Frau Fetz, wie erlebten Sie am Montag in der WAK des Nationalrats den Auftritt von Philipp Hildebrand?

Anita Fetz: Alle Anwesenden waren von seinem Abgang mit Klasse beeindruckt. Er hat viel für die Schweiz getan und erreicht. Das ändert nichts daran, dass er einen Fehler gemacht hat: Es geht nicht, dass die Spitze der Währungshüter privat Devisengeschäfte betreibt – selbst, wenn dies im Reglement nicht verboten ist. Der Rücktritt war leider unausweichlich.

Ist er nicht das Ergebnis einer SVP-Kampagne?

Es ist eben beides: Hildebrand hat den Fehler gemacht, andererseits wurde daraus eine Kampagne, an der vor allem SVP-Leute beteiligt waren. Ich gehe jedoch davon aus, dass 99 Prozent der Partei nichts wussten. Es war ein kleiner Klüngel vom Datendieb über den Anwalt und einen Zürcher Kantonsrat bis zu Christoph Blocher, der damit zu Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey ging. Bis zu diesem Schritt war alles noch einigermassen zu managen. Als aber die «Weltwoche» ohne hinreichende Beweise und mit unwahren Behauptungen die Kampagne lostrat, wurde zum Schaden der Schweiz sehr viel Geschirr zerschlagen.

Auch wenn Hildebrand mit seinem Fehler der SVP den Ansatzpunkt geliefert hat: Sie hatte sich schon vorher auf die Nationalbank eingeschossen. Was steckt dahinter?

Das fragen sich viele Leute. Denn die Affäre hat bisher nur Verlierer produziert: Die Schweizerische Nationalbank und der Ruf des Landes wurden geschwächt. Ich erhielt Anrufe von deutschen Parlamentariern, die sich wunderten, was in der Schweiz vorgeht. Wie ist es möglich, dass die privaten Bankdaten des Chefs der Nationalbank gestohlen und für eine öffentliche Kampagne missbraucht werden? Die Schweiz wird sich nie mehr empören können, wenn gestohlene Bankdaten ins Ausland verkauft werden: Da haben wir die moralische Legitimation verloren. Weiter hat das Bankkundengeheimnis gelitten, die Bank Sarasin kämpft mit einem Reputationscrash. Zudem wurde der Bankrat geschwächt. Ich sehe aber nicht, was dies der SVP politisch bringt.

Führt Blocher einen Privatkrieg gegen Hildebrand oder allenfalls Eveline Widmer-Schlumpf?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich stelle einfach fest: Seit einem Jahr deckt er den Chef der Schweizerischen Nationalbank – lange vor dem Datenklau – mit Rücktrittsforderungen ein. Er betreibt eine explizite Destabilisierung der wichtigsten Institution, die wir in der Schweiz in dieser Wirtschaftslage haben. Ich glaube aber nicht, dass es um eine parteipolitische Strategie geht. Es geht eher um eine blindwütige Blocher-Strategie, deren Ziel unklar ist.

Also hat ein Milliardär einen Millionär abgeschossen: Betrifft dies Otto Normalverbraucher?

Die Nationalbank hat den Auftrag, für Preis- und Währungsstabilität zu sorgen. Dies ist für die Wirtschaft und für das gesamte Land matchentscheidend. Wir sehen ja: Wird der Franken zu stark, leidet die Exportindustrie, leidet der Tourismus. Da sind bereits Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren gegangen. Es trifft die kleinen Leute, wenn man die Nationalbank destabilisiert.

Wer profitiert davon?

Ein starker Franken nützt der Finanzindustrie.

Wollen Sie damit sagen, dass die Kreise um Blocher sich auf die Seite des Finanzplatzes geschlagen und den Werkplatz mit all seinen KMU verraten haben?

So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube nicht, dass es eine durchorchestrierte Aktion war. Zum Dilemma zwischen Finanz- und Werkplatz: Es ist gerade eine der Aufgaben der Nationalbank, hier den Ausgleich zu schaffen, indem sie für einen Frankenkurs sorgt, der für beide Seiten – beide Branchen sind für das Land wichtig – vertretbar ist. Deshalb muss die Nationalbank unbedingt unabhängig sein. Wir werden uns in nächster Zeit damit auseinandersetzen müssen, in welche Richtung wir das Land entwickeln wollen: Soll es weiterhin schleichend entindustrialisiert und als ein Mini-Monaco zum Fluchthafen der Milliardäre werden, die hier Dienstleistungen in Anspruch nehmen? Oder wollen wir uns auf die Stärke innovativer Produkte, eines qualitativ hochstehenden Handwerks und international konkurrenzfähiger Technologie-KMU stützen? Es geht also um weit mehr als um die Frage, was Hildebrand wann über die Dollarkäufe seiner Frau wusste – oder welche Feindschaft Blocher gerade pflegt. So gesehen ist die von ihm geforderte Nationalbank-Verschuldungsgrenze Gift für die kleinen Leute.

