Gastkommentar

Die störende Grausamkeit der Inka

Im neusten Gastkommentar von Roger Blum geht es um die Grausamkeit von Völkern. Auch die Inka – von ihnen ist beispielsweise Machu Picchu in Peru noch erhalten – waren ungewöhnlich brutal.

Im neusten Gastkommentar von Roger Blum geht es um die Grausamkeit von Völkern. Auch die Inka – von ihnen ist beispielsweise Machu Picchu in Peru noch erhalten – waren ungewöhnlich brutal.

Gastkommentar: Wenn die staatliche Macht die Brutalität vorlebt. Roger Blum ist gebürtiger Baselbieter und war Publizistikprofessor an der Uni Bern. Seit April 2016 ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz.

Das Reich der Inka, das sich im 15. und 16. Jahrhundert in seiner grössten Ausdehnung über Peru sowie Teile Ecuadors, Boliviens und Chiles erstreckte, war eine straff organisierte Despotie mit einer bemerkenswerten Kultur. Gegenwärtig zeigt die Ausstellung «Inka – Gold. Macht. Gott» in der Völklinger Hütte bei Saarbrücken 220 in Gold und Silber funkelnde Exponate. Die Ausstellung ist sehenswert, aber sie bettet die Fundstücke zu wenig in den historischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gesamtzusammenhang ein.

Die Inka waren unglaublich grausam. Wenn hochgestellte Adelige starben, mussten ihre Frauen und Diener mit ihnen in den Tod. Nach einer feierlichen Prozession wurden sie erwürgt. Bei Beerdigungen und an den Sonnenwendfesten wurden jedes Mal Hunderte von Kindern geopfert. Ihnen wurde die Kehle durchschnitten, damit ihr Blut zu Ehren der Götter aufgefangen werden konnte. Als der Inka (König) Pachacuti seinen Palast baute, liess er schön geschmückte Kinder lebend in die Wände einmauern – auch dies zu Ehren der Götter.

Die Brutalität irritiert. Aber sie steht nicht isoliert da. Viele Herrscher der Weltgeschichte waren politisch und kulturell bemerkenswert schöpferisch und gleichzeitig grenzenlos grausam: Die Perser, die Römer, die Skythen, die Byzantiner, die Araber, die Timuriden, die Venezianer.

Auch die Eidgenossen waren auf Schlachtfeldern und in Gerichtsprozessen grausam. Diesen Sommer waren meine Frau und ich auch in Trier und in Münster (Westfalen). Trier, das Augusta Treverorum der Römer, sieht sich als die älteste Stadt Deutschlands. Die Römer gingen nicht zimperlich vor: Brandstifter verbrannten sie bei lebendigem Leib. Nichtrömer und Sklaven, denen sie ein Verbrechen vorwarfen, kreuzigten sie.

In Münster fand 1645 bis 1648 die Konferenz statt, die nach dem Dreissigjährigen Krieg den Westfälischen Frieden schloss. Im «Friedenssaal» im Rathaus prangt auch das Bild des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein, der für die Schweiz verhandelte und die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom Reich erreichte.

Dieser Politiker, der aussenpolitisch erfolgreich auf eine Verhandlungslösung setzte, schwor fünf Jahre später innenpolitisch auf die Brutalität der staatlichen Macht. Als nämlich 1653 die Baselbieter Untertanen rebellierten, machte er keine Konzessionen, sondern drängte nach dem Zusammenbruch des Aufstandes auf harte Strafen. 68 Landschäftler wurden verurteilt, zum Teil nach wiederholter Folter. Sechs wurden enthauptet, einer wurde gehängt, zehn mussten auf venezianische Galeeren, drei davon lebenslänglich, einem wurde ein Ohr abgehauen.

Man wird wohl die Grausamkeit nie ganz aus der Wirklichkeit verbannen können. Es wird immer wieder vorkommen, dass Menschen andere Menschen auf grausame Weise quälen oder umbringen. Besonders schlimm aber ist, wenn der Staat die Grausamkeit amtlich verordnet, also vorlebt. Bei den Inka, bei den Römern, bei den alten Eidgenossen war die Grausamkeit amtlich.

Dank der Europäischen Menschenrechtskonvention – und dank des dort verankerten Verbots der Sklaverei, der Folter und der willkürlichen Verhaftung sowie des Anspruchs auf rechtliches Gehör – ist staatlich verordnete Grausamkeit auf dem alten Kontinent inzwischen verboten. Dies ist ein entscheidender Fortschritt gegenüber den Zuständen, wie sie zuvor herrschten. Brutalität darf nie mehr amtlich sein.

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