Kaserne Basel

Die Saison ist eröffnet: White Trash unter blutrotem Mond

Peeping Tom haben die Saison in der Kaserne Basel eröffnet. Die belgischen Performer entführen in den Psycho-Wald der Kindheit.

Der Bergwald, fern der Zivilisation, gilt uns als heile Natur schlechthin. Einen Hallraum
der Seele hat in bereits Joseph ­Eichendorf genannt. Der Wanderer sucht in seiner klaren Luft Erfrischung, Ruhe und Frieden. Das belgische Theaterkollektiv Peeping Tom nimmt die Metapher des Hallraums ernst. In ­ihrem Bergwald, hyperrealistisch nachgebaut, blicken die Menschen in ihr Unbewusstes. Und dort ist nirgends eine heile Welt zu finden.

Peeping Tom, benannt nach dem 1959 erschienen Spielfilm und Skandal-Thriller, wurde 2000 von Gabriela Carrizo und Franck Chartier gegründet. Die beiden Schüler des Choreografen Alain Platel haben seither an ihrer bildmächtigen, surrealen Theatersprache gefeilt, sind mittlerweile preisgekrönt und regelmässig im Programm internationaler Festivals.

Gefangen im Dickicht der Triebe und Ängste

«Kind», das Stück, mit welchem sie die Saison der Kaserne eröffnet haben, ist der Abschluss einer Trilogie zum Thema Familie. Nach dem Vater und der Mutter steht nun das Kind im Zentrum. Die Handlung des Stücks, so die Ankündigung, wird durch die Ängste und ­Bedürfnisse des Kindes, durch seinen Blick auf die Welt vorangetrieben. Auf der Bühne stehen Schauspielerinnen, Tänzer, Performerinnen, Generationen übergreifend, vom Kleinkind bis zum Grossvater.

Der Wald mit riesigem Mond, eine Hommage an den Romantiker Caspar David Friedrich, ist eine Art Labor, das von Figuren in weissen Schutzanzügen betreut wird. Das Stück beginnt schon mal mit einem Unfall. Ein Felsbrocken erschlägt einen der Arbeiter.

Beobachtet werden sie von einem Kind in einem roten Kleid, gespielt von einer Erwachsenen, korpulent, nicht dem Schönheitsideal entsprechend, eher eine Mischung aus Waldschratt und White Trash, fährt sie auf einem Kinderfahrrad durch die Szenerie. Immer wieder, bis es, später im Stück, kaputt geht, und von niemandem repariert wird. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg in diesem verwunschenen Waldstück. Dem Mädchen begegnet ein ganzer Reigen, teils skurriler, teils realistischer Figuren. Wer hier nun wessen Vater oder Mutter oder Kind, Onkel oder Tante ist, spielt in diesem Familienuniversum eine untergeordnete Rolle.

Trailer zu "Kind"

Es ist, und das ist die grosse Qualität dieser Arbeit, von Beginn bis zum Ende wie in einem Traum. Figuren tauchen auf, wandeln sich, kehren in anderer Form wieder. Der Ranger und seine Frau, die Wanderin, die verzweifelte Mutter und der Hirte. Grosseltern blicken mal auf die Szenerie, ein biegsames ­Lüftungsrohr führt ein seltsames Eigenleben, ein Reh in High Heels stakst durch das Kies. Sie alle stehen in Bezug zum Mädchen im roten Kleid. Wie genau, wissen wir als Träumende nicht. Wir sehen jedoch, dass hier ­vieles aus den Fugen ist.

Etwa wenn der Ranger die Wanderin erschiesst und das Mädchen ihr ungezählte weitere Kugeln in den Leib jagt, was die Leiche zu einem schaurigen ­Totentanz bewegt. Oder wenn Babygeschrei von den Wipfeln hallt, es jedoch von einem Bäumlein stammt, das eine Frau dem Wald zu entreissen versucht, um später mit einer seltsamen Holzpuppe wiederzukehren, die wiederum vom Mädchen mit einer Axt erschlagen wird.

Tarantino, Grimm und Magritte

Es ist ein verstörendes Universum, das hier ausgebreitet wird, getragen von irrwitzigen Choreografien, in welchen die Körper ausser Rand und Band geraten. Und diese Traumwelt ist streckenweise brutal bis zur Schmerzgrenze, unterlegt von schwerem Gitarren-Blues, dann wieder verzaubert durch die Arien, welche das hässliche Kind unter dem blutroten Mond singt.

Es ist, als ob sich Quentin Tarantino, die Gebrüder Grimm und der Surrealist René Magritte zusammengetan hätten, um eines nochmals klarzustellen: Wir sind nicht Herr in unserem Psycho-Wald. Auch wenn die Vögel zwitschern und singen und der Bergwind rauscht, wir entkommen unseren Trieben und Ängsten nicht und müssen uns schutzlos in diesem Dickicht zurechtzufinden. Peeping Tom haben dafür ein böses und witziges Bild kreiert: Die Wanderer suchen Schutz im Zelt. Aber es regnet nicht draussen, sondern im Zelt selbst.

«Kind» von Peeping Tom. Freitag, 29.09., 20 Uhr, Kaserne Basel.

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