Politik

Die Quotenfrau Brigitte Hollinger zieht die Fäden im Hintergrund

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Brigitte Hollinger führt die grösste Basler Partei, hievt aber lieber ihre Kollegen anstatt sich selbst auf die Politbühne. Nun üben Parteikollegen Druck auf ihre Präsidentin aus. Im Abstimmungskampf werde sie regelrecht vermisst.

Brigitte Hollinger (50) hat einen neuen Job. Nach ihrer Wahl zur Basler SP-Präsidentin Ende April kündete sie die Stelle beim Basler Gewerbeverband sofort. Obwohl sie als Mütterberaterin nicht im Kerngeschäft des bürgerlich geprägten Verbands tätig war, erkannte sie Interessenskonflikte.

Dass sie für die Fahrt zu ihrem neuen 70-Prozent-Pensum täglich mehrere Stunden im Zug verbringt, ist ihr deshalb gerade recht. So könne sie Arbeit und Politik klar trennen. Von der Gemeinde Adligenswil bei Luzern wurde sie als Sozialarbeiterin engagiert.

Ihre Stärke sieht Hollinger darin, «zuzuhören, Mut zu machen und das Potenzial von Menschen abzurufen». Als Parteichefin ist sie auch Sozialarbeiterin. Bisher hat sie sich im Hintergrund gehalten und den Parteikollegen das Wort überlassen. «Meine präsidiale Führungsaufgabe ist auch, noch wenig bekannte Leute zu fördern», sagt sie.

«Ich habe die Fäden im Hintergrund in der Hand»

Im aktuellen Abstimmungskampf steht mit dem Wohnen ein Kernthema der SP zur Debatte. Doch seit dem Amtsantritt im April ist Hollinger kaum in der Öffentlichkeit aufgetreten. Bei den Wohnvorlagen stiehlt ihr SP-Genossenschaftsanwalt René Brigger, der im Gegensatz zu ihr im Parlament sitzt, die Show. Sie spricht von einem bewussten Entscheid: «Ich habe die Fäden im Hintergrund in der Hand. Ich entscheide mit, wer sich zu welchen Themen äussert.» In Wohnungsfragen sei Brigger der Profi. Deshalb halte sie sich zurück.

Die neue politische Vordenkerin der Partei ist Hollinger nicht. Sie ist jene, die ihren Kollegen Mut macht zum grossen Auftritt. Nun verändert sich die Konstellation. Hollingers Arbeit im Hintergrund wird parteiintern zwar allseits geschätzt.

Laut wird nun aber die Forderung, dass Hollinger die Partei selber aktiv nach aussen vertreten solle. Geschäftsleitungskollegin und Grossrätin Dominique König vermisst die Präsidentin im Abstimmungskampf: «Ich finde, sie könnte sich durchaus etwas mehr einbringen und in den Vordergrund setzen.»

Der ebenfalls in der Geschäftsleitung sitzende Tim Cuénod hält daran fest, dass Hollingers Gegenkandidat, der Gewerkschafter Pascal Pfister, die bessere Wahl gewesen wäre. Vor allem in einem Punkt überrasche ihn Hollinger aber sehr positiv: «Gutes Mannschaftsspiel ist eindeutig ihre Stärke.» Die Einarbeitungszeit sei aber vorbei. Nun gelte es, das Profil zu schärfen. SP-Vizepräsident Mustafa Atici sieht ebenfalls Steigerungspotenzial: «Trotz ihrer politischen Erfahrung wirkt sie manchmal noch ein wenig unsicher.»

Hollinger sagt, dass sie vor allem vor Medienauftritten sehr nervös gewesen sei. Profitiert habe sie von ihrer Erfahrung als Flight-Attendant: Damals habe sie gelernt, wie man wirkungsvoll auftrete. Rückblickend sei sie mit ihren ersten Interviews als Präsidentin zufrieden. Dass sie seither kaum mehr öffentlich ihre Meinung äussern konnte, störe sie nicht. Das komme schon noch.

Selber bezeichnet sich Hollinger als Quotenfrau. «Ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, wenn es in der SP keine Quoten gäbe.» Die ehemalige Gewerkschafterin, die sich zum linken Parteiflügel zählt und eine flammende Befürworterin der 1:12-Initiative ist, trat der SP 2003 als Reaktion auf die Wahl von SVP-Politiker Christoph Blocher in den Bundesrat bei. Bereits 2004 wurde sie dank der SP-Frauenquote auf die Grossratsliste gesetzt und prompt gewählt. 2010 trat sie zurück, um an der Fachhochschule Soziale Arbeit zu studieren. Eine Quotenfrau zu sein, sieht sie nicht als Problem, da nach der Wahl nur die Leistung zähle.

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