Elisabeth Schneider-Schneiter macht sich Sorgen. Die Baselbieter CVP-Nationalrätin spricht von einer «verheerenden Entwicklung für unsere Wirtschaft». Denn die Signale erscheinen eindeutig: Die Schweiz verliert an Attraktivität. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Zuwanderung in den ersten drei Monaten 2016 um über 30 Prozent abgenommen. Noch 15'000 Personen sind zugewandert. Dabei fällt auf: Auf dem Höhepunkt der deutschen Einwanderung 2008 waren es noch rund 30'000 Personen. Seither ist die Zahl stetig gesunken. Im März sind nun sogar mehr Deutsche weggezogen als eingewandert.

In Europa sei ein «war of talents» im Gange, ein Krieg um die besten Talente, bei dem die Schweiz immer öfter den Kürzeren ziehe. «Den Fachkräftemangel spürt man jetzt schon», sagt Schneider-Schneiter. Das zeige sich etwa im Gesundheitsbereich. «Lange wurde viel Pflegepersonal aus Deutschland rekrutiert. Jetzt muss man schon weiter suchen, um Leute zu finden.» Das Gleiche gelte etwa für Forscher, Ingenieure oder Verkehrsplaner. «Deutsche Unternehmen versuchen immer mehr, die eigenen Leute mit besseren Angeboten im Land zu halten.» Tatsächlich veranstaltete etwa das Bundesland Bayern Podien in der Schweiz, um ausgewanderte Fachkräfte zu einer Rückkehr in die Heimat zu animieren.

Trend könnte sich fortsetzen

Auch Christoph Brutschin sind die sinkenden Zahlen aufgefallen: «Für Alarmismus ist es aber noch zu früh», findet der Basler Wirtschaftsdirektor. Bisher handle es sich erst um einen Quartals-Trend. «Wir müssen die weitere Entwicklung aber aufmerksam beobachten. Und das werden wir auch tun.» Denn der Trend könnte sich fortsetzen: In der Schweiz harzt die wirtschaftliche Entwicklung weiter. Neben der Frankenstärke herrsche auch Unsicherheit wegen der Masseneinwanderungsinitiative und der Unternehmenssteuerreform III. Brutschin: «Viele Investitionsentscheide werden aufgeschoben.»

In Deutschland dagegen brummt die Wirtschaft. «Das spielt sicher auch eine Rolle», sagt Brutschins Baselbieter Kollege Thomas Weber. Mittlerweile hat Baden-Württemberg sogar eine tiefere Arbeitslosenquote als die Schweiz. «Für viele Deutsche ist es im Moment attraktiver, in der Heimat zu arbeiten», sagt Brutschin. Auch in Spanien und Portugal erhole sich die Wirtschaft. Das widerspiegle sich in den Zahlen.

Viele fühlen sich nicht willkommen

Verantwortlich für die Entwicklung macht Schneider-Schneiter neben der Wirtschaftslage das politische Klima: «In unserem Nachbarland hat es sich herumgesprochen, dass Deutsche nicht willkommen sind.» Die eingewanderten Deutschen seien längst nicht alle glücklich geworden, bestätigt Matthias Estermann vom Verein Deutsche in der Schweiz gegenüber «20 Minuten». Er stelle aber auch fest, dass es für Deutsche schwieriger geworden sei, in der Schweiz eine Stelle zu ergattern. Immerhin erledige sich so der Streit um die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative bald von selber, ergänzt Schneider-Schneiter.

Das sieht die SVP ganz anders: «Hochgerechnet aufs ganze Jahr beträgt die Nettozuwanderung immer noch über 60'000 Personen», betont der Baselbieter Nationalrat Thomas de Courten. Ohne klare Steuerungsmöglichkeiten werde sich daran nicht grundlegend etwas ändern.