Circus Knie

Die Tierprobe ist eine gute Schule für Mensch und Tier

In den Tierproben des Circus Knie lernen die Tiere, auf Kommandos zu gehorchen und ihre Kunststückchen aufzuführen. Für die Kinder ist dies eine Gelegenheit die Tiere von Nahem zu sehen, dabei lernen die Kleinen oft auch selbst etwas.

Das Zelt des Circus Knie ist fast leer. Ein einzelner Sonnenstrahl hat sich durch das Zeltdach verirrt, in seinem Licht tanzt der Staub, den die Pferde in der Manege aufwirbeln. Es riecht nach Sägemehl und auch ein bisschen nach Pferdemist.

In der Manege steht Freddy Knie in rosa Hemd und Jeans, die Peitsche in der einen, die Gerte in der anderen Hand. Neben ihm eine Helferin und vier Tierpfleger. Es ist still im Zelt, deshalb hört man das Schnaufen der Tiere und dazwischen die halblaut gesprochenen Befehle von Freddy Knie: «Allez!»

Was bleibt vom Zirkus, wenn man die Musik und Glitzerkostüme weglässt, die Scheinwerfer abstellt und der ganze Glamour verschwindet? Arbeit. Viel Arbeit. Einem Teil dieser Arbeit können Besucher jeden Morgen von neun Uhr an im Zirkuszelt zusehen: Dann arbeiten die Tierlehrer mit den Tieren in der Manege. Weil das eine ganz spezielle Arbeit ist, beschloss Freddy Knie senior 1978, diese Proben an einigen Sonntagen von einem Fachmann kommentieren zu lassen. Gestern Vormittag erläuterte der Berner Zoologe und Tierverhaltensspezialist Thomas Althaus die Arbeit im Sägemehl.

Die erste Schülergruppe in der Manege sind junge Andalusier. Es sind Hengste, die am Anfang ihrer Ausbildung stehen. Im Einzelunterricht haben sie das Abc bereits gelernt: ihren Namen, zu kommen und zu gehen sowie Schritt, Trab und Galopp.

Jetzt, in der zweiten Phase, lernen die Tiere, sich in eine Gruppe zu integrieren und trotzdem bei sich zu bleiben. Dazu traben die Pferde im Kreis. Jetzt rennt das Erste vorne weg, bis es von hinten wieder zur Gruppe aufgeschlossen hat. Das zweite Tier muss lernen, das Tempo zu halten, nicht hinterherzurennen, sondern selbst die Führung zu übernehmen.

Ziel der Arbeit ist nicht das, was das Publikum sich unter Dressur vorstellt: «Die Tiere sollen nicht wie Automaten ein Kunststück herunterspulen», betont Althaus. «Ziel ist es, dass die Tiere lernen, ihre Bewegungen mit dem Kopf zu kontrollieren.» Dazu stellt ihnen Freddy Knie kleine Hindernisse in den Weg, sogenannte «Cavaletti». Die Hindernisse zwingen die Tiere in einen ganz bestimmten Schritt.

Eltern und Lehrern, die den Kommentaren von Thomas Althaus zuhören, hallt so mancher Satz nach. Die Erziehung von Tieren und die Erziehung von Kindern sind manchmal ganz ähnlich. Zum Beispiel die Sache mit dem «Bei-sich-Bleiben».

Pferde sind Herdentiere (wie manche pubertierende Jugendliche). Die Tiere haben die Tendenz, dasselbe zu machen wie alle anderen. Sie müssen deshalb lernen, etwas anderes zu machen als die anderen. Die Übung dazu: Ein Tier wird in Gegenrichtung zu den anderen auf einen inneren Kreis geführt. Gegen den Strom zu traben, braucht grosse Überwindung.

Eine wichtige Übung für das tierische Ego ist das Rückwärtslaufen: So üben die Tiere, sich zu sammeln. «Rückwärtsgehen führt die Pferde zu sich selbst», erklärt Althaus. Der Tierlehrer unterrichtet dabei mit Worten, also mit akustischen Zeichen, mit der Leine, mit Handstock und Peitsche, also verlängerten Armen, aber vor allem mit körperlicher Präsenz, dem Ausdruck eines klaren Willens.

Wenn der Lehrer nicht weiss, was er will, dann lernt der Tierschüler nichts. Wenn etwas gut ist, kommt ein Lob oder eine Belohnung. Wenn etwas nicht gut ist, kommt ein deutliches «Non».

Die wichtigste Basis für die Arbeit der Tiere mit ihren menschlichen Lehrern ist das Vertrauen. Schön zu sehen ist das an der nächsten Übung der Pferde: Sie lernen, abzusitzen und sich hinzulegen.

«Pferde brauchen viel Vertrauen, bis sie ihren Fluchtreflex aufgeben, auch wenn daneben eine Peitsche knallt, ein Kind schreit oder ein ganzes Zelt applaudiert.» Das gilt nicht nur für Pferde, sondern auch für die Elefanten, mit denen Franco Knie arbeitet.

Er beginnt die Elefantenschulstunde mit einem kleinen Elefantenjogging. Althaus: «Das muss man sie lehren. Es gibt kein Tier, das aus blosser Freude in der Gegend herumjoggt, das macht nur der Mensch.»

Die Elefanten geben sich untereinander mit Stosszähnen Zeichen. Wie gross das Vertrauen zwischen Tier und Lehrer ist, demonstriert Franco Knie auf eindrückliche Art und Weise: Er legt sich auf ein Tuch im Sägemehl, eine Elefantenkuh legt sich über ihn. Von Franco ist nichts mehr zu sehen. Da erscheinen zwischen Beinen und Rüssel zwei Arme und tätscheln der Elefantenkuh die Wangen.

Im Circus Knie achten die Tierlehrer laut Althaus darauf, dass die Arbeit mit einem Erfolg aufhört: «Dann ist das Lernen ein Schreiten von Erfolg zu Erfolg und die Tiere kommen gern zur Schule.»

Zum Schluss dürfen die Kinder im Publikum einen Elefanten füttern. Für einen kleinen Menschen braucht es ganz schön Mut, einem so grossen Tier einen Apfel hinzuhalten. Der Elefant schnappt sich den Apfel mit dem Rüssel und führt ihn zum Mund. Dann schnuppert er mit dem Rüssel nach dem nächsten Apfel. So hört sowohl für den Elefanten wie für die Kinder die Schulstunde mit einem kleinen Erfolgserlebnis auf.

Nächste kommentiert Tierprobe: Sonntag, 22. Juni, 10 bis 11.30 Uhr

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1