Riehen
Die «Saison Courbet» verspricht einen glanzvollen Herbst

In diesen Tagen werden gleich zwei Ausstellungen zu Gustave Courbet eröffnet. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler umfasst 50 seiner wichtigsten Werke. Auch sein berühmtestes Gemälde «L'Origine du monde» ist zu bestaunen.

Simon Baur
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«La Coup de vent, foret de Fontainebleau» von Gustave Courbet.

«La Coup de vent, foret de Fontainebleau» von Gustave Courbet.

Keystone

Gleich zwei Ausstellungen zu Gustave Courbet werden in diesen Tagen eröffnet. Die Fondation Beyeler in Riehen richtet ihr Augenmerk auf Courbets Porträts und seine Landschaften, das Genfer Musée Rath widmet sich seinen letzten Lebensjahren, die er von 1873 bis 1877 im Schweizer Exil verbrachte. Die «Saison Courbet» ist damit im vollen Gang und verspricht, unabhängig von meteorologischen Kapriolen einen glanzvollen Herbst.

Das Gemälde «Bateau a voile pres la cote» in der Fondation Beyeler.
8 Bilder
«La Coup de vent, foret de Fontainebleau» von Gustave Courbet.
Neue Ausstellung in der Fondation Beyeler.
Links: «Le Change, episode de chasse au chevreuil en Franche-Comte», rechts: «Braconniers dans la neige».
Gustave Courbets berühmtes Gemälde "L'Origine du monde steht bei der Diskussion im Vordergrund.
Die Ausstellung von Gustave Courbet in der Fondation Beyeler umfasst 50 seiner wichtigsten Werke.
Gustave Courbets Selbstportrait.
«Bonjour Monsieur Courbet» heisst es über den Gemäldern.

Das Gemälde «Bateau a voile pres la cote» in der Fondation Beyeler.

Keystone

Wegbereiter der Moderne

Gustave Courbet war in mehrfacher Hinsicht ein Avantgardist. Er hat nicht nur motivisch der Kunst neue Energien zugeführt, auch technisch hat er Pfade beschritten, die vor ihm niemand betreten hat. Vollkommen ungewöhnlich hat er die schwarze Farbe in Landschaften gesetzt, besonders auffällig ist dies bei den Gemälden von Quellen und Grotten. Das hat damit zu tun, dass seine Vorstellung von Malerei von der Idee geprägt war, Schwarz sei der Ausgangspunkt der Kunst.

Fast immer hat er auf dunkel grundierte Leinwände gemalt und war der Auffassung, Natur ohne Sonnenlicht sei schwarz und dunkel. Als Maler war er überzeugt, er mache es wie das Licht, er beleuchte nur die hervorstehenden Punkte und fertig sei das Bild. Doch nicht nur was er malte ist in seinen Werken zentral, sondern auch, wie er das tat. Courbet hat nicht nur mit dem Pinsel gemalt, seine eigentliche Brillanz entwickelte er mit dem Palettmesser – einer kleinen Maurerkelle, mit der er die Farbe, die er gleich kiloweise kaufte, auf das Bild spachtelte.

Bei seinem Farbauftrag von «Verputz» zu sprechen, ist vielleicht ein wenig heftig, aber es trifft im Kern seine Absicht. Er hat die Malmittel so radikal angewandt, wie nach ihm erst wieder Vincent van Gogh – und doch steht er malerisch Edouard Manet näher. Der Sturz der «Vendôme-Säule» während der «Pariser Commune», an der er politisch aktiv beteiligt war, sowie die daraus resultierenden Folgen, mitsamt seinem Schweizer Exil, scheinen sich in seiner Malerei niedergeschlagen zu
haben.

Prägte heutiges Künstlerbild

Doch Gustave Courbet war auch in anderer Hinsicht revolutionär. 1855 hat er im Vorwort zum Katalog zu seiner Realismus-Ausstellung – gezeigt hatte er sie in einem eigens erbauten Pavillon, um damit auf die Ablehnung von drei seiner Werke während der Weltausstellung zu protestieren – das folgende Bekenntnis geschrieben: «Ich wollte ganz einfach aus der völligen Kenntnis der Tradition das durchdachte und unabhängige Gefühl meiner eigenen Individualität schöpfen.» Courbet wusste um die Traditionen der Malerei, war aber in seinem Tun und Lassen nur sich selbst verpflichtet. Heute ist dieses Künstlerbild selbstverständlich, damals war das überraschend neu.

All diese Aspekte werden in der Ausstellung in Riehen visuell sichtbar gemacht. Selbst die Ikone seiner Kunst, «L’origine du monde», die 1866 entstanden ist, ist in der Fondation Beyeler zu sehen. Und auch heute noch stehen wir ratlos vor der Scham der nackten Frau, können die Aufruhr aber verstehen, die ein solches Bild damals ausgelöst haben muss. Dass das Bild an seinen Rändern unfertig zu sein scheint, macht die Sache nicht leichter. Das Tuch ist nur skizzenhaft gemalt, es fehlt Courbets kräftiger Farbauftrag. Das erinnert an Jan Vermeers «Die Malkunst», die rund zweihundert Jahre zuvor entstanden ist und zwar einen sorgfältig ausgeführten Lorbeerkranz, ansonsten aber eine leere Leinwand auf der Staffelei des Malers zeigt.

Malerei im Zentrum

Auch bei Courbet handelt es sich um eine Allegorie auf die Malerei. Und wer dies bedenkt, erkennt, wie raffiniert seine Kunst inszeniert ist. Das hat auch Ulf Küster, der Kurator der Ausstellung in Riehen erkannt und dem Künstler mit Werkkombinationen eine Referenz erwiesen, die diesen erstaunt hätte. «L’origine du monde» – sozusagen das künstlerische, malerische und auch physische Ende der Ausstellung – wird gerade nicht in einem kleinen «White Cube» ohne weitere Werke inszeniert, Küster zeigt sie zusammen mit Grotten- und Landschaftsdarstellungen, zwei Frauenakten und zwei Blumenstillleben. Die Farbe Schwarz als Courbets Ausgangspunkt für Malerei – signifikanter könnte sie nicht inszeniert werden.

Doch auch der Anfang ist raffiniert genug. «Petit portrait de l’artiste au chien noir» zeigt den jungen Künstler mit einem Hund. Auf dem Tisch vor ihm liegt seine Hand so, als hätte sie vor einigen Minuten noch einen Pinsel gehalten. Er verweist damit eindeutig auf seine eigene Kunst. Gegenüber befindet sich «Selbstporträt in Form einer Pfeife», auf welchem eine Pfeife, die mit einem roten Bändel an einem Nagel hängt, zu sehen ist. Unter dem Putz der dahinterliegenden Mauer sind die Konturen einer Malerei sichtbar. Es sind Konturen einer bukolischen Szenerie. Tradition und Avantgarde gehen in diesem Bild nahtlos ineinander über. Selten war Malerei im 19. Jahrhundert derart inspirierend, Courbets Rolle als Avantgardist bleibt deshalb unbestritten. Übrigens hat er alle Bilder der Ausstellung, bis auf zwei Ausnahmen – zu welchen «L’origine du monde» dazu gehört – mit roter Farbe signiert. Courbet blieb Revolutionär – bis in seine Signatur.

Gustave Courbet, Fondation Beyeler, Riehen, Sonntag, 7. September 2014, bis 18. Januar 2015. www.fondationbeyeler.ch