Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig blättert Esther Baur im sogenannt «roten Buch». Es stammt von 1357, das Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Basel. «Die Stadt hat damals praktisch alle Urkunden verloren, zahlreiche Rechte waren auf einen Schlag nicht mehr belegbar», erzählt die Basler Staatsarchivarin. Sie mussten deshalb von Kaiser Karl IV. so rasch wie möglich neu bestätigt werden. Mit dem «roten Buch» hätten die Basler Behörden sofort wieder damit begonnen, wichtige Geschäfte, Ratsbeschlüsse, Strafurteile, Gesetze oder Verordnungen festzuhalten. «Den Staatsvertrag zum 8er-Tram sollten wir schliesslich auch nicht verlieren», vergleicht Baur.

Glaubt man Baur, droht Basel 663 Jahre später wieder Archivgut zu verlieren. Auf einem Rundgang lässt sie kaum eine Gelegenheit aus, auf die prekären Verhältnisse in ihrem Staatsarchiv hinzuweisen. Feuerpolizeiliche Vorgaben können die alten Gemäuer nicht erfüllen. Vom Erdbebenschutz ganz zu schweigen. Baur: «Wir sind weit entfernt von sämtlichen modernen Anforderungen.» Die Strukturen des 120 Jahre alten Gebäudekomplexes seien völlig veraltet.

Der Neubau ist umstritten

1898 erbaut ist das Basler Staatsarchiv der älteste Archivbau der Schweiz, älter noch als das Bundesarchiv. Ausgelegt wurde das Gebäude an der Martinsgasse ursprünglich auf 3,9 Laufkilometer Akten. In den 1960-Jahren wurden nachträglich zwei Untergeschosse gebaut. Doch auch diese reichen schon lange nicht mehr. Das Archiv platzt aus allen Nähten. Alleine am Hauptstandort sind heute rund acht Laufkilometer Akten untergebracht, nur gut ein Drittel des Gesamtumfangs. Und Jahr für Jahr kommen 300 bis 500 Laufmeter hinzu. «Aus statischen Gründen können wir aber gar nicht mehr verdichten», sagt Baur. Bis heute mussten schon vier Aussendepots hinzugemietet werden.

Baur setzt deshalb all ihre Hoffnung auf ein Ja des Basler Souveräns am 19. Mai. Dann wird die Stimmbevölkerung über den geplanten Neubau entscheiden. Das Staatsarchiv soll sich mit dem Naturhistorischen Museum ein neues Gebäude beim Bahnhof St. Johann teilen. Das Projekt ist aber alles andere als unumstritten. Dabei steht vor allem das Museum im Fokus. Gerade die hohen Kosten werden von den Gegnern kritisiert. Sie bezweifeln vor allem, dass es zuletzt bei den insgesamt 225 Millionen bleibt. Wie beim Kunstmuseum und beim Historischen Museum kämen noch Betriebskosten dazu. Bevor man ein Museum nach dem andern saniere, wird moniert, brauche es eine Gesamtstrategie.

Auch der Standort des Neubaus ist den Kritikern ein Dorn im Auge. Ein Museum im St. Johann-Quartier sei viel zu wenig zentral – verglichen mit dem heutigen Standort beim Münsterplatz, in Gehdistanz zu anderen Museen. Für Staatsarchivarin Baur dagegen ist klar: «Dieser Neubau ist für uns existenziell. Jede andere Lösung kommt teurer, ohne den Nutzen zu bringen, der nötig ist für die Sicherung des Archivguts.»

Fotos im Auflösungsmodus

Denn das Staatsarchiv muss sich bei weitem nicht nur mit Kapazitätsproblemen herumschlagen. So gibt es im Grossteil des Gebäudes keine Klimaanlagen. Die ständigen Temperaturschwankungen schaden den Objekten. «Langfristig gesehen muss man sich Sorgen machen ums Archivgut, wenn wir nicht Gegensteuer geben», betont Baur. Als Beispiel führt die Staatsarchivarin Fotonegative an, die bereits begonnen haben, sich zu zersetzen. «Das ist schlicht prekär.»

Dieselben Probleme bereiten aber auch die Aussenstandorte, die gar nie als Archivmagazine konzipiert waren. In einem dieser Magazine kam es im vergangenen Herbst wegen einer defekten Leitung zu einem Wasserschaden. Glasplatten- und Filmnegative aus dem frühen 20. Jahrhundert wurden beschädigt. «Die Zustände sind besorgniserregend», findet Baur. Gleichzeitig sinke die Betriebseffizienz und die Kosten stiegen wegen des aufwendigen Mehrstandortbetriebs. Auch der Publikumsservice erfahre Einschränkungen.

«Wir können es uns nicht leisten, so weiterzuarbeiten», findet Baur. Immerhin sei das Staatsarchiv das historische Gedächtnis von Basel. «Das ist nicht einfach nur irgendeine Liebhaberei. Wir tragen eine enorme Verantwortung.» Für die Staatsarchivarin ist klar: Nur der geplante Neubau kann alle Probleme lösen. Nun hofft sie, dass eine Mehrheit der Basler Stimmbevölkerung das genauso sieht.