Hafenareal

Die Spiesser aus der alternativen Ecke

Die Distanz zwischen der Dachterrasse von «Shift Mode» und der Wohngenossenschaft Klybeck (grün, gelbe Wand) ist klein, der Konflikt aber gross.

Die Distanz zwischen der Dachterrasse von «Shift Mode» und der Wohngenossenschaft Klybeck (grün, gelbe Wand) ist klein, der Konflikt aber gross.

Schon wieder flattert den Machern von «Shift Mode» eine Einsprache ins Haus. Schon wieder kommt diese von der Wohngenossenschaft Klybeck. Und einmal mehr müssen Katja Reichenstein und Tom Brunner ihre Pläne für «ihren» Teil des Hafenareals überdenken und anpassen.

Doch einschüchtern lassen wollen sie sich gemäss eigenen Angaben auch diesmal nicht. «Wir bedauern diese erneute Einsprache», sagt Reichenstein nur. Die Einsprecher sagen gar nichts. Die angegebene Festnetznummer klingelt wie so oft ins Leere. Und selbst wenn jemand abnehmen würde – die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, die Genossenschaft kommuniziert nur ungern mit den Medien. Schriftliche Medienmitteilungen ohne Unterschrift müssen reichen.

Man will sich nicht identifizieren, man ist ein Kollektiv, handelt aus der Deckung der Gruppe heraus. Wer diese Gruppe ist, das ist der Widersinn an der ganzen Sache: ehemalige Besetzer der alten Stadtgärtnerei, Künstler, Kreative, Alternative. So sieht man sich selbst. Doch in Tat und Wahrheit sitzen hier einfach Leute, die für sich selbst in Anspruch nehmen, leben zu können, wie sie wollen und sich dabei als «Kunstschaffende» und als «Nonkonformisten» zu fühlen. Doch mit Verlaub: Es sind einfach Bünzli, die jede Veränderung, jede Belebung, die ihnen nicht passt, ablehnen. Und sie mit den Mitteln jenes Staates bekämpfen, von dem sie einst so wenig wie möglich wissen wollten. Man hat sich hier am Altrheinweg eingenistet und will unter sich bleiben.

Gerne veranstaltet man Partys, auch im öffentlichen Raum. Und auch bis in die frühen Morgenstunden. Man betreibt einen «Kulturpalast» und ein «Neues Kino». Aber wenn andere auf einer Industriebrache Kulturelles entstehen lassen wollen, dann wehrt man sich dagegen. Mit dem kleinbürgerlichsten aller Verhinderer-Argumente: «Es ist zu laut.» Nun, hochgeschätzte Damen und Herren Alt-Hippies, das ist lachhaft. Es geht um zwölf Veranstaltungen. Pro Jahr. Das heisst für jene, die ihre Matheaufgaben tänzerisch beantworten durften: eine im Monat. Das Baugesuch, gegen das nun Einsprache erhoben wurde, soll eben genau das bringen, was die Wohngenossenschaft Klybeck immer fordert: nämlich Transparenz. Für die Quartierbevölkerung, welche die WG zu vertreten behauptet. Und Planungssicherheit für die Leute, die seit Jahren gegen alle Widerstände versuchen, den ehemaligen Hafen zu beleben. Denen man vorwirft, sie wollten sich hier bereichern, sie seien die Vorreiter der Apokalypse namens «Gentrifizierung». Die man für den verlängerten Arm von Vater Staat hält. Und der ist ja böse. Ausser man benutzt ihn, um gegen unliebsame Kulturtreibende vorzugehen.

Dass das Argument ausgerechnet der Lärm sein soll, ist ein schlechter Witz. Auf der Website der Wohngenossenschaft werden künftige Mieter gewarnt: «Bitte seien Sie sich bewusst, dass wir keine ruhige Wohnlage bieten können.» Und zwar wegen des Rangierbetriebs gleich nebenan ab vier Uhr morgens, wegen des eigenen Kulturbetriebs, des Kinos und der Gartenbeiz. Kein Wort vom Verein «Shift Mode» jenseits der Gleise, der angeblich nun so stören soll. Denn eigentlich geht es ja um etwas ganz anderes, das geht klar aus dem ansonsten schwurbligen Communiqué der WG hervor: Sie wollen den Inhalt des Pachtvertrags zwischen «Shift Mode» und dem Kanton erfahren. Wird dieser veröffentlicht, wird die Einsprache zurückgezogen. Das ist plumpe Erpressung. Und zeigt auch: Der Ball liegt einmal mehr beim Kanton, der generell gerne «Shift Mode» vorschiebt, wenn es unangenehm wird. Will er den Vertrag öffentlich einsehbar haben, kann nur er, der Vermieter, ihn zugänglich machen. Das ist nicht Sache der Mieter. Das Papier wurde übrigens auch schon den Medien zugespielt, die WG könnte sich also einfach die Mühe machen, es zu googeln.

Aber in den Reihen der Klybeckianer links-alternativer Prägung zirkuliert die Vermutung, da müsse noch mehr drin stehen. Es kann ja nicht sein, dass Menschen eine Industriebrache kulturell und gastronomisch beleben, ohne damit den grossen Reibach machen zu wollen. Doch, solche Menschen gibt es. So wie es sie damals auch in der Alten Stadtgärtnerei gab. Bevor sie zu kleingeistigen Spiessern wurden.

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Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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