Nähkästchen
Die SP-Ständeräte sagen Adieu: Janiak und Fetz erzählen aus dem Nähkästchen

Gemeinsam politisierten Anita Fetz und Claude Janiak zwei Jahrzehnte in Bern. Zuletzt vertrat das SP-Duo Basel-Stadt und Baselland im Ständerat. Mit der morgigen Wahl endet die Ära Fetz/Janiak. Mit der «Schweiz am Wochenende» plauderten die beiden aus dem Nähkästchen: Es entspannte sich ein Gespräch über Peinlichkeiten und Erfolge, arrogante Banker und tapsige Bundesräte, Streit und Harmonie.

Benjamin Rosch
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Anita Fetz und Claude Janiak plaudern aus dem Nähkästchen.

Anita Fetz und Claude Janiak plaudern aus dem Nähkästchen.

Kenneth Nars

Sie dürfen gerne den ersten Zettel ziehen.

Claude Janiak: Es gilt Ladies First

Anita Fetz: Gut ja, in den Details. (lacht)

Was haben Sie gezogen?

Fetz: Kreis.

Der Ständerat ist im Vergleich zum Nationalrat der erlauchtere Kreis. Sie kennen beide Seiten. Wo liegen die Unterschiede?

Janiak: Für mich ist der Ständerat eine andere Lebensqualität. Das fängt schon beim Lärmpegel an. Als ich Nationalratspräsident war und die Sitzungen leiten durfte, brummte mir abends der Schädel.

Fetz: Im Nationalrat braucht es Ellenbogen, auch in den eigenen Reihen. Der Ständerat ist gesitteter. Alle sind ja im Majorzverfahren gewählt, es braucht also dialogfähige Personen.
Janiak: Man muss sich nie um Dossiers reissen. Und man muss sich nicht für alles mit der Partei absprechen.

Fetz: Es gab Themen, da wusste ich: Wenn ich damit komme, bringt es nichts. Also gab ich’s einem Bürgerlichen.

Wann denn?

Janiak: Nehmen Sie den Gegenentwurf zur Konzernverantwortungsinitiative. Das haben wir bewusst Ständerat Stefan Engler (CVP) gegeben.

Die Strategie ist nicht aufgegangen.

Janiak: Weil die CVP gespalten war. Das war aber ein Eigengoal.

Fetz: Das könnte Herrn Noser den Sitz kosten.

Bundespolitik erfordert also ein gewisses Repertoire an Kniffen. Wie lange brauchten Sie, bis sie richtig sattelfest waren?

Janiak: Das dauert eine Legislatur. Im Nationalrat wurde ich in die Geschäftsprüfungskommission verdonnert, da wird man erst als Präsident wahrgenommen. Im Ständerat übernimmt man sofort wichtige Dossiers.

Fetz: Bei mir ging es auch eine Legislatur. Die Kultur ist völlig anders! Und zwar eine, die mir nicht so lag: Diese Kumpelatmosphäre; man kämpft nicht mit dem Hammer, sondern dem Florett. Dazu kamen die vielen ungeschriebenen Verhaltensregeln, das war schräg.

Zum Beispiel?

Janiak: Keine Laptops im Saal.

Fetz: Krawatten für Männer, Frauen nicht armfrei. Man musste sich zudem ausdrücken «comme il faut». Sonst ist man im Ständerat ohne Einfluss. Für mich war diese Schullagermentalität sonderbar, Claude fiel der Einstieg leichter. Es liegt Dir auch, gäll Claude!

Janiak: Für mich war’s leichter, ja.

Fetz: Es ging gut, aber ich hatte eine Testphase, bis ich akzeptiert war.

Jetzt verlassen Sie den Kreis der Macht. Bereitet Ihnen das Mühe?

Janiak: Wenn Sie mich heute fragen: Nein. Mich interessiert nicht einmal mehr der Wahlkampf. Ich hatte das Glück, wichtige Dossiers abzuschliessen. Ich bilde mir nicht ein, es gehe nicht ohne mich.

Fetz: Für mich ist es absolut stimmig. Die Vorstellung, zu tun was ich will, darauf freue ich mich.

Wollen Sie nochmals einen Begriff ziehen?

Janiak: Ou. Prügel! (Beide lachen schallend).

Fetz: Da kommt mir eine Geschichte aus den 80ern in den Sinn. Ich war damals für viereinhalb Jahre für die Poch im Nationalrat. Es war kurz nach Tschernobyl. Es war beängstigend: Die Mütter haben ihre Kinder nicht mehr gestillt, Gemüse war verboten, eine echte Bedrohung. Ich hielt für eine Frauengruppe eine sehr pointierte Rede im Parlament zum Ausstieg aus der Atomenergie. Plötzlich brach Tumult aus vor der Rednertribüne. Ein rechter Nationalrat rannte wie ein Stier auf mich los. Der hätte mich verprügelt, wenn nicht zwei andere dazwischen gegangen wären! Ich stand da und wusste: Wenn der mich anfasst, dann knall ich ihm rechts und links eine, wie er es noch nie erlebt hat!

