Basel

Die Stadt der wenigen Denkmäler: Säulenheilige haben in Basel Seltenheitswert

In aller Welt werden Denkmäler von historischen Figuren zur Zielscheibe von Aktivisten. Warum das in Basel nicht passiert? Die Stadt ist ein schlechtes Pflaster für Heldenverehrung im öffentlichen Raum. Zu bewundern sind eigentlich nur Philanthropen, Feingeister und ein paar Promis.

Fällt es überhaupt noch jemandem auf, das Strassburger-Denkmal? Reisende, die am Bahnhof SBB ankommen und sich auf den Weg in Richtung Innenstadt machen, müssten es eigentlich bemerken, dieses Werk von Frédéric Auguste Bartholdi von 1895, der auch die Freiheitsstatue in New York schuf. Aber irgendwie verschwindet es trotz seiner Monumentalität zwischen Tram- und Autokolonnen und den grossen Bäumen des De-Wette-Parks. Das ist bezeichnend für die Stadt am Rhein. Sie hält in guter republikanischer Tradition sehr wenig von kultischen Objekten im öffentlichen Raum. Und das Strassburger-Denkmal, wie auch dasjenige für die Schlacht bei St. Jakob vor dem Sommercasino, erinnert mit seinen allegorischen Figuren auch nicht an eine Person, sondern ein historisches Ereignis, den deutsch-französischen Krieg von 1870/71.

Ein Aufklärer, ein Dichter und ein Stadtheiliger

Ein kleiner Rundgang durch Basel auf der Suche nach Denkmälern, die einzelne Persönlichkeiten aus der Vergangenheit darstellen, ist vielleicht genau wegen deren Seltenheit lohnenswert. Wem wird trotz der offensichtlichen Denkmal-Skepsis öffentlich gehuldigt und an welchen Orten?

Im Schmiedenhof, zwischen Rümelinsplatz und Gerbergasse, begegnen wir dem Basler Aufklärer und Geschichtsphilosophen Isaak Iselin (1728-1782). Sein Standbild ist diskret platziert, an einem ziemlich verborgenen, dafür inhaltlich sinnvollen Ort. Die von Iselin gegründete GGG unterhält hier den Hauptsitz ihrer so beliebten Bibliotheken. Iselin verkörpert die in Basel so munter hochgehaltene bildungsbürgerliche und aufklärerische Tradition. Ein Denkmal, geeignet für einen Sturz im Namen der Gleichberechtigung unter den Menschen? Wohl kaum.

Etwas weiter im Westen der Stadt, aber immer noch innerhalb der alten Stadtmauern, treffen wir am Petersgraben vor der Peterskirche auf das Denkmal für Johann Peter Hebel. Der 1760 in einem mittelalterlichen Haus am Totentanz geborene deutsche Dichter hat für Basel eine wichtige Bedeutung. Nicht nur ist er einer der ganz wenigen herausragenden Schriftsteller, welche die Stadt in ihrer Geschichte hervorgebracht hat, er integriert auch das so wichtige alemannische Mundartelement in seinen Schriften. Sein klassisch-zurückhaltendes Denkmal entspricht seiner Schreibe sowie auch dem Selbstverständnis der hiesigen städtischen Gesellschaft, wo die grosse theatralische Geste selten gut ankommt. Diese Tendenz ist auch an den weiteren Denkmälern ablesbar, die uns auf unserem Spaziergang auffallen. Ein politischer Stadtheiliger wie Johann Rudolf Wettstein (1594-1666) hätte in anderen Ländern von der Nachwelt wesentlich monumentalere Würdigungen erfahren als diese bescheiden anmutende Brunnenskulptur auf dem nach ihm benannten Platz. Erschaffen wurde sie von Alexander Zschokke in den nüchternen 1950er-Jahren.

Ein frommer Patron aus dem Daig

Überhaupt scheint sich Basel gerne auf die Form der Brunnenskulpturen festgelegt zu haben. Eine Art pragmatische Mischung zwischen Denkmal, Kunst im öffentlichen Raum und der Wasserversorgung. Herausragende Beispiele für diesen Typus sind der Affenbrunnen auf dem Andreasplatz aus dem 19. oder der Sevogelbrunnen auf dem Martinskirchplatz aus dem 16. Jahrhundert.

Aber wir weichen von unserem eigentlichen Fokus ab, den Denkmälern für historisch wichtige Gestalten. Nach längerer Suche finden wir noch eines, nämlich beim St. Alban-Tor. Es ist die Büste von Karl Sarasin (1815-1866). Er war ein Sozialreformer aus dem Grossbürgertum, ein früher Förderer des gemeinnützigen Wohnungsbaus, der einige Jahre auch dem Kleinen Rat der Stadt, also der Regierung, angehörte. Der Autor Ewald Billerbeck nannte ihn einst in einem Artikel den «frommen Patron». Könnte seine Zeit als Inhaber einer grösseren Posamenter- und Bandweberei sowie als Leiter einer Industriewerkstätte in Indien im Auftrag der Basler Mission etwa Anlass für Beanstandungen im Sinn der heute geltenden Political Correctness liefern? Pietismus allein schützt ja nicht vor Diskriminierungsgelüsten. Der mögliche Sturz eines solch schmächtigen Büstleins hätte so oder so kaum Symbolwirkung.

Ein schmächtiger Arbeiter, eine melancholische Frau

Also kehren wir zurück in den eigentlichen Kern der Stadt, passieren den mächtigen, aber schmächtigen Hammering Man und können irgendwo vielleicht noch einen Blick auf die nachdenkliche Helvetia am Kleinbasler Kopf der Mittleren Brücke erheischen: Beides auch heute höchst unverdächtige Monumente und Symbole der Tatkraft und eines melancholisch-feministischen Patriotismus. Dann kommen wir zum vielleicht urbaslerischsten aller Denkmäler und freuen uns auf «Dinge-Dinge», die Statue des ersten Basler Denkmalpflegers Rudolf Riggenbach (1882-1961). Da steht er, beleibt, mit Zigarre und erklärt auf dem Leonhardskirchplatz, das Altstadtpanorama vor Augen, seine Sicht der Welt, oder eben: der Dinge, die er in Ermangelung des richtigen Nomens mit «Dinge-Dinge» benannte. Der Wahl-Allschwiler Peter Moilliet hat dieses Werk 1971 geschaffen. Es ist leise, humorvoll, leicht ironisch. Und natürlich gänzlich ungeeignet dafür, von den modernen Denkmalstürmern entfernt zu werden.

Zu guter Letzt bleibt die Frage, ob denn eigentlich gar keine Säulenheiligen stören im öffentlichen Basler Raum? Am unpassendsten sind sicherlich, wenn auch nicht aus Gründen der aktuellen Diskriminierungs-Diskussionen, die «Ehrenspalebärglemer». Das Sperber-Kollegium vergibt diese nabelschauige Auszeichnung regelmässig an Basler Persönlichkeiten. Eingelassen werden ihre Namen in Stars à la Hollywood und man fragt sich, wer wohl diese Bodendenkmäler einst bewilligt haben mag.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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