Olivier Messiaen hat seine «Turangalîla»-Sinfonie als «einfaches Liebeslied» beschrieben. Stimmen Sie dem zu?

Baldur Brönnimann: Ich würde sagen, es ist einfach und komplex zugleich. Es hat einerseits diese komplizierten Rhythmus-Skalen, aber andererseits sind die Themen klar zu erkennen. Liebe ist das zentrale Thema. Und es gibt zwar diese grosse Orchester-Konstruktion als Unterbau, aber im Charakter bleibt es ein Liebeslied. Die Komplexität muss leicht klingen. Das Orchester ist gross, aber der Spirit ist gewichtslos.

Letztes Jahr gab es ein Turangalîla-Ballett an der Hamburger Staatsoper. Evoziert diese Musik bei Ihnen Bilder?

Messiaen hat ja selbst assoziativ gedacht. Er war Synästhetiker. Er hat oft an der Orgel gesessen und die farbigen Scheiben angeschaut und dazu gespielt. Bei vielen Stücken hat er die Farben in die Partitur geschrieben. Er hat ständig assoziiert und deshalb kann man die Musik gut in Bilder übersetzen. Aber ich muss mich auf die Qualität der Klänge konzentrieren.

Das Stück hat auch polarisiert. Offenbar war der Komponist Pierre Boulez ein rechter Hasser dieser – wie er es nannte – «Bordellmusik». Was macht das Stück so angreifbar?

Ihm gefiel das Süssliche und Kitschige nicht. Die Ondes Martenot verdoppelt die ersten Violinen im Liebesthema, die Streicher spielen starkes Vibrato, dazu kommen die vielen Terzen. Messiaen hat mit Zahlensymbolik und Symbolismus gearbeitet. Doch die Oberfläche des Stücks ist geprägt von emotionalen Höhepunkten, intimen Momenten, also Dingen, die nichts mit der Komplexität zu tun haben. Das ist, als würde man eine Kathedrale von aussen anschauen. Da sieht man auch nicht die Symbolik, die eingeflossen ist. Boulez ging es dagegen nur um den konstruktiven Aspekt, ihn interessierten quasi nur die Pläne der Kathedrale, nicht das Gesamtbild.

Warum ist es für die Basel Sinfonietta wichtig, dieses Stück zu spielen?

Bei normalen Sinfonieorchestern arbeitet man ab und zu am Grundrepertoire – Haydn, Brahms, Beethoven –, um am Orchester selbst zu arbeiten. Bei der Sinfonietta ist eben die «Turangalîla» das Grundrepertoire, eines der fundamentalen Stücke nach dem Krieg, auf dem viele spätere aufbauen.

Was fasziniert Sie an dem Stück?

Es ist eine Reise, sehr intensiv. Nach dem Krieg haben nicht viele Komponisten für Orchester geschrieben. Doch Messiaen mit seiner Kosmos-Ästhetik fand, das Orchester habe etwas zu sagen. Er hat kein Konzept-Stück geschrieben. Und das finde ich toll. Seine Musik ist extrem in vielen Hinsichten: die Masse von Akkorden, die Kontrapunkte, es ist wie eine Überdosis. Aber so sah seine Welt eben aus: ein belebter Kosmos.

Warum haben Sie als Ort das
Musical-Theater für dieses Konzertprogramm ausgewählt?

Es gibt derzeit nicht so viele Möglichkeiten in Basel. Aber für dieses Stück braucht es Resonanz. Da ist das Musical-Theater nicht ideal: zu trocken. Ein Orchester klingt spannend, wenn man nah dran sitzt und die Vibrationen spürt. Aber die Sinfonietta ist gewohnt, an unterschiedlichen Orten zu spielen, deshalb werden wir den Saal schon zum Schwingen bringen.

Konzert: So, 29. 1., 19 Uh, Musical Theater, Feldbergstrasse 151, Basel.

www.baselsinfonietta.ch