Heimwehbasler

«Die Saane ist halt nicht der Rhein»: Basler Grünen-Politikerin Mirjam Ballmer lebt im selbstgewählten Exil

Grünen-Grossrätin Mirjam Ballmer vor der Freiburger Kathedrale.

Grünen-Grossrätin Mirjam Ballmer vor der Freiburger Kathedrale.

Die bz besucht in diesem Sommer mehrere ausgewanderte Basler Persönlichkeiten in der neuen Heimat. Für den dritten Teil der Serie besuchten wir die Grünen-Politikerin Mirjam Ballmer in Freiburg.

Zeit ist wieder ein rares Gut in Mirjam Ballmers Leben, aber das kennt sie ja von früher. Ballmer war einst die junge Hoffnung der Basler Grünen, leitete die Kantonalpartei mit der heutigen Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann und galt als nächste grüne Nationalrätin oder gar Regierungsrätin – ehe ihr bei den nationalen Wahlen im Herbst 2015 Parteikollegin Sibel Arslan einen Strich durch die Rechnung machte und sie bei den Nationalratswahlen übertrumpfte.

Eine wegweisende Niederlage. Womöglich wäre sie nie aus ihrem gemachten Nest am Rheinknie weggezogen. Selten war sie verreist, nie weggezogen. Ihr Ehemann, den sie bei Pro Natura kennen gelernt hatte, hätte bei der Wohnortwahl gewiss den Kürzeren gezogen gegen eine gewählte Nationalrätin. Aber so hatte der Heimwehfreiburger gute Karten.

Letztlich überzeugte das Argument, dass sie bei einem Umzug in die Saanestadt in sein Elternhaus ziehen konnten, das einen Garten hatte. 2016 erfolgte der Wegzug und der Abschied vom Rampenlicht – denn in Freiburg war sie zunächst nur einfaches Parteimitglied der Grünen. Sie vermisste den Promi-Status nicht.

Im Gegenteil: Es fiel eine Last ab, da es mit der Familienplanung harzte und sie in Basel öffentlich Fragen beantworten musste, ob sie keine Kinder haben wolle. «Das war schon ziemlicher Stress», sagt sie heute. «Jetzt kann ich offen darüber sprechen, aber damals hatte ich diese Fragerei satt.»

Zweitbestes Resultat bei den Nationalratswahlen

Tempi Passati. Das mit dem Kinderkriegen hat gleich doppelt geklappt, zwei kleine Mädchen hat die heute 37-Jährige. Die ältere Tochter ist drei, die jüngere ist Ende 2018 auf die Welt gekommen. Wir treffen Mirjam Ballmer in Freiburg im alternativen Lokal Ancienne Gare beim Bahnhof. Sie ist auch hier am liebsten mit dem Velo unterwegs – obwohl das in dieser hügeligen Stadt sportliche Höchstleistungen abverlangt.

Selbstverständlich ist es nicht, dass sie Zeit hat für einen Kaffee oder in ihrem Fall einen hausgemachten Eistee. Ballmer hat nicht nur eine Familie, sondern auch einen Job als stellvertretende Generalsekretärin bei der Konferenz für Wald, Wildtiere und Landschaft in Bern. Und: Als Politikerin startet sie auch wieder durch.

Beinahe en passant schaffte sie es als Nachrückende 2018 in den Grossen Rat. Auf ihr politisches Comeback angesprochen, muss sie schmunzeln. «Ich habe mich ja als Listenfüllerin aufstellen lassen und rechnete mit dem letzten Platz. Erst als mir ein Parteikollege aus Basel über Twitter zum Nachrückenden-Platz gratulierte, habe ichs realisiert.»

An den freien Tagen zurück in die Heimat

Schneller als gedacht war sie im Politbetrieb zurück, integrierte sich schnell – wenngleich sie sich daran gewöhnen musste, dass in Freiburg zurückhaltender debattiert wird als in Basel. Rasch machte sie sich in der neuen Heimat einen Namen, schnitt vergangenen Herbst als zweitbeste Grüne bei den Nationalratswahlen ab und übernahm im Juni das Co-Präsidium der Freiburger Grünen. Wohin dieser Weg noch führt? «Nehmen wirs, wie es kommt», sagt sie.

Derzeit steht die Langfristplanung aber nicht im Vordergrund. Täglich müssen in der Familie Termine jongliert werden. Hat Ballmer mal einen ihrer seltenen freien Tage, verschlägt es sie am liebsten in die alte Heimat. Dann geht sie mit den Kindern in den Basler Zolli oder in die Langen Erlen oder auf die Spielplätze. Im Sommer springt sie gerne in den Rhein («In der Saane zu baden, ist halt nicht das Gleiche»), an der Fasnacht tingelt sie als aktive Passiv-Fasnächtlerin von Cliquen-Keller zu Cliquen-Keller.

Vier Jahre nach ihrem Umzug ins Üechtland hat sie aber auch an ihrem neuen Wohnort Dinge schätzengelernt. Gegen den Markt auf dem George-Python-Platz sei derjenige in Basel geradezu kümmerlich. Auch geniesse sie die Nähe zu den Bergen und zur Natur. «Aber ich vermisse sie schon, diese Vertrautheit mit der Stadt, in der ich jede Ecke kenne», sagt sie.

Töchter antworten auf Französisch

Ob sie einmal nach Basel zurückkehren wird, weiss sie nicht. «Ich fühle mich wohl hier.» Ganz frei entscheiden kann sie nicht mehr, seit das mit dem Kinderkriegen geklappt hat. Die Wurzeln hat man dort, wo die Kinder zuhause sind. Für Ballmers Familie ist Basel ziemlich weit weg. Wenn sie mit den Töchtern Baseldytsch spricht, antworten sie auf Französisch. «Verstehen tun sie mich aber», sagt Ballmer – im astreinen Basler Dialekt. Den werden ihr die Freiburger nicht nehmen können.

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