«Die Landwirtschaft muss dringend den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast reduzieren», fordert Andreas Widmer, Infektions-Spezialist und Leiter der Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Grund: Flächendeckende Anwendung von Antibiotika nimmt diesen bisher lebensrettenden Medikamenten ihre Wirkung (bz vom Donnerstag).

«2009 wurden insgesamt 70789 Kilogramm Antibiotika zur Anwendung in der Veterinärmedizin verkauft», stellt der Bundesrat in seiner Antwort auf eine Anfrage der Sissacher Nationalrätin Maya Graf (Grüne) fest. «Davon waren 61643 Kilogramm (87Prozent) in Präparaten zur ausschliesslichen Anwendung bei Nutztieren – Geflügel, Kälber, Pferde, Rindvieh, Schweine, Schafe usw. – enthalten.»

Wie hoch der Verbrauch in Baselbieter Ställen ist, wird nicht erhoben. Die Zahlen des Bundes stützen sich auf die Angaben der Futtermühlen, die Fütterungstierarzneimittel herstellen. Kantonstierarzt Ignaz Bloch kontrolliert aber die Behandlungs-Journale der Mäster und ob diese ihre Vereinbarungen mit den Veterinären einhielten, nachdem ihnen diese die Medikamente für die Stallapotheke abgegeben haben.

Strukturelles Problem bei Kälbern

«Der Antibiotika-Einsatz ist weltweit ein Problem, selbst in der Fischzucht», bestätigt Markus Knüsel als grösster Baselbieter Schweinemäster. In seiner AG für Nahrungsmittelrecycling in Biel-Benken hat er Platz für 2500Schweine. Er schätzt, dass sich die in der Schweiz eingesetzte Menge auf rund die Hälfte senken liesse. In seinem Betrieb habe er gegenüber dem Vorbesitzer den Medikamenteneinsatz stark reduziert: «Wir beziehen alle Schweine aus dem gleichen Zuchtbetrieb. Deshalb müssen wir sie nicht beim Einstallen präventiv medikamentieren.» Er verabreiche kein Antibiotika-Futter, sondern behandle per Injektion gezielt nur kranke Tiere. Knüsel betont: «In der Schweiz dosiert man Antibiotika allgemein vorsichtiger als in der EU.»

Da ist der Bundesrat anderer Meinung: Maya Graf hatte bezüglich Kälbermast gefragt, ob ein Unterschied zwischen der Schweiz und
der EU besteht. «Nein, grundsätzlich nicht», antwortete der Bundesrat. «Schätzungen ergeben, dass insbesondere in der Einstallphase an bis zu 90Prozent aller Mastkälber Arzneimittelvormischungen verabreicht werden.»

In der Tat sind Kälber und Schweine kaum vergleichbar: Eine Sau wirft über 20Ferkel pro Jahr, eine Kuh hat gerade mal ein Kalb. Schweine werden wegen des Fleisches gezüchtet, die Kälber sind ein Nebenprodukt der Milchwirtschaft. Deswegen werden sie von verschiedenen Höfen, also aus unterschiedlichen Bakterien-Milieus, in den Mastställen zusammengeführt, wo man sie in der Regel präventiv mit Antibiotika-angereicherter Milch tränkt.

Gastronomie will krankes Fleisch

Kritiker wie der Basler Biologe Andreas Moser («Netz Natur») betonen, dass eigentlich die Mutterkuh mit dem Kalb in den ersten Wochen mit der Milch Abwehrkräfte weitergeben könnte. Die zu frühe Trennung der Kälber von der Mutter sei einer der Faktoren, weswegen die Kälber routinemässig «mediziniert» werden. Moser stuft die Gruppenmast insgesamt als «nicht tiergerecht» und deswegen «als nicht gesetzeskonform» ein. Gleichzeitig anerkennt er: «Die Bauern stehen unter grossem Druck und produzieren am Limit.»

Kälbermäster Lukas Recher zeigt die Folgen: Die einseitige Zuchtauswahl auf hohe Milchleistung mache die Kühe insgesamt anfälliger. So sei auch ihre Milch weniger immunwirksam. Demnach gibt es eine Ursachenkette vom tiefen Milchpreis, der von den Bauern durch höhere Produktion kompensiert wird, über einseitige Zuchtideale, immungeschwächte Kälber und entsprechenden Antibiotikaeinsatz bis zu für Menschen lebensgefährlichen resistenten Bakterien.

Recher ist mit 700Kälbern im Stall einer der grössten Mäster der Schweiz und betont: «Ich beuge Atemwegserkrankungen mit ätherischen Zusätzen in der Stallluft vor und nehme alle Möglichkeiten wahr, Antibiotika auf einzelne Gruppen zu beschränken.» So füttere er den Kälbern auch Mais, da Raufutter die körpereigene Abwehr stärkt. Damit handle er sich Probleme ein: «Wird das Kalbfleisch rot, muss ich Abzüge bis zu 3Franken pro Kilo hinnehmen. Dann mache ich Verlust.» Migros und Coop hätten dies mittlerweile eingesehen. «Aber die Gastronomie beharrt auf weissem Kalbfleisch.» Dabei sei dieses ein Symptom für die Eisenmangelkrankheit.

Knüsel ergänzt: «Wir Mäster bemühen uns, die Vorschriften einzuhalten. Und dann fahren die Leute über die Grenze und kaufen wegen des Preises Fleisch, von dem sie nicht wissen, wie es produziert wurde.»