Nicht Wien, nicht München, nicht Zürich. Im Basler Stadtcasino war es, wo Theodor Herzl 1897 den ersten Zionistenkongress der Geschichte durchführen konnte. Die Geschichte ist am Rheinknie schon oft erzählt worden, Herzls Tagebucheintrag «In Basel habe ich den Judenstaat gegründet» wurde auch am Montagabend im Basler Nobelhotel «Trois Rois» mehrfach zitiert.

Eine «glückliche Notlösung» nennt der Israel-Korrespondent und Buchautor Pierre Heumann die Umstände, die vor 120 Jahren zu diesem Ereignis geführt haben, und räumt dabei gleichzeitig mit falschen Vorstellungen auf. Nicht die Weltoffenheit Basels hat die Durchführung erleichtert, sondern die extreme Abschottung der Basler Universität, die Ende des 19. Jahrhunderts keine Ausländer und damit auch keine verdächtigen revolutionären Subjekte aufnahm. Basel war damit nicht auf der Landkarte ausländischer Geheimpolizeien und damit genug harmlos für einen reibungslosen und würdigen Ablauf, der Theodor Herzl so sehr am Herzen lag. Auch drohten die «interessiert gleichgültigen» Basler Juden nicht damit, den Anlass zu stören, wie es in München zu befürchten war.

Grosser Andrang

Am Montagabend luden der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Jüdische Gemeinde Basel zur «kleinen» Jubiläumsfeier des ersten Zionistenkongresses, nachdem es mit dem grossen Gedenkanlass und dem Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nicht geklappt hatte und dieser im Juni überraschend abgesagt wurde. Über 300 Gäste, angeführt vom israelischen Botschafter Jacob Keidar und der Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann, drängten sich in den gut bewachten Festsaal jenes Hotels am Rhein, in dem Herzl vor 120 Jahren logierte und sich das Essen aufs Zimmer bringen liess, da er das Essen im ihm empfohlenen, koscheren Restaurant Braunschweig so schlecht fand.

Redner Heumann war mit seinem historischen Rückblick Teil des dichten, zweieinhalbstündigen Programms, das wegen des grossen Interesses im Vorfeld live im Internet und in einen Nebensaal im ersten Stock übertragen wurde. Anders als Herzl konnten die vielen Interessenten aber nicht bewirtet werden, da der Andrang schlicht überwältigend war, wie SIG-Präsident Herbert Winter in seiner Begrüssung vermerkte.

Der Bedeutung des historischen Ereignisses für die Schweizer Juden, aber auch für die Stadt Basel und den Staat Israel versuchten die Programm-Macher auf verschiedene Art und Weise beizukommen. Der Basler Historiker Erik Petry nannte in seinem Referat die Vorwegnahme der parlamentarischen Diskussion an den Zionistenkongressen als eine der Haupterrungenschaften, die dem Staat Israel nach seiner Gründung einen demokratischen Schnellstart erlaubte. Gleichzeitig sei der Zionismus keine abgeschlossene Bewegung: Die Diskussion über die weitere Ausgestaltung des Staates und beispielsweise des Verhältnisses zwischen jüdischen und nichtjüdischen Einwohnern müsse unter diesem Stichwort weitergeführt werden. Scherzhaft betitelte Petry seine Ausführungen «Zionismus gestern und heute in 10 Minuten», natürlich ein unmögliches Unterfangen.

Interessante historische Idee

Genauso unmöglich, wie es ein Anspruch an die gleich zwei Diskussionsrunden gewesen wäre, die Langzeitwirkung des Zionistenkongresses umfassend darzulegen. Viele am Montagabend geäusserte Thesen mussten zwangsläufig Stückwerk bleiben. In der von SRF-Radiomoderatorin Noëmi Gradwohl geleiteten Expertenrunde mit den Wissenschaftern Petry, Simon Erlanger, Laurent Goetschl und Jonathan Kreutner führte Letzterer aus, dass wegen des Basler und der folgenden 13 Schweizer Zionistenkongresse die Schweizer Juden eine viel tiefere Verbindung zum Staat Israel entwickeln konnten als vergleichbare Gemeinden im Ausland; wofür der Basler Historiker Erlanger die starke Auswanderung aus der Schweiz nach Israel als Beleg ins Feld führte.

«Wir feiern ein bedeutsames Ereignis, an dem eine sehr interessante Idee diskutiert wurde. Wir haben eine Verantwortung zu verfolgen, was aus dieser Idee geworden ist», folgerte Goetschl. Nur als Hauch einer These klang in der Diskussion dagegen durch, dass mit dem Hochhalten der Erinnerung an 1897 Basel und die Schweiz das schlechte Gewissen wegen der Abweisung jüdischer Flüchtlinge während der Nazi-Diktatur überspielen könnten.

Lebhafter ging es schliesslich an der zweiten Podiumsdiskussion zu und her, der von Starmoderator Roger Schawinski geleiteten Journalistenrunde. Begeistert zeigte sich der SRF-Talkmaster von der Anekdote, dass die Basler 1897 die Kongressteilnehmer in einem Umzug mit «Hoch die Juden»-Rufen gefeiert haben sollen. «Wann gab es das später je wieder?»

«NZZ»-Nahostkorrespondent Ulrich Schmid bestätigte, dass der 120. Jahrestag in Israel selbst keinen allzu grossen Widerhall finde. Dies sei in den Augen der Israeli «kein richtiges Jubiläum». Von Schawinski auf einen durch den Zionistenkongress allfällig entstandenen «Geist von Basel» angesprochen, fand «BaZ»-Chefredaktor Markus Somm diesen «komischen, lustigen, verklemmten Pragmatismus», der die Durchführung begleitete, «sehr, sehr schweizerisch». Und auf die Neuzeit überleitend habe das Aufeinandertreffen von pedantischer schweizerischer Ordnungsliebe und chaotischer israelischer Alltagsbewältigung die Durchführung des grossen Festanlasses verunmöglicht. David Sieber, Chefredaktor bz, befand schliesslich, dass Basel aus der Erinnerung an den Zionistenkongress «sehr viel mehr herausholen könnte».