Zoo Basel
Die Rentiere im Zolli sind verschleckt und neugierig

Die Rentiere im Basler Zoo essen nicht einfach alles, was ihnen serviert wird. Pfleger Urs Tschopp weiss, worauf es bei der Nahrung für die verschleckten Tiere ankommt.

Muriel Mercier
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Die Rentiere im Zolli sind zwar schüchtern...
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Die Rentiere im Basler Zoo sind zwar schüchtern. Ihre Neugierde überwiegt letztlich aber, und langsam nähern sie sich der Kamera des Fotografen. Martin Töngi
Rentiere im Zolli
Die Tiere sind verschleckt.
Nicht alles, was aufgetischt wird, wird auch von ihnen gegessen.
Das imposante Geweih eines Rentier-Bocks.

Die Rentiere im Zolli sind zwar schüchtern...

Martin Töngi

Friedlich stehen die Rentiere in ihrem Gehege. Sie geniessen die Ruhe und die Sonnenstrahlen. Das kann sich aber sehr schnell ändern. Dann nämlich, wenn Tierpfleger Urs Tschopp sich ihnen nähert. Die 13 Tiere strecken ihre Hälse und äugen über die Abschrankung. Sie hoffen wohl, ihr Tierpfleger bringe ihnen das Mittagessen. Neugierig traben sie aufs eiserne Tor zu. Doch Pech gehabt – es ist noch keine Essenszeit. Tschopp betritt die Anlage, die Tiere weichen schüchtern zurück, nehmen ihn aber in ihrer Mitte auf. Ihren Vorwitz und das Vertrauen zu ihrem Pfleger halten sie in seiner Nähe.

Seit acht Jahren kümmert sich der Birsfelder täglich liebevoll um die Rentiere im Zolli. «Eigenartige Tiere», wie er sagt. Was definitiv zutrifft, denn sie verfügen gleich über mehrere Besonderheiten. Erstens sind die Rentiere die einzige Hirschart, bei denen sowohl Männchen wie auch Weibchen Geweihe tragen. Geboren werden die Tiere mit nur einer Geweih-Gabel, die von Bast – einer kurz behaarten Haut – geschützt und mit Blut versorgt wird, erklärt Tschopp. Hat das Geweih seine volle Grösse erreicht, wird der samtige Überzug abgestreift. Dieser Prozess wiederhole sich jedes Jahr erneut, denn die Tiere verlieren ihren knochigen Kopfschmuck immer nach der Paarungszeit. Danach wächst ein neuer, grösserer heran, den die Rentiere rund sechs Monate behalten.

«Bei den Weibchen ist immer eine in der Herde die Chefin. Verliert sie ihr Geweih, muss sie in der Hierarchie wieder hinten anstehen.» Im Zolli gibt es sieben Weibchen, die sich an der Spitze der Gruppe abwechseln. «Sind die Geweihe weg, gehen sie nicht mehr aufeinander los», fügt Tschopp an.

Die Rentiere sind verschleckt

Doch der Tierpfleger findet nicht nur die Geweihe der Rentiere eines Tages einfach auf der Zolli-Anlage verteilt. «Anfang des Sommers liegen plötzlich Fellfetzen auf dem Boden, die einfach so abfallen, ohne dass sich die Rentiere am Baumstamm kratzen.» Wenn man Tschopp beim Reden zuhört, ist seine Begeisterung über die Rentiere unüberhörbar. «So, jetzt bekommen sie Futter», entscheidet er, der seit 36 Jahren im Zolli arbeitet. Er holt aus den Stallungen einen Eimer, gefüllt mit fein gemahlenen Zuckerrübenschnitzeln. Fein gemahlen deshalb, weil die Hirschtiere Gröberes im Trog oder auf dem Boden links liegen lassen.

Das war den Tierpflegern jedoch nicht immer bewusst, weiss Tschopp. Vor etwa 30 Jahren noch seien die Tiere im Zolli mager gewesen und konnten keine Jungtiere aufziehen. Die Jungen seien bald gestorben. Schuld daran sei tatsächlich die Nahrung gewesen. Seither wird eben das Gemüse, eine Mischung aus Karotten, Randen und Fenchel im Betriebsgebäude klein gehackt.

Zu dicke Halme bleiben liegen

Tschopp liefert sogleich den Beweis für die Verschlecktheit der Tiere. Er schüttet die winzigen Zuckerrübenschnitzel in die Tröge und öffnet das Gehege-Tor. Als hätten die Tiere seit Tagen nichts mehr gegessen, stürmen sie auf die Wannen zu, drängen sich gegenseitig weg und stürzen sich auf den Gemüse-Mix. Doch tatsächlich: Zu grosse Karotten- und Fenchelstücke bleiben liegen.

Dasselbe Spiel beim Gras, wie Tschopp zeigt. Dicke Halme interessieren die Tiere nicht. «Die Rentiere sind Nascher. In freier Natur oder im Gehege bleiben sie während des Essens nicht stehen. Sie suchen sich beim Laufen sorgfältig aus, was sie mögen.» Wegen der richtigen Ernährung bringen die Weibchen im Basler Zoo seit einiger Zeit jedes Jahr Junge auf die Welt. Fünf an der Zahl sind es in diesem Jahr, zwei von den sieben Weibchen sind zu alt für Junge.

Anschleichen geht nicht

Was auffällt, wenn man neben den Rentieren steht, ist, dass ihre Sehnen bei jedem Schritt knacken. Das sei, damit sich die Tiere in freier Natur bei Nebel nicht verlieren, weiss Tschopp. Allerdings leben heute die Hirschtiere aus dem Norden Europas fast nur noch in Zucht.

Urs Tschopp kann es sich nicht vorstellen, nicht mehr im Zolli zu arbeiten. Zwar hat er Grossapparate-Schlosser gelernt, aber nur fünf Jahre auf diesem Beruf gearbeitet. Er habe immer Tiere gehabt und züchte seit Jahrzehnten exotische Vögel wie beispielsweise Fruchttauben. Von diesen gebe es nicht mehr viele auf der Welt, erzählt er stolz. Als er 1988 seinen festen Dienst im Zolli übernahm, war er unter anderen für die Bisons, die Wölfe, die Mufflons und die Rappenantilopen verantwortlich. Die Rentiere kamen später dazu, erinnert er sich.

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