Mit wem haben Sie sich geprügelt, Herr Janiak?

Janiak: Meine letzten richtigen Prügel waren wohl in der Schulzeit, als wir uns abgeschlagen haben.

Sie haben andere verprügelt?

Janiak: Eigentlich wurde ich eher verprügelt. Nur im Fussball... Da habe ich zwar nicht gleich die Faust eingesetzt, aber ich galt schon als heissblütig. Aber klar, ich bezog in der Politik auch mal Prügel. Wobei ich sicher bin: Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Mit Abstand.

Sie meinen Hass-Post?

Fetz. Was heute im Internet geschrieben wird, kam früher per Post. Vergewaltigungs- und Morddrohungen gehören zum Standard. Ich habe eine Assistentin, ich kriege das selbst gar nicht zu Gesicht.

Janiak: Die eingetragene Partnerschaft war so ein Klassiker. Dann wurde es grausig. Ich kann diese perversen Fantasien gar nicht nachvollziehen. Ich erhielt pornografische Collagen, die Leute gaben sich richtig Mühe. Zweimal habe ich geklagt und gewonnen.

Irre. Doch zurück zu den Prügel. Mit wem haben Sie härter gekämpft: Genossen oder Gegnern?

(lange Pause, beide schauen sich lachend an)

Janiak: Zahlenmässig kann ich es nicht sagen.

Fetz: Mir machen Auseinandersetzungen halt nichts aus. Wenn ich mir etwas gründlich überlegt habe, dann kriegt mich nicht mal mein Mann davon ab, geschweige denn ein Genosse!

Janiak: Im Ständerat habe ich mir die Frage der Partei weniger gestellt, sondern getan, was ich für richtig hielt. Mit den Grundwerten meiner Partei kam ich nicht in Konflikt. Wenn man nach Bern kommt, wartet niemand auf einen, ich musste mich mit Knochenarbeit reinhängen. Das verstehen viele nicht, die frisch gewählt werden.

Es gilt das Anciennitätsprinzip.

Janiak: Was eigentlich absurd ist.

Fetz: Völlig absurd! Es geht überhaupt nicht um Qualifikationen, die zählen nichts.
Janiak: Überhaupt nichts, es ist manchmal nicht zum Aushalten.

Wenn man das System einmal erlickt hat, ist aber einiges möglich, gerade im Ständerat.

Fetz: Es geht darum, Bündnisse zu schaffen: Gibst Du mir, geb ich Dir. Gerade in Verkehrsthemen. Deshalb stimmt auch das Bild der stets vernachlässigten Region Basel nicht.

Was mussten Sie geben, um das Herzstück durchzukriegen?

Janiak: Beim Herzstück? Weniger als man meint... Wegweisend war wohl Pierre de Meuron. Er trat vor der Verkehrskommission auf und hat die gesamten siedlungspolitischen Überlegungen dahinter dargelegt. Das hat Augen geöffnet. Man muss die Leute halt hierhin lotsen. Das habe ich immer so gehandhabt: Jede Kommission, die ich präsidiert habe, war mal im Hafen.

Fetz: Meine auch (beide lachen). Übrigens, der Name: Herzstück! Was für eine Bauchnabelsicht. Man sollte von der trinationalen S-Bahn reden, das wird in Bern verstanden. Könnte man auch mal den Medien sagen...

Was sind die nächsten Herausforderungen für die Region dieser Güteklasse?

Janiak: Das Verhältnis zu Europa.

Was ist mit dem nationalen Finanzausgleich?

Fetz: Klar, diese Diskussion wird weitergehen. Dazu hatten wir im Ständerat eine der bösesten Debatten, die es je gab. Einfach um den Nehmerkantonen mal zu zeigen: So nicht.

Janiak: Es ist immer noch ungerecht.

Fetz: Wenn ich die Politiker der Nehmerkantone aufs Blut reizen wollte, dann habe ich Ihnen in einer Finanzdebatte gesagt: Kein Problem, das bezahlen wir Euch auch noch. Wisst Ihr, wir können’s uns leisten. Das hat sie auf die Palme gebracht!

