Basel

Die Tötung des 7-jährigen Ilias wird vor Gericht verhandelt – die letzte Bühne für Alice F.

Alice F. (links) stand am Montag in Basel für den Mord am siebenjährigen Ilias vor Gericht. Weder Gerichtspräsidentin (Mitte) noch psychiatrischer Gutachter (rechts) konnten zu ihr vordringen.

Alice F. (links) stand am Montag in Basel für den Mord am siebenjährigen Ilias vor Gericht. Weder Gerichtspräsidentin (Mitte) noch psychiatrischer Gutachter (rechts) konnten zu ihr vordringen.

Im März 2019 stach Alice F. den Primarschüler Ilias nieder. Am Montag fand die Hauptverhandlung im Mordfall Ilias vor dem Basler Strafgericht statt. Die Beschuldigte nutzte den Tag.

Alice F. schreitet den Gang hinunter bis zum Saal 2. Sie macht kleine Schritte, in der Hand trägt sie ein grosses Couvert. Ihre Augen sind eingerahmt von einer schwarzen Brille mit grossen Gläsern, auffallend gross sind auch die roten Rosen auf ihrem weissen T-Shirt. Eine ältere, körperlich fitte Frau, die Sneakers trägt. Sie könnte auf dem Weg in die Migros sein. Oder unterwegs zu ihren Enkelkindern.
Doch die 76-Jährige hat einen anderen Weg vor sich. Am frühen Montagmorgen betritt sie ihre Bühne. Im Saal 2 des Basler Strafgerichts warten das fünfköpfige Richtergremium, Gerichtsschreiber, Staatsanwalt, Opferanwalt, Opferfamilie und Verteidiger. Eine klirrende Fussfessel zwingt sie zu kleinen Schritten. Den Umschlag legt sie ungeöffnet vor sich auf den Tisch.

Alice F. als Protagonistin, Opferfamilie als Statisten

Die Beschuldigte hatte am 21. März 2019 im Gotthelf-Quartier einen siebenjährigen Jungen erstochen. Eine Stunde nach der Tat betrat Alice F. das Gebäude der Basler Staatsanwaltschaft, gestand das Tötungsdelikt, händigte die Tatwaffe aus. Gefasst und ruhig, wie die Anklageschrift festhält.
Genau so tritt sie vor Gericht auf. Seit eineinhalb Jahren lebt Alice F. im Gefängnis Waaghof. Es gehe ihr gut. Sie könne jetzt wieder besser schlafen, erzählt die Rentnerin mit grauer Kurzhaarfrisur. Bereits jetzt, wenige Minuten nach Prozessbeginn, wird klar: Alice F. nutzt jede Sekunde ihrer Sprechzeit. Sie ist die Protagonistin der Hauptverhandlung, ihr Schicksal ist der Plot. Alle anderen sind Statisten.

«Es geht aber heute um das Tötungsdelikt an Ilias», mahnt ein Richter. Kurz lässt Alice F. Reue aufblitzen: «Es war nie mein Ziel, dass das passiert.» Es tue ihr leid. Zwei Sätze für die Tötung des siebenjährigen Jungen.

Und schon ist Alice F. wieder im Jahr 1977, als alles begann. Die eigentliche Schuld an der Tat würden die Behörden tragen. «Das sind die Tathintergründe», sagt sie bestimmt. Die Verstrickungen und verlorenen Urteile der vergangenen vierzig Jahre hätten sie «an den Abgrund» gedrängt. «Es war eine Verzweiflungstat, die im Affekt geschah.»

Für den psychiatrischen Gutachter Elmar Habermeyer ist derweil klar, dass die Beschuldigte an einer wahnhaften Erkrankung leidet. «Bei Alice F. ist die Störung nicht nur sehr stark ausgeprägt, sondern über die Jahre auch chronisch geworden», so der Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie in Zürich. Habermeyer sagt weiter, das Rückfallrisiko und die Gewaltbereitschaft seien bei Alice F. «sehr hoch».

Das stört Alice F. Sie will nicht krank, sie will nicht schuldunfähig sein. Das würde ihren Plan zunichte machen. Diesen hatte sie sich vor der Tat zurechtgelegt: Aufgrund der drohenden Obdachlosigkeit war Alice F. verzweifelt. Sie sah in der Tötung eines Kindes die einzige Möglichkeit, ein weiteres – und vielleicht letztes – Mal auf sich und die angebliche Verschwörung der Justiz aufmerksam zu machen.

21 Seiten und eine Dreiviertelstunde

Ihre Hoffnung: In einem Gerichtsprozess würden sämtliche Unterlagen seit 1977 angeschaut und aufgearbeitet. Anschliessend würden alle sehen, welches Unrecht ihr in all den Jahren widerfahren sei. Sie bekäme Recht – auch wenn sie gleichzeitig für Mord verurteilt würde. Alice F. ist keineswegs verwirrt. Trotz der wahnhaften Störung meint sie genau zu wissen, was vor sich geht. Der Staatsanwalt fasst es in seinem Plädoyer treffend zusammen: «Sie instrumentalisiert das Strafverfahren.» So wird der einzige Tag vor Gericht zum grössten Auftritt ihres Lebens. Und diese wenigen Stunden will sie nutzen: Wann immer möglich schweift sie ab, belehrt die Anwesenden oder beruft sich auf ihr Recht.

Vor den Plädoyers von Staatsanwalt, Opferanwalt und Verteidiger kündigt Alice F. fast schon feierlich an: Sie werde sich nun selbst verteidigen. Aus dem Umschlag zieht sie 21 Seiten hervor, ihre Rechtfertigung. Die vorsitzende Richterin gibt ihr widerwillig eine Dreiviertelstunde. Alice F. spricht von sich in der dritten Person. Sie fordert Genugtuung von den Behörden, beruft sich auf die Menschenrechtskonvention, springt von Sachverhalt zu Sachverhalt. Schliesslich darf sie zum Ende der Verhandlung ein letztes Mal ins Mikrofon sprechen. Alice F. sagt: «Liebe Familie, es tut mir sehr, sehr leid. Ich bereue es.» Die Gerichtspräsidentin eröffnet, das Urteil werde am Dienstag um 16.30 Uhr verkündet.

Alice F. schreitet in Begleitung zweier Polizistinnen aus dem Saal, klemmt sich den Umschlag unter den Arm und lächelt den Journalisten zu. Sie hat ihre Bühne verlassen.

Meistgesehen

Artboard 1