Public Viewing

Die Secondo-Schweiz verbrüdert sich bei Salzgeber

Coole Menschen weichen der Steinenvorstadt aus – dabei ist es der derzeit beste Ort der Stadt. Denn jede Beiz hat ein Public Viewing für die WM-Spiele organisiert. Und dort treffen dann Fans mit allen möglichen Nationalitäten aufeinander.

Feierabend ist gleich Anpfiff. Zumindest in diesen Tagen. In der Steinenvorstadt zischen die Anker-Bierdosen, die ersten Pässe werden frenetisch bejubelt, die Stimmung ist hervorragend.

Es ist Montagabend. Das Topspiel in der Gruppe G der Fussball-WM in Brasilien steht an: Deutschland gegen Portugal. Das heisst auch: Basels grösste Ausländergruppe gegen die siebtgrösste. In der Steinen treffen sie aufeinander. Ganze Familien haben sich zurechtgemacht. Kleinkinder schwenken Deutschlandfahnen, Brüderpaare rasierten sich «Portugal» in den Kurzhaarschnitt.

Jede Beiz in der Stadt, die etwas auf sich hält, wirbt derzeit mit seinem Public Viewing. Die arrivierten Fans gehen in den Teufelhof. Die Fussballintellektuellen ziehts in die Bar du Nord beim Badischen Bahnhof. Die Hipster treffen sich auf der Dachterrasse des Hinterhof. Um die Steinen machen sie einen weiten Bogen. Zu prollig, zu uncool. Hierher kommt die Secondo-Schweiz. Sie vermischt sich mit Urbaslern, Büetzern, Expats und Geschäftsleuten, die nur kurz für das Resultat stehen bleiben wollen und schliesslich ein Bier bestellen. Gesprochen werden Baseldeutsch, Hochdeutsch, Portugiesisch, Englisch, Spanisch und zig weitere Sprachen. Und alle zusammen schauen sie Moderator Rainer Maria Salzgeber auf SRF 2 zu.

«Hey hallo!», ein Secondo mit Deutschland-Trikot begrüsst seine Kollegen in Portugal-Shirts. «Söttsch di schämme», sagt der Portugal-Fan, «ich trage wenigstens das Leibchen aus dem Land, in dem ich geboren wurde.» Handschlag. Alle lachen. Die Blicke gehen zum Bildschirm.

Deutschland ist in der Steinen in der Überzahl. Was sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, gilt auch hier: Man darf wieder Deutschland-Fan sein. Auffällig viele Schweizer tragen das weisse T-Shirt mit den roten, schwarzen und goldenen Streifen. Irgendwo hat jeder noch einen Onkel oder sonst einen fernen Verwandten im Badischen draussen.

Bald wird klar: Es wird auch sonst ein deutscher Abend. Nach zehn Minuten fällt das 1:0. Bald darauf das 2:0. Ein Portugiese fliegt vom Platz. Beim Pausenstand von 3:0 ist klar, dass die Sache gelaufen ist. Die Weissen jubeln, die Roten fluchen. Die Stimmung bleibt gut. Man liegt sich in den Armen und schiesst Erinnerungs-Selfies.

Mittendrin in der Steinen betreibt Jerry seine Bar. An der Fassade hängen viele Flaggen. Schweiz, Brasilien, Deutschland, Frankreich Kroatien und so weiter. An diesem Abend trägt Jerry selbst ein Deutschland-T-Shirt. Er schleudert einen Eiswürfel drei Meter in die Luft und fängt ihn hinter seinem Rücken mit einem Cocktail-Glas. «Ich will nicht bluffen, aber Jerry's Bar hat die beste Stimmung und die besten Cocktails», sagt Jerry.

Für den Fotografen zieht er sich das Leibchen über, das er sich für die Fussball-WM extra hat anfertigen lassen. Rot, mit einem Schweizerkreuz auf der Brust, auf dem Rücken die Mannschaftsaufstellung mit den Namen seiner Angestellten - ergänzt durch Stocker und Shaqiri.

An seiner Bar verschmelzen Fussballfans mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu einem grossen Ganzen. «Ihr kriegt nichts, hier werden nur Schweizer bedient», ruft Jerry im Scherz einer Gruppe Anfangzwanziger aus dem Baselbiet zu. Diese - bis auf einen ist jeder gebürtiger Schweizer - lachen und strecken die Daumen in die Luft. Die Deutschen an der Freilufttheke verbrüdern sich mit den Türken und grölen «Schland, Schland!»

Nein, die Steinen ist keine schöne Strasse und kein Hort der Hochkultur. Ja, sie hat einen schlechten Ruf und das womöglich sogar zurecht. Hier lässt sich an den Wochenenden die Agglo-Jugend volllaufen und die Kinos zeigen ihre Blockbuster synchronisiert statt in Originalversion mit Untertiteln. Hier werden Drinks mit dem Namen «Le Gurk» statt Bier von der lokalen Kleinbrauerei getrunken.

Doch die Steinen, welche in diesen Tagen von vorne bis hinten mit Fernsehern gesäumt ist, lässt jeden rein und schmeisst niemanden raus. Die Cüpli-Trinker sitzen neben den Teenies mit den Döner-Boxen. Die Begeisterung für den Fussball ist echt. Hier findet die Art von Völker-Verständigung statt, wie man sie sich an einer WM wünscht. Es gibt in dieser Stadt wohl kaum einen besseren Ort, um Fussball zu schauen.

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