Frau Schmid, worüber reden wir?

Ich habe den Begriff «Respekt» aus dem Nähkästchen gezogen.

Wie definieren Sie Respekt?

Es ist ein Umgang miteinander, der geprägt ist von einer wohlwollenden Einstellung; Fähigkeiten werden geschätzt – und Grenzen respektiert.

Sie sind seit 40 Jahren als Lehrerin tätig, und seit 2006 Rektorin des Gymnasiums Bäumlihof. Wie hat sich der Umgang zwischen Schülern und Lehrern seither verändert?

Ein respektvoller Umgang ist hier am Gymnasium selbstverständlich geworden, im Vergleich zu jener Zeit, als ich Schülerin war. Damals herrschte eine gewisse Gegnerschaft zwischen Lehrpersonen und Schülerschaft, die Lehrer mussten sich erst beweisen. Das ist heute entspannter.

Warum?

Die Rolle der Lehrperson hat sich enorm verändert in den Gymnasien. Früher war sie Autoritätsperson, heute arbeitet man gemeinsam – als Team – auf das Ziel Matur hin. Daraus entstehen nicht selten Vertrauensverhältnisse. Am Gymnasium Bäumlihof wurde diese Entwicklung auch mit der Einführung unseres Projekts GBplus vor zehn Jahren unterstützt, bei dem individuelles und kompaktes Lernen im Zentrum steht. Der Lehrer tritt als Coach auf – und nicht als Befehlshaber.

Hat sich GBplus bewährt?

Durchaus, ich ziehe nach zehn Jahren eine positive Bilanz. Die Schüler haben immer noch die Wahl, sie können in einer Regelklasse das Gymnasium besuchen, wenn sie möchten.

Als Rektorin mussten Sie das Projekt Lehrern und Schülern schmackhaft machen. Wurden Sie in diesem Amt eigentlich von Beginn weg respektiert?

Ja. Das lief ohne Probleme ab. Als Rektorin wird man automatisch respektiert. In meiner Anfangszeit, also als junge Lehrerin, hatte ich es indes schwer: An meiner ersten Schule bestimmte eine alte Männergilde, wie es läuft. Darunter habe ich gelitten. Ich habe deswegen die betreffende Schule verlassen, sobald ich die Chance dazu gehabt hatte.

Diese Erfahrung war mit ein Grund, warum ich Rektorin geworden bin. Es ist wichtig, dass Frauen solche Positionen innehaben. Dass wir uns gegenseitig fördern. Es gibt immer noch genug Branchen, die männerdominiert sind und in denen es Frauen nicht leicht gemacht wird. Ich weiss, dass es zum Beispiel in vielen Spitälern unter Medizinern diesbezüglich immer noch sehr patriarchal und wenig frauenfreundlich zu und her geht.

Am 14. Juni ist nationaler Frauenstreik. Werden Sie daran teilnehmen?

Ich habe es mir überlegt. Allerdings findet an diesem Tag die mündliche Matur statt. Da kann ich unmöglich fehlen.

Laut einer Umfrage ist jede fünfte Lehrperson in der Schweiz überfordert. Überrascht Sie das?

Nein; ich denke, das trifft in erster Linie auf die Primar- oder Sekundarstufe zu. Weniger auf die Gymnasien: Der Grossteil der Schülerschaft hat sich bewusst für die Maturität entschieden, ist motiviert und will sich nicht auflehnen. Klar gibt es auch hier Auseinandersetzungen. Aber sehr selten. Wir stellen indes eine zunehmende Zahl an Schülern mit psychischen Problemen fest. Das ist an allen Schulen der Fall. Und das kann Lehrpersonen zuweilen überfordern.

Hatten Sie noch nie einen Burnout-Fall in Ihren 13 Jahren als Rektorin?

Nein, glücklicherweise nicht. Wenn ein Lehrer überlastet wirkt, wenn er etwa permanent gereizt ist, sind Gespräche mit der Schulleitung sehr wichtig, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es ein anspruchsvoller und anstrengender Job ist. Man befindet sich ständig im Schaufenster der Jugendlichen, muss permanent eine Rolle ausfüllen, hat eine grosse Verantwortung.

Viele sind der Meinung, der Lehrberuf sei ein «Schoggijob», mit vielen Wochen Ferien.

Ja, das ärgert mich. Schon als ich ein Kind war, hat man sich über die «faulen Lehrer» beklagt. Ich verstehe nicht, warum sich dieses Bild so hartnäckig hält. Aus meiner Sicht wäre viel Respekt für die nicht immer einfache Aufgabe angesagt. Wir haben nicht 13 Wochen Ferien! Schauen Sie sich um, es sind Osterferien, aber hier in den Gängen sind viele Lehrer anzutreffen, die sich auf die kommenden Wochen vorbereiten. Während der Schulferien kann sich eine Lehrperson die Arbeitszeit einfach selbst einteilen. Aber klar: Es gibt überall schwarze Schafe...

... Sie hatten während Ihrer Schulzeit sicher auch einen Lehrer, den Sie nicht mochten.

Natürlich. In der Unterstufe fand ich den Englischlehrer blöd, er gestaltete den Unterricht furchtbar langweilig. Ich habe dann aus Trotz keine Wörtli gelernt, was beinahe in einer 2 im Zeugnis resultiert hätte. Das war ein ziemlich kindischer Protest (lacht).

Ein Lehrer kann die Freude an einem Fach wecken – oder sie verderben.

Genau. Ich denke aber, Letzteres geschieht heute seltener, weil die Ausbildung von Lehrpersonen breiter geworden ist. Nicht nur inhaltlich, sondern auch aus Perspektive der Methodik und Pädagogik.

Das Gymnasium Bäumlihof feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Am 11. Mai gibt’s ein grosses Fest, am 9. Mai tritt der Schulchor mit dem Sinfonieorchester Basel im Musical Theater auf. Was ist für Sie persönlich das Highlight bei diesen Festivitäten?

Schon dieses Konzert, wir sind stolz darauf, dass das Sinfonieorchester mit uns zusammenarbeitet. Die Schüler haben eine Menge Zeit und Energie investiert. Am Fest freue ich mich auf die Begegnungen, auf viele Besucher, die den kürzlich sanierten Bau begutachten können. Und natürlich auf all die verschiedenen Darbietungen.

Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer, in weiterem Sinne Ihr Chef, ging im Bäumlihof zur Schule. Wird er zum Fest erscheinen?

Offiziell nicht, aber wir würden uns natürlich freuen, wenn er als Privatperson vorbeischaut. Allerdings: Er hatte vergangenen Herbst bereits im Rahmen der Schulhauseinweihung einen offiziellen Auftritt, und hält in diesem Jahr eine Rede an der Maturfeier. Von dem her würden wir ihm eine Absenz nachsehen (lacht).

Cramer hat im vergangenen Jahr als Folge von HarmoS ein Notenband einführen müssen, um die Gymnasialquote zu senken. Stellen Sie jetzt einen Rückgang bei den Anmeldungen fest?

Es hiess, die Übertrittsquote sei rückläufig. Konkrete Zahlen liegen uns noch nicht vor.