Basel
Die Stadt als Baustelle

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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«Rücksicht nehmen auf andere»: Der ungeschriebene Grundsatz gilt insbesondere im öffentlichen Raum.

«Rücksicht nehmen auf andere»: Der ungeschriebene Grundsatz gilt insbesondere im öffentlichen Raum.

Martin Toengi

Sollte es Menschen geben, die stellvertretend für den Zustand stehen, in dem sich die Stadt Basel befindet, so sind es unsere «Gilets Jaunes». Die Damen und Herren der Kroo Security versuchen in diesen Monaten, der Menschen- und Verkehrsmassen Herr zu werden, die sich durch unsere Stadt bewegen. Mal subtil winkend, mal rabiat fuchtelnd; mal leise sprechend, öfter auch schreiend. Die Stadt Basel erscheint dieser Tage als einzige grosse Baustelle. Kräne sind wie das Münster Teil der Stadtsilhouette, die rot-weissen Absperrzäune gehören zum öffentlichen Mobiliar. Bei allem Ärger über Umleitungen, Staus und den damit verbundenen Zeitverlust: Es ist dies eigentlich ein positiver Zustand. Denn Veränderung ist besser als Stillstand.

Doch Wandel ist auch mit Verunsicherung und Ängsten verbunden und kann zu Konflikten führen. Das wird sich in den nächsten Wochen, unabhängig von der hohen Dichte der Baustellen, im öffentlichen Raum der Stadt zeigen. Wie jedes Jahr. Werden die Tage länger und wärmer, so werden die Plätze und Strassen der Stadt, besonders aber die Freiräume entlang des Rheins, für Tausende zum Tummelplatz mediterranen Frischluftdaseins. Die einen verbinden dies mit Spass, Freiheit und Lebenslust. Die anderen sehen das sozusagen als Fortsetzung der Baustellentätigkeit mit anderen Mitteln und verbinden die Menschenmassen im öffentlichen Raum mit Lärm, Abfall und Ärger. Und genau hier liegt das Konfliktpotenzial.

Mit der bemerkenswert hohen Anzahl von 4853 Unterschriften wurde diese Woche das Referendum gegen einen Grossratsbeschluss eingereicht, der die Aufhebung der Bewilligungspflicht für Lautsprecheranlagen auf Allmend vorsieht. Für einmal stand keine politische Partei hinter dem Begehren, sondern «eine Gruppe von Einzelpersonen», wie es hiess. Wohlverstanden: Niemand spricht darüber, die Stadt «24/7» beschallen zu wollen. Nach wie vor bedürfen nämlich Musikanlagen, die zwischen 22 und 7 Uhr im öffentlichen Raum aufgestellt und eingeschaltet werden, einer offiziellen Bewilligung. Also haben wir es hier mit einem Stellvertreterkonflikt zu tun.

Ich möchte nicht in einer Stadt leben, in der die ‹Gilets jaunes› über meine Freizeit wachen.

(Quelle: Patrick Marcolli Chefredaktor)

Die Frage lautet: Was wollen wir eigentlich? Bei den Baustellen scheint es auf den ersten Blick klar und unbestreitbar richtig: Die Stadt soll eine Infrastruktur auf höchstem Niveau behalten und erhalten. Doch es beschleichen einen rasch Zweifel. Mir ist gerade im Tiefbau nicht ganz klar, ob wir sanieren, weil wir müssen, oder ob wir sanieren, weil wir wollen und es uns leisten können. Die meisten Städte dieser Welt funktionieren auch mit tieferen infrastrukturellen Standards ganz gut. Deshalb glaube ich, dass die Trennlinie zwischen «müssen» und «wollen» nicht ganz scharf ist und die Interessen der Bauwirtschaft eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Genau gleich ergeht es mir bei der Frage, ob wir ein so dichtes Regelwerk für das Verhalten im öffentlichen Raum aufstellen, weil wir wollen oder weil wir müssen. Vor einigen Jahren noch hätte ich gesagt, wir müssen: Die Benutzung des öffentlichen Raums wandelte und verstärkte sich derart rasant, dass Politik und Behörden zurecht gewisse Parameter absteckten. Dass diese Regelungen etwas gar streng ausgefallen waren, zeigte sich mit der Zeit, und eine moderate Lockerung, zum Beispiel bei der Nachtruhe, war die Folge.

Irgendwie schien sich in der Politik, auch auf Druck von Lobbyingverbänden wie «Kulturstadt Jetzt», ein gewisser Pragmatismus breitzumachen. Und nun? 4853 Personen finden offensichtlich, dass wir uns in eine allzu grosszügige Richtung bewegen. Sie sehen das als Notwendigkeit, ich würde eher von Wunsch und Willen sprechen. Dazu passt dies: Am Kleinbasler Rheinufer wird künftig eine Art Baywatch-Truppe, die von einem privaten Verein ins Leben gerufen wurde, die Gegend auf unangemessenes Verhalten absuchen und fehlbare Uferaufenthalter zum Anständigsein ermahnen.

Haben wir es also mit einer Trendwende zu tun? Ich jedenfalls möchte nicht in einer Stadt leben, in der irgendwann die «Gilets Jaunes» der Kroo Security auch noch über das Freizeitverhalten der Bewohner wachen und für einen geregelten Betrieb am Rheinbord sorgen müssen. Es gibt bereits genügend Gesetze und Verordnungen, die das regeln. Die Behörden müssen sie durchsetzen, und zwar mit Augenmass. Und nicht zuletzt gibt es einen ungeschriebenen Grundsatz, der da heisst: Rücksicht nehmen auf andere. So sollte das doch machbar sein. Ganz ohne weitere Verbote und Bürgerpatrouillen.