Bildung
Die Schule und der Streit um Butter und Margarine

Aus dem Vorzeigeprojekt «Kleinklasse» wurde über Nacht ein verdammenswertes System zur Aussonderung und Stigmatisierung der schwächeren Schüler. Unser Autor plädiert für eine gründliche Überprüfung - dieses Mal unter Einbezug aller Meinungen.

Roland Stark*
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Blick in eine Kleinklasse - als es diese noch gab.

Blick in eine Kleinklasse - als es diese noch gab.

Rolf Jenni

«Aller Eigensinn beruht darauf, dass der Wille sich an die Stelle der Erkenntnis gedrängt hat», schrieb Schopenhauer. Oder im Klartext: Wenn der Glaube gross und stark genug ist, darf man die störenden Fakten ruhig übersehen. Dafür gibt es harmlose Beispiele. Jahrelang tobte der Glaubenskrieg, ob Butter oder Margarine gesünder sei. Cholesterin-Spiegel, tierische Fettsäuren – hin und her wogte der Kampf. Die Konsumentinnen und Konsumenten standen ratlos vor den Kühlregalen, immer den Mahnfinger der Missionare vor Augen.

Roland Stark Roland Stark (61) ist Lehrer an der Basler Orientierungsschule und verfügt über eine heilpädagogische Ausbildung. Der ehemalige SP-Präsident politisierte 21 Jahre im Grossen Rat.

Roland Stark Roland Stark (61) ist Lehrer an der Basler Orientierungsschule und verfügt über eine heilpädagogische Ausbildung. Der ehemalige SP-Präsident politisierte 21 Jahre im Grossen Rat.

Kenneth Nars

Wesentlich bedeutsamer und folgenschwerer ist die Auseinandersetzung um Integration (Inklusion) oder Separation in der Schule. Als ich in den 1970er-Jahren in Basel zu unterrichten begann, galten die Kleinklassen europaweit als Vorzeigemodell. Kolleginnen und Kollegen aus vielen Ländern, auch aus Skandinavien, pilgerten nach Basel, um sich vom damaligen Rektor Felix Mattmüller die Vorzüge der Schule vorstellen zu lassen.

In den Kleinklassen sollte verhaltensauffälligen, sogenannt «schwierigen», lerngestörten, sozial, oft auch sprachlich und kulturell noch nicht integrierten Kindern die Möglichkeit einer besonders geförderten Schulentwicklung geboten werden. Dabei war es besonders wichtig, dass genügend Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bleibt. Von dieser Aufgabenstellung her war klar, dass den Kindern mit der beschriebenen Problematik eine ständige personale Veränderung ihres Klassenverbandes nicht zugemutet werden durfte. Der soziale Raum und damit die Zusammensetzung der Klasse sollte über einen längeren Zeitraum stabil und vertraut gehalten werden.

Schnee von gestern. Aus dem Vorzeigeprojekt «Kleinklasse» wurde über Nacht ein verdammenswertes System zur Aussonderung und Stigmatisierung der schwächeren Schüler. Butter trat anstelle der Margarine, um im Bild zu bleiben. Gefordert und dann auch durchgedrückt wurde schliesslich die Abschaffung der Kleinklassen und die Integration der Schüler in die Regelklassen. Diese radikale Kehrtwende geschah nicht, wie behauptet, «behutsam» und «Schritt für Schritt», sondern handstreichartig, ohne die notwendige gründliche pädagogische Diskussion und ohne Einbezug der politischen Gremien, etwa des Grossen Rates. Kompetente Kritiker der neuen Heilslehre, wie der ehemalige Heilpädagogik-Dozent an der Uni Basel, Emil E. Kobi, galten fortan als Verfechter verstaubter, reaktionärer Konzepte, ihre Ansichten wurden auf dem Misthaufen der Pädagogikgeschichte entsorgt. Die Wächter der neuen Glaubenslehre setzten sich durch.

Professor Dr. Bernd Ahrbeck vom Institut für Rehabilitationswissenschaft an der Uni Berlin spricht davon, dass Inklusionsbegehren häufig «unter stark moralisierendem Aspekt» gesehen würden. Er habe den Eindruck, dass es gegenwertig schwierig sei, über die Bedenken frei zu sprechen. Er glaube nicht, dass auf institutionelle Differenzierungen verzichtet werden sollte. Und weiter: «Im öffentlichen wie im fachlichen Diskurs wird leider sehr häufig projiziert und gespalten und diejenigen, die nicht im Mainstream mitschwimmen, werden dadurch in eine krasse Aussenseiterposition gebracht. Der Satz «Vielfalt ist bereichernd» sollte auch hier gelten. Ihn auszusprechen ist offensichtlich leichter, als ihn ins Leben zu integrieren.»

Unterdessen wachsen an den Basler Schulen die Bedenken. Die berechtigten Sorgen der Lehrerschaft kollidieren aber in bedenklichem Ausmass mit dem gebetsmühlenartig verbreiteten Optimismus und den euphorischen Erfolgsmeldungen der oberen Etagen der Schulbürokratie. Es ist deshalb sehr zu begrüssen, dass der Erziehungsdirektor an der Schulsynode eine gründliche Überprüfung der Situation angekündigt hat. Diese sollte unter Einbezug aller Meinungen und vorbehaltlos organisiert werden. Integrativ also und nicht schon wieder separativ.