Bildung

Die Sek-Klasse im letzten Schuljahr: Wochen der Entscheidung

Die Klasse 3d ist langsam, aber sicher im Endspurt ihrer Schulzeit.

Die Klasse 3d ist langsam, aber sicher im Endspurt ihrer Schulzeit.

Die «Schweiz am Wochenende» begleitet eine Sek-Klasse durchs letzte Schuljahr. Heute: Erfolg und Enttäuschung.

Er hat es geschafft. Kristian* hat als erster Schüler der 3d die Zusage für eine Lehrstelle erhalten. Er wird Polymechaniker. Für ihn ist das Rennen gelaufen, für andere beginnt der Schlussspurt jetzt so richtig.

Es ist Donnerstagmorgen um acht Uhr früh und die Klasse 3d hat eine knifflige Aufgabe. Die Schülerinnen und Schüler müssen ein Plakat gestalten – als Powerpoint-Präsentation. Deswegen beugen sich die Teenager nicht wie sonst über ihre Hefte und Bücher, sondern haben den Bildschirm ihrer Laptops aufgeklappt. Lehrer Samuel Stirnimann gibt Tipps, zwischen den Schulbänken wuseln noch die Heilpädagogin, die DAZ-Lehrerin und der Praktikant. «Spielt damit rum», sagt Stirnimann, «es kann nichts explodieren.» Es ist sehr still im Klassenzimmer. Von der lockeren Atmosphäre vom vergangenen August ist nicht mehr viel geblieben. Die flapsigen Sprüche sind ernsten Fragen gewichen und die grösste davon steht unausgesprochen im Raum: Was wird aus mir?

Rojin trägt eine schwarze Brille, Nasenring und die dunklen Haare lang. Sie möchte Dentalassistentin werden. Seit dieser Woche ist sie ihrem Vorhaben einen Schritt näher. Sie hat eine zweite Schnupperlehre im Sack. «Ich möchte wissen, ob mich das wirklich interessiert», sagt sie. Bereits einmal hat sie bei einem Zahnarzt vorbeischauen dürfen, aber Rojin will sich verschiedene Optionen offenhalten. Eine Lehre ist eine grosse Sache. «Ich will sehen, wo es mir besser gefallen könnte», sagt sie. Dafür will sie den Multicheck absolvieren, ein Eignungstest, den schweizweit 32 Center anbieten. «Er behandelt alle Fächer. Das Resultat lege ich dann meiner Bewerbung bei.»

Lehrer Stirnimann lässt mehr und mehr Freiheit

Plötzlich müssen sich die jungen Erwachsenen für einen Beruf entscheiden, plötzlich müssen sie für sich selber Verantwortung übernehmen. Lehrer Samuel Stirnimann lässt seine Schützlinge bewusst immer mehr alleine, damit sie den Druck spüren. «Ich erinnere die Schülerinnen und Schüler etwa nicht mehr an Termine. Das müssen sie selber im Griff haben», sagt er. Auch deshalb forciert Stirnimann mitunter Projektarbeiten, in denen die Teens selbstständig Lösungen für ihre Probleme finden müssen, wie eben die Powerpoint-Präsentation. «Wer jetzt eine sichere Zukunft hat, geht die Sache entspannt an», sagt Stirnimann.

Tatsächlich haben schon viele klar einen Pfad eingeschlagen, auch wenn nur Kristian eine Lehrstelle in der Tasche hat. Wer die Fachmaturitätsschule (FMS) anpeilt, der musste bereits zur Halbzeit im Winter ein gutes Zeugnis vorweisen können. Gefordert ist ein Notenschnitt von 4,5. So kam es, dass einige Schüler sich bereits zu Weihnachten von der Illusion trennen mussten, an die FMS zu gehen.

