Mit der Vernunft der Männer ist das so eine Sache! Wer bringt sie davon ab, Gewalt für die Ultima Ratio zu halten und immer erneut Kriege anzuzetteln? Der antike Komödiendichter Aristophanes (zirka 445 – 388 v. Chr.), Zeitzeuge des unsinnigen Krieges zwischen Athen und Sparta, machte dazu einen kühnen Vorschlag: Falls die Frauen der sich gegenseitig tötenden Männer die «eheliche Pflicht» aufkündigten und diese Verweigerung strikt durchhielten, könnten die Männer zur Einsicht kommen und miteinander Frieden schliessen. In der turbulenten Komödie «Lysistrata» spielt Aristophanes den Vorschlag durch – und er klappt wirklich. Ein athenisch-spartanisches Volksfest macht Hoffnung auf einen Neuanfang.

Ein antikes Thema? Viel mehr ein aktuelles, fand Désirée Meiser, die künstlerische Leiterin der Gare du Nord, und griff den Vorschlag der lettischen Chorleiterin Antra Dregis auf, in einer Koproduktion mit Riga, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, das Thema in zwei Varianten durchzuspielen: einmal als Komödie und gleich danach als Tragödie. Das Stück feierte am Donnerstag Premiere.

Spektakuläre, erfundene Musik

Der in Zürich lebende und arbeitende Komponist Kaspar Ewald schrieb das Libretto und die Musik für die Komödie, und ihm glückte ein unterhaltsames einstündiges Spektakel. Als Librettist orientierte er sich an der Übersetzung Ludwig Seegers, die er partiell mit dem heimischen Idiom «anreicherte» – das heisst, auch er nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt, was hier Sache ist: es geht um die Macht der Männer und ihre Schwänze. Dazu erfand er – was er bestens kann – eine spektakulär-unterhaltsame Musik, man kann auch sagen, einen einfallsreich gemachten tönenden Klamauk.

Dass der nicht nervte, war einerseits den beiden Sopranistinnen Jeannine Hirzel und Kristine Gailite sowie dem Bass-Bariton Robert Koller zu verdanken, die zeigten, dass, wie der Römer Horaz befand, eine gute Komödie eine ernste Sache ist. Dazu kam andererseits, dass das von Normunds Dregis umsichtig dirigierte lettisch-schweizerische Kammerorchester mit Ewalds Musik bestens zurechtkam, und das von Antra Dregis einstudierte lettische Vokalensemble «Putni» über schöne Stimmen verfügt, die solistisch und im Ensemble zu hören ein grosses Vergnügen war. Zu ergänzen bleibt der Hinweis auf Zane Kreicbergas gelungene Regie und Kristine Jurjanes einfache Bühne und geschickt antikisierenden Kostüme. Nach der Pause gab es «Die Rückkehr der Lