Basel
Die Stadt der wenigen Denkmäler: Säulenheilige haben in Basel Seltenheitswert

In aller Welt werden Denkmäler von historischen Figuren zur Zielscheibe von Aktivisten. Warum das in Basel nicht passiert? Die Stadt ist ein schlechtes Pflaster für Heldenverehrung im öffentlichen Raum. Zu bewundern sind eigentlich nur Philanthropen, Feingeister und ein paar Promis.

Patrick Marcolli
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Denkmäler Basel
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Rudolf Riggenbach, mit Zigarre die Welt erklärend auf dem Leonhardskirchplatz.
Johann Peter Hebel, klassisch schlicht vor der Peterskirche.
Karl Sarasin, frommer Patron im Pärklein beim St. Alban-Tor.
Johann Rudolf Wettstein, nüchtern betrachtet von Alexander Tschokke.
Sterne à la Hollywood: Die Reihe der «Ehrenspalenbärglemer» auf den Trottoirs des gleichnamigen Bergs.

Denkmäler Basel

Roland Schmid

Fällt es überhaupt noch jemandem auf, das Strassburger-Denkmal? Reisende, die am Bahnhof SBB ankommen und sich auf den Weg in Richtung Innenstadt machen, müssten es eigentlich bemerken, dieses Werk von Frédéric Auguste Bartholdi von 1895, der auch die Freiheitsstatue in New York schuf. Aber irgendwie verschwindet es trotz seiner Monumentalität zwischen Tram- und Autokolonnen und den grossen Bäumen des De-Wette-Parks. Das ist bezeichnend für die Stadt am Rhein. Sie hält in guter republikanischer Tradition sehr wenig von kultischen Objekten im öffentlichen Raum. Und das Strassburger-Denkmal, wie auch dasjenige für die Schlacht bei St. Jakob vor dem Sommercasino, erinnert mit seinen allegorischen Figuren auch nicht an eine Person, sondern ein historisches Ereignis, den deutsch-französischen Krieg von 1870/71.

Ein Aufklärer, ein Dichter und ein Stadtheiliger

Ein kleiner Rundgang durch Basel auf der Suche nach Denkmälern, die einzelne Persönlichkeiten aus der Vergangenheit darstellen, ist vielleicht genau wegen deren Seltenheit lohnenswert. Wem wird trotz der offensichtlichen Denkmal-Skepsis öffentlich gehuldigt und an welchen Orten?

Im Schmiedenhof, zwischen Rümelinsplatz und Gerbergasse, begegnen wir dem Basler Aufklärer und Geschichtsphilosophen Isaak Iselin (1728-1782). Sein Standbild ist diskret platziert, an einem ziemlich verborgenen, dafür inhaltlich sinnvollen Ort. Die von Iselin gegründete GGG unterhält hier den Hauptsitz ihrer so beliebten Bibliotheken. Iselin verkörpert die in Basel so munter hochgehaltene bildungsbürgerliche und aufklärerische Tradition. Ein Denkmal, geeignet für einen Sturz im Namen der Gleichberechtigung unter den Menschen? Wohl kaum.

Etwas weiter im Westen der Stadt, aber immer noch innerhalb der alten Stadtmauern, treffen wir am Petersgraben vor der Peterskirche auf das Denkmal für Johann Peter Hebel. Der 1760 in einem mittelalterlichen Haus am Totentanz geborene deutsche Dichter hat für Basel eine wichtige Bedeutung. Nicht nur ist er einer der ganz wenigen herausragenden Schriftsteller, welche die Stadt in ihrer Geschichte hervorgebracht hat, er integriert auch das so wichtige alemannische Mundartelement in seinen Schriften. Sein klassisch-zurückhaltendes Denkmal entspricht seiner Schreibe sowie auch dem Selbstverständnis der hiesigen städtischen Gesellschaft, wo die grosse theatralische Geste selten gut ankommt. Diese Tendenz ist auch an den weiteren Denkmälern ablesbar, die uns auf unserem Spaziergang auffallen. Ein politischer Stadtheiliger wie Johann Rudolf Wettstein (1594-1666) hätte in anderen Ländern von der Nachwelt wesentlich monumentalere Würdigungen erfahren als diese bescheiden anmutende Brunnenskulptur auf dem nach ihm benannten Platz. Erschaffen wurde sie von Alexander Zschokke in den nüchternen 1950er-Jahren.

