Das Bruderholz war nie ein Slum und Kleinhüningen nie die Heimat der Reichen. Das einstige Fischerdorf wurde zum Hafenort und zur Arbeitersiedlung. Und in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu dem Quartier, in dem Basels Ärmste leben. Die Sozialhilfequote ist hier meist die höchste der Stadt, nur ab und an überholt das benachbarte Klybeck. 14,3 Prozent der Kleinhüninger bezogen im letzten Jahr Sozialhilfe, die Prämienverbilligungen sind dabei nicht eingerechnet. Das zeigt der Sozialbericht 2016. Zum Vergleich, auf dem eingangs erwähnten Bruderholz sind es nur 1,6 Prozent.

Aufhorchen lässt nun aber, dass die Sozialhilfequote steigt und steigt. In anderen Quartieren der Stadt ist sie stabil, etwa auf dem Bruderholz und im inneren Kleinbasel. In Bettingen sinkt sie sogar. Die Schere geht also auf. Und das unter der Ägide einer rot-grünen Regierung, die sich den Kampf gegen die soziale Ungleichheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Als 2005 die Linken die Mehrheit errangen, hatte Kleinhüningen noch eine Sozialhilfequote von 9,4 Prozent. Das ist eine Steigerung um mehr als die Hälfte. Im Klybeck sieht es ähnlich aus: Die letzte bürgerliche Regierung musste an 8,9 Prozent der Einwohner Sozialhilfe bezahlen. 2016 waren 13,6 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner auf Unterstützung angewiesen. Auf dem Bruderholz dagegen sank die Quote sogar noch, von 1,8 auf 1,6 Prozent.

Wider das Programm

Die soziale Durchmischung der Quartiere ist eines der zentralen Themen der Mehrheitsparteien von SP und der Grünen. Und doch entsteht in Kleinhüningen ein soziales «Ghetto», wie den jüngsten Zahlen zu entnehmen ist.

Als «Ghetto» würde Heidi Mück den Stadtteil nicht bezeichnen. Die ehemalige Grossrätin des Grünen Bündnis’ politisierte immer auf dem äussersten linken Flügel und wohnt in Kleinhüningen. Sie sieht den Hauptgrund für den steigenden Anteil unterstützungsbedürftiger Menschen vor allem bei der Wohnraumsituation in der Stadt.

Diese treibe die Menschen nach Kleinhüningen, die eigentlich lieber in ihren angestammten Quartieren wohnen geblieben wären, es sich aber nicht mehr leisten könnten: «Einer der Treiber war sicher auch, dass die Sozialhilfe die Ansätze für Mieten gesenkt hat. In Kleinhüningen gibt es noch günstigen Wohnraum.» An den Geleisen, nahe beim Hafen oder der Autobahn, da wohnt man günstig, aber nicht unbedingt freiwillig.

Anders sieht es im Densa-Park aus, jener kleinen, reichen Backsteinsiedlung im Dorf. Einen Vorposten der Gentrifizierung nennen es die ganz Linken, eine Oase der letzten guten Steuerzahler andere. Typisch für Kleinhüningen ist das Areal sicher nicht.

Eine tolerante Ecke

Doch Heidi Mück betont die guten Seiten des Lebens am Stadtrand: «Ein Vorteil von Kleinhüningen ist die Grosszügigkeit und Toleranz, die hier gelebt wird. Man muss nicht im Pelzmantel auf die Strasse, um jemand zu sein im Quartier.» Das heisst aber nicht, dass sie sich nicht wünschen würde, dass das Dorf nicht immer mehr zur letzten Sprosse auf der sozialen Leiter Basels verkommt.

«Wenn man etwas ändern will, dann wäre eine Erhöhung der Mietzinszuschüsse sicher nicht schlecht. So könnten Menschen in ihren angestammten Quartieren bleiben.» Dann würde mindestens das Ansteigen der Sozialhilfequote im Quartier gebremst. Ob sich die Entwicklung umkehren lässt, ist eine andere Frage.