Viele von ihnen werden ein zehntes Schuljahr absolvieren müssen, denn auch viele Lehrbetriebe verlangen mindestens eine 4,5 im Schnitt. Zu jenen, die ein weiteres Jahr an der Sek anhängen, gehört auch Safiulla. In der vergangenen Folge hat er noch auf eine Lehrstelle gehofft.

Oder aber sie bemühen sich um eine Aufnahme an die Informatik- oder Wirtschaftsmittelschule. Diese verlangen einzig im Abschlusszeugnis im Sommer den Notendurchschnitt von 4,5. Um diesen zu erreichen, müssen sich die Schülerinnen und Schüler ordentlich ins Zeug legen.

Viele wollen den Kokon der Schule nicht verlassen

Alternativ können die Schüler auch eine Aufnahmeprüfung ablegen. «Das tun viele. Verlieren können sie ja nichts», sagt Stirnimann. Dahinter steckt oft auch Unsicherheit. Nicht wenige der 14- und 15-Jährigen würden ihre Schulkarriere gerne fortsetzen und noch nicht in die Arbeitswelt einsteigen. Einige fühlen sich selber noch nicht reif dazu. Bei anderen vermutet Stirnimann, dass die Eltern ihren Kindern diesen Schritt nicht zutrauen – oder vielleicht auch nicht zutrauen wollen. «Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen, ist derzeit ein grosses Thema bei uns», erzählt Stirnimann. Wer noch gar keinen Plan hat, dem hilft die Berufsberatung. An diesem Donnerstagmorgen nutzen eine Schülerin und ein Schüler das Angebot.

Es ist natürlich, dass die Schülerinnen und Schüler die bestmögliche Ausbildung für sich herausschlagen wollen. So sind ihre Chancen im Arbeitsmarkt später grösser. Dennoch misstraut Stirnimann zu hohen Ansprüchen. Er weiss: In der Fachmaturitätsschule fallen im ersten Jahr viele Schüler durch das Sieb. «Im schlimmsten Fall droht dann die Ehrenrunde.»

Für einen Schüler ist die Zeit in der Klasse 3d bereits bei Schuljahresmitte zu Ende. Seine Noten waren zu schlecht für den E-Zug, dem mittleren Niveau auf Sekundarstufe. Er ist in den A-Zug geflogen. Am anderen Ende der Notenskala steht Silas: Er hat derzeit einen Schnitt von über 5. Kann er diesen halten, wechselt er von der Sek ans Gymnasium. Das gelingt nur wenigen. An der Sekundarschule St. Alban sind es zwei.

«Er hat den Knopf so richtig aufgemacht»

«Silas ist einer der Jungs, die inzwischen so richtig den Knopf aufgemacht haben», sagt Stir§nimann. Als die «Schweiz am Wochenende» die Klasse 3d zum ersten Mal besucht hatte, gehörte er noch zu den Sprücheklopfern, die hinter dem Rücken des Lehrers mit ihren Kollegen feixen. Zumindest heute ist davon nichts mehr zu sehen. «Ich habe viel gelernt und mich sehr für die Schule eingesetzt», sagt Silas und streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Er habe eigentlich immer zu den stärkeren Schülern gehört, «aber in der zweiten Klasse habe ich einfach lieber meine Zeit mit Gamen verbracht.» Er grinst und zählt seine Lieblingsspiele auf: Fortnite, GTA, Rainbow Six, Shooter halt. So ganz losgeworden ist er den Schalk nicht. Silas hat sich hohe Ziele gesteckt: «Mein Traum ist es, Anwalt zu werden.» In allen Fächern hat er Nachhilfe genommen, am meisten in Deutsch und Fremdsprachen. Damit sind seine Noten nach oben geklettert. Ihm ist bewusst, dass das Gymi nicht leicht wird. «Es wird nicht gechillt», sagt er, «aber machbar.» Und falls es nicht klappen sollte, ist die FMS seine Rückfallebene. Und das wäre ja auch nicht schlecht.


*Name geändert. Der Schüler möchte anonym bleiben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1