Ein frommer Patron aus dem Daig

Überhaupt scheint sich Basel gerne auf die Form der Brunnenskulpturen festgelegt zu haben. Eine Art pragmatische Mischung zwischen Denkmal, Kunst im öffentlichen Raum und der Wasserversorgung. Herausragende Beispiele für diesen Typus sind der Affenbrunnen auf dem Andreasplatz aus dem 19. oder der Sevogelbrunnen auf dem Martinskirchplatz aus dem 16. Jahrhundert.

Aber wir weichen von unserem eigentlichen Fokus ab, den Denkmälern für historisch wichtige Gestalten. Nach längerer Suche finden wir noch eines, nämlich beim St. Alban-Tor. Es ist die Büste von Karl Sarasin (1815-1866). Er war ein Sozialreformer aus dem Grossbürgertum, ein früher Förderer des gemeinnützigen Wohnungsbaus, der einige Jahre auch dem Kleinen Rat der Stadt, also der Regierung, angehörte. Der Autor Ewald Billerbeck nannte ihn einst in einem Artikel den «frommen Patron». Könnte seine Zeit als Inhaber einer grösseren Posamenter- und Bandweberei sowie als Leiter einer Industriewerkstätte in Indien im Auftrag der Basler Mission etwa Anlass für Beanstandungen im Sinn der heute geltenden Political Correctness liefern? Pietismus allein schützt ja nicht vor Diskriminierungsgelüsten. Der mögliche Sturz eines solch schmächtigen Büstleins hätte so oder so kaum Symbolwirkung.

Ein schmächtiger Arbeiter, eine melancholische Frau

Also kehren wir zurück in den eigentlichen Kern der Stadt, passieren den mächtigen, aber schmächtigen Hammering Man und können irgendwo vielleicht noch einen Blick auf die nachdenkliche Helvetia am Kleinbasler Kopf der Mittleren Brücke erheischen: Beides auch heute höchst unverdächtige Monumente und Symbole der Tatkraft und eines melancholisch-feministischen Patriotismus. Dann kommen wir zum vielleicht urbaslerischsten aller Denkmäler und freuen uns auf «Dinge-Dinge», die Statue des ersten Basler Denkmalpflegers Rudolf Riggenbach (1882-1961). Da steht er, beleibt, mit Zigarre und erklärt auf dem Leonhardskirchplatz, das Altstadtpanorama vor Augen, seine Sicht der Welt, oder eben: der Dinge, die er in Ermangelung des richtigen Nomens mit «Dinge-Dinge» benannte. Der Wahl-Allschwiler Peter Moilliet hat dieses Werk 1971 geschaffen. Es ist leise, humorvoll, leicht ironisch. Und natürlich gänzlich ungeeignet dafür, von den modernen Denkmalstürmern entfernt zu werden.

Zu guter Letzt bleibt die Frage, ob denn eigentlich gar keine Säulenheiligen stören im öffentlichen Basler Raum? Am unpassendsten sind sicherlich, wenn auch nicht aus Gründen der aktuellen Diskriminierungs-Diskussionen, die «Ehrenspalebärglemer». Das Sperber-Kollegium vergibt diese nabelschauige Auszeichnung regelmässig an Basler Persönlichkeiten. Eingelassen werden ihre Namen in Stars à la Hollywood und man fragt sich, wer wohl diese Bodendenkmäler einst bewilligt haben mag.

Des Baselbiets fehlende Denkmäler

Etwas Gutes hat der Sockelsturz im kalifornischen Sacramento gehabt: Endlich ist in der ganzen Schweiz bekannt, dass auch in Rünenberg ein Gedenkstein für den Baselbieter Auswanderer Johann August Sutter steht. Doch wen gibt es sonst noch, der sich im Landkanton ein Denkmal verdient hat? Was unweigerlich zur nächsten Frage führt, welche allgemein bekannten Persönlichkeiten Baselland in seiner bald 190-jährigen Geschichte überhaupt hervorgebracht hat – die noch quicklebendigen Roger Federer, Benni Huggel und Sarah-Jane mal ausgenommen?