Janiak: In der vorletzten Session hat der Kanton Bern ein derartiges Powerplay aufgezogen, für irgendeinen Bahnhof in Thun, für das Aggloprogramm in Burgdorf und das Radiostudio in Bern. Die sind mit drei Regierungsräten aufgefahren. Aber wenn ich mal stur sein will, dann kann ich es. Beim Radiostudio hatten nicht alle Freude, aber das konnte ich als Kommissionspräsident mittels geschickter Traktandierung abservieren. Aber die sind einmarschiert! Wegen den Arbeitsplätzen in Bern – dabei hat Bern die ganze Bundesverwaltung! Das ging mir derart auf den Geist. Thun haben sie gekriegt, Burgdorf haben wir abgesägt.

Sie wirken sehr harmonisch. Wann haben Sie beide sich gestritten?

Janiak: Wir haben sehr gut harmoniert.

Fetz: Stimmt. Wir haben darauf geachtet, dass wir uns die Ämtli geteilt haben. Aber wir waren schon nicht immer gleicher Meinung...

Janiak: Das Erbrecht...

Fetz: Was?

Janiak: Beim Erbrecht sind wir uns zuletzt in die Haare geraten. Weisst Du nicht mehr? Die Vorlage wollte auch Konkubinatspartnern einen Anspruch gewähren. Ich war dafür, Du dagegen. Ich habe verloren.

Fetz: Stimmt. Das sind so kleine, vielleicht typische Sachen. Die Leute sollen sich auch mal selber um die eigenen Sachen kümmern! Claude schaut solche Dinge immer juristisch an. Er sieht die Konflikte voraus.

Janiak: Stimmt.

Sie streiten sogar harmonisch.

Fetz: Claude ist ja auch gar nicht der Typ zum Streiten, den kann man nicht provozieren! Dann schaut er so treuherzig... (beide lachen).

Janiak: Also gut, bei der Unternehmenssteuerreform III waren wir unterschiedlicher Meinung. Ich war dafür, habe mich aber mit meiner Meinung zurückgehalten.

Fetz: Das war unser tiefster Dissens. Ich habe in der Wirtschaftskommission monatelang Verhandlungen geführt. Dann gingen im Nationalrat die Schleusen auf mit riesigen Steuerausfällen.

Für Basel wäre die USR III nicht schlecht gew...

Fetz, unterbricht: Nein, Basel hin oder her, alles hat Grenzen. Ich habe einen sehr guten Instinkt dafür, was die Leute tolerieren und was nicht. Da ging Eva Herzog zu weit. Ich bin auch nicht die Vertreterin der Regierung, sondern die Vertretung der Bevölkerung. Die Wirtschaft gehört da dazu, aber eben nicht nur. Ohnehin: Ich rede direkt mit den Chefs, nicht mit den «Verbandsmunis». Gerade in der Pharma war nicht so ein Mais, wie es Economiesuisse darstellen wollte.

Ziehen wir doch nochmals einen Zettel.

Fetz: Ui da steht «Treue». Nein also so indiskret! (lacht laut)

Ist es schwer, sich in Bern treu zu bleiben?

Fetz: Ich finde nicht. Ich war jung in der Poch. Habe Kaiseraugst mitbesetzt, das Frauenhaus mitbesetzt und einige nicht ganz legale Dinge getan. Das habe ich nie bereut. Die Methoden habe ich geändert, mein Kompass ist aber der gleiche geblieben.

Janiak: Das würde ich für mich auch in Anspruch nehmen. Man hat als Ständerat etwas Einfluss, klar, aber damit ändert sich nichts an der Überzeugung. Es ist zudem ein Trugschluss, dass die Macht in Bern sässe. Diese liegt bei den Konzernen.

Aber Sie haben die Möglichkeit, mit diesen Personen in Kontakt zu treten.

Fetz: Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn. Wir waren mitten in der Diskussion um das Bankgeheimnis, als der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück die «Kavallerie» auf die Schweiz losschicken wollte. Wir bei der SP haben uns angesehen und gesagt: Der macht uns jetzt alles kaputt. Ich bin dann mit einigen Parlamentariern überparteilich nach Berlin gereist. Ich habe ihm gesagt: Genosse, das kannst Du einfach nicht machen! Du schliesst gerade sämtliche Reihen für das Bankgeheimnis! Da sagte er: «Na Mensch! Recht haste.» Wir mussten öffentlich die Friedenspfeife rauchen, um die Sache abzufedern.

Janiak: Wir waren auch gerade in Deutschland wegen dem Ausbau der Strecke Karlsruhe-Basel. Die haben einfach eine unmögliche Art zu planen, der Flughafen Berlin lässt grüssen.

Das klingt sehr erfolgreich. Ist Ihnen auch mal ein Lapsus unterlaufen?

