aufwand: 239 Millionen Euro soll die Sanierung kosten. Roche komme allein dafür auf, berichtet Hürzeler, auch wenn damals andere Unternehmen, Private und die Gemeinde in diese Mischdeponie ebenfalls Müll abgelagert haben.

Abfall verschiedener Quellen

Die chemischen Abfälle im Roche-Perimeter seien typisch für die Pharma-Industrie, erklärt der Altlasten-Manager. Sie stammen vornehmlich aus dem Roche-Werk in Grenzach. Die Abfälle aus Basel seien überwiegend nach Bonfol und Kölliken gegangen, wo man ebenfalls saniert.

Der Giftmüll im unmittelbar angrenzenden BASF-Perimeter stammt dagegen eher aus der Farbenproduktion und ähnlichen Zweigen der chemischen Industrie. Dass BASF eine andere Sanierungsmethode gewählt hat (siehe Box), will Hürzeler nicht bewerten. Man koordiniere die Planung aber und arbeite gut zusammen.

Nicht allein nur aus Glaubwürdigkeitsgründen saniert Roche das Gelände: Beabsichtigt ist hinterher eine industriell-gewerbliche Nutzung, möglicherweise eine Zweigstelle des im Wachstum begriffenen Roche-Standorts in Grenzach-Wyhlen.