Viele sind es nicht. Ebenfalls in Rünenberg steht ein Denkmal, das den gemeinnützigen Politiker und Ständerat Martin Birmann (1828–1890) zeigt, den Pionier der kantonalen Armenpflege. Ebenso verewigt wurde der Unternehmer und Wohltäter Stephan Gschwind (1854–1904), dessen Büste in Oberwil steht. Eine Statue, die einem der Hauptanführer im Baselbieter Bauernkrieg 1653, Ueli Schad, nachempfunden worden ist, kann man in Oberdorf auf einem Brunnen bewundern. Liestal als Kantonshauptstadt ehrt an prominenter Stelle Georg Herwegh (1817–1875), den revolutionären deutschen Dichter. Und auf dem Brunnen beim Kantonsmuseum thront die Statue des frühen Liestaler Schultheissen Heini Strübin (ca. 1450–1517). Der Drucker des ersten datierten Buches in der Schweiz, Helias Heyle (ca. 1400–1475), wurde in Laufen in einer lebensgrossen Statue verewigt. Ebenso Niklaus von Flüe (1417–1487), der heiliggesprochene Einsiedler, dem man auf dem Blauen in Lebensgrösse begegnen kann. Carl Spitteler (1845-1924), der einzige Schweizer Literaturnobelpreisträger, erhielt neben der Prometheus-Bronze in Liestal ein Reliefdenkmal in Bennwil, so auch Dichterpfarrer Friedrich Oser (1820–1891) in Biel-Benken.

Denkmäler für Frauen? Fehlanzeige!

Dass keiner weiblichen Persönlichkeit diese Ehre zu Teil wurde, überrascht mittlerweile niemanden. Dabei fehlt es im Baselbiet nicht an inspirierenden Frauen: So zählt die 2017 verstorbene Widerstandskämpferin Margrit Bolli zu den wichtigsten Persönlichkeiten Therwils. Inwieweit die Vielzahl von allegorischen Frauenstatuen in Form von Madonnen oder antiken Göttinnen dieses Manko aufwiegen, ist wohl dem persönlichen Werturteil überlassen. Neben der einen Hälfte der Gesamtbevölkerung wurden aber auch wirkungsmächtige Männer übergangen. So muss sich zum Beispiel der einzige Baselbieter Bundesrat Emil Frey (1838–1922) mit einer Gedenktafel und Strassennamen begnügen. Etwas besser steht es im Baselbiet um den bis heute unvergessenen Flugpionier Oskar Bider, dem neben Strassen auch der Museumshangar in Langenbruck gewidmet ist. In den letzten Jahren erinnert man sich auch vermehrt an Biders Schwester Leny, eine mindestens ebenso schillernde Persönlichkeit wie ihr Bruder.

Diese allgemeine Zurückhaltung sei aber typisch für Kantone ohne grosses städtisches Zentrum, erklärt die Baselbieter Staatsarchivarin Regula Nebiker: «Im 19. Jahrhundert waren Denkmäler eine städtebauliche Massnahme zur Verschönerung von Anlagen oder Parks, in den ärmeren Baselbieter Dörfern bestand kein Bedürfnis für dergleichen.» Ähnlich vermutet Remigius Suter, Präsident der Gesellschaft für Regionale Kulturgeschichte, den Grund für den Mangel darin, dass «bis 1791 die Bewohner der Landschaft leibeigene Untertanen der Stadt waren, und nach der Kantonstrennung die Hochfinanz weiterhin städtisch blieb. Für monumentale Denkmäler fehlte also sowohl das Geld wie auch die Helden.»

Erst in den 1920er- bis 1930er-Jahren sei ein grösseres Interesse an der Erinnerungskultur erwacht, so Nebiker. Anstatt teurer Denkmäler habe man dann vor allem Gedenktafeln gestaltet. Diese findet man heute im ganzen Baselbiet an Häuserwänden verteilt, eine eigene Tradition. Ein weiterer Grund für die fehlenden Statuen besteht darin, dass diese Projekte damals meist von Privaten bezahlt und organisiert wurden. Suter bestätigt: «Die Errichtung der bestehenden Erinnerungsstätten ist bei allen lokal angestossen worden – dies erklärt sicher auch die Bescheidenheit mancher Objekte.»

Ein Personenkult, der prunkvolle Statuen hervorbringt, dürfe jedoch nicht nur unkritisch betrachtet werden. Für den Kulturwissenschaftler Suter ist klar, «dass ein Personenkult gar nicht zum revolutionären jungen Halbkanton passte.» Vielmehr sind es Bodenständigkeit und Bescheidenheit, mit denen sich die Baselbieter gerne identifizieren. Deswegen wären zusätzliche Denkmäler bloss unnötiger Prunk. Die jetzigen – General Sutter sei Dank – bescheren bereits genug Scherereien.

Meret Rieger und Bojan Stula