Fetz: Gut, ich habe oft verschlafen. Das ist im Ständerat bekannt. Ich bin absolut kein Morgenmensch. Einmal habe ich gottsjämmerlich verschlafen, gleichzeitig war aber ausgerechnet ein Vorstoss von mir traktandiert. Da wurde mir von oben bis unten heiss, wie früher in der Schule. Ich habe dann meine Kontakte spielen lassen und der Vorstoss wurde verschoben.

Janiak: Im Ständerat lässt man niemanden so ins Messer laufen.

Ist ihnen so etwas auch einmal passiert?

Janiak: Nein. Aber 2006 ist mir ein Fauxpas unterlaufen. Ich leitete als Nationalratspräsident die Session in Flims, weil das Bundeshaus umgebaut wurde. SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli monierte damals, das sei doch alles viel zu teuer, er gehe immer heim. Ich habe damals in einem Interview gesagt, ich könne Mörgelis Frust verstehen, denn niemand wolle mit ihm zu Abend essen. Das war nicht sehr präsidial.

Was war das grösste politische Unglück der vergangenen beiden Jahrzehnte?

Fetz: Die Ablehnung des EWR. Das hat die letzten zwanzig Jahre Innenpolitik blockiert.

Janiak: Was das alles gekostet hat... Fragen Sie mal die Norweger oder die Liechtensteiner, denen geht es bestens. Neben dem EWR-Nein waren für mich zwei staatliche Eingriffe prägend: UBS und Swissair.

Fetz: Da habe ich mich masslos geärgert.

Janiak: UBS-Chef Marcel Ospel war einer der arrogantesten Typen, die ich in meiner langen Politkarriere je getroffen habe. Gleichwohl kam er locker davon.

Fetz: Da haben die Bürgerlichen versagt, die haben den UBS-Managern alles durchgehen lassen: keine Streichung der Boni, keine Streichung der Dividenden, kein Verbot der politischen Spenden, einfach nichts.

Janiak: Die UBS-Rettung ist mir speziell geblieben. Als Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation werden Sie informiert, wenn etwas Grösseres passiert. Ich war unterwegs in Kolumbien, als mein Handy schellte. Bundesrat Hansruedi Merz war am Apparat und erzählte mir von der UBS. Da sagte ich ihm: Hör zu Hansruedi, Du musst die Finanzdelegation anrufen, nicht mich. (lacht) Der hat mich auf dem Handy angerufen, völlig ungesichert, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Das war übrigens auch in der ganzen Libyen-Affäre so: Bundesrätin Micheline Calmy-Rey telefonierte immer mit dem Handy, Gaddafi wusste über alles Bescheid. Das ist noch nicht lange her!

Fetz: Rückblickend war Merz’ Herzattacke ein Glücksfall für die Schweiz. Eveline Widmer-Schlumpf übernahm das Dossier, für mich die kompetenteste Schweizer Bundesrätin.

Janiak: Für mich auch.

Fetz: Sie hat die UBS-Manager an Sitzungen mit ihrer gnadenlosen Sachlichkeit schlicht demontiert, man hätte es filmen müssen. Ich hatte fast Mitleid! Nach diesen Kommissionssitzungen wusste ich: Ich könnte die UBS auch führen. Die hatten keine Ahnung von Dossiers und leisteten sich einen Fehler nach dem anderen. Ohne dafür gradestehen zu müssen. Das war erschütternd.

Janiak: Bei der Swissair wars ähnlich. Das ist der einzige Entscheid, zu dem mich die Fraktion gezwungen hat, über den ich mich heute noch ärgere. Damals stimmte ich gegen meine Meinung.

Fetz: Ging mir auch so. Ich hatte nächtelang gerungen. Ich wusste, das wird nichts bringen, man könnte die 2 Milliarden auch direkt den Leuten auf der Strasse verteilen. Aber es half nichts, wir wären massakriert worden. Und zwar nicht von der Partei, sondern vom Volk. Damals herrschte ein solcher Druck, die Swissair zu retten. Später wurde sie für ein Butterbrot verkauft.

Letzte Frage: Wofür sind Sie dankbar?

Fetz: Für das Privileg, so lange an der Zukunft unseres Landes mitzugestalten . Ich hatte viele schöne Erlebnisse und habe viele tolle Leute kennenlernen dürfen. Ich habe es wirklich gerne gemacht, und dafür bin ich dankbar.

Janiak: Ich hatte insgesamt ein Riesenglück. Ich bin meiner Partei dankbar dafür, dass sie mich ausgehalten hat und dass ich das Amt des Nationalratspräsidenten ausfüllen durfte. Mein Highlight bis heute ist die Begegnung mit Vaclav Havel, den ich immer bewundert hatte. Aber es gab auch viele Begegnungen mit einfachen Leuten, die nicht Havel heissen, die mich bereichert haben.

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