Die SVP gilt als Partei des Gewerbes und der KMU. Wie erklären Sie sich den Widerspruch, dass sich ausgerechnet diese Partei auf die Nationalbank eingeschossen hat?

Ich nehme eben nicht an, dass es die Partei an sich ist. Ich kann aber diesen Widerspruch nicht lösen. Damit müssen sich jene auseinandersetzen, die diese Partei gut finden.

Gibt es bereits konkrete Schäden?

Ich kann es zwar nicht beweisen. Aber ich bin überzeugt, die Nationalbank hätte einen Kurs von 1,30Franken hinbekommen, wäre nicht kurz vor Weihnachten diese Kampagne losgetreten worden. Deshalb kommt diese Affäre all jene, die arbeiten, sehr teuer zu stehen.

Befürchten Sie künftig mehr solcher Kampagnen?

Ja. Wir haben eine Art Dammbruch erlebt: Man kann eine Anschuldigung mit einem Körnchen Wahrheit in die Welt setzen. Jede Antwort, mit welcher der Angegriffene Transparenz herstellen will, provoziert weitere Fragen. So wird dies zum Selbstläufer. Übrigens: Hildebrand stellt bis hin zur Offenlegung seiner Konten weitgehende Transparenz her. Ich erwarte, dass Herr Blocher seine Konten ebenfalls offenlegt, um zu sehen, in welchem Ausmass er in den letzten 12 Monaten, in denen er die Nationalbank angreift, spekuliert hat.

Trauen Sie ihm dies zu?

Ja. Er hat schon mehrfach nicht die Wahrheit gesagt, unter anderem beim Deal um die «Basler Zeitung». Er hat ein geradezu frivoles Verhältnis zur Wahrheit. Wer solche Kampagnen gegen Personen in zentralen Institutionen führt, versucht direkt, diese Institutionen zu schwächen. Wohlgemerkt: Dies ist keine Rechtfertigung für Hildebrands Fehler.

Wie soll es weitergehen?

Wir brauchen eine rasche Nachfolgeregelung. Die Reglemente müssen sofort überarbeitet werden. Und sämtliche Parteien sind aufgefordert, die Nationalbank zu stützen. Es gilt, Ruhe um die Nationalbank zu schaffen. Unser Land befindet sich in einer der schwierigsten Zeiten seit dem Zweiten Weltkrieg: Die Hedgefonds-Spekulanten lauern weltweit darauf, Schwächen der Nationalbank auszunutzen. Und dies wird auf Kosten der Bevölkerung gehen: instabile Preise, Druck auf die Arbeitsplätze... Den Preis werden die kleinen Leute zahlen und nicht selbst ernannte Moralisten, die statt einer inhaltlichen Diskussion über die Geldpolitik eine Kampagne gegen Personen führen.

Bei Hildebrands Rücktrittserklärung gab es kurzfristig eine Kursschwankung. War dies bereits ein Hedge-Funds-Angriff?

Ich weiss es nicht. Und man darf auch nicht wissen, ob und in welchem Umfang die Nationalbank intervenieren musste. Deshalb sind allfällige Schäden für die Nationalbank nicht bezifferbar.

Nun gelten Krisen ja auch als Chance. Wo liegen diese?

Der Bankrat hat nicht sehr glücklich agiert, und die Reglemente waren ungenügend. Also muss man die Reglemente verschärfen und exaktere Anforderungsprofile für Bankräte definieren, die auf die globalisierte Finanzwelt des 21.Jahrhunderts ausgerichtet sind. Dies alles ohne überhastetes Köpferollen mit weiteren Kollateralschäden. Natürlich gehören die Kantone und die Sozialpartner weiter in den Bankrat. Aber sie müssen Leute dorthin schicken, die wirklich etwas von der Sache verstehen. Dann hätten wir etwas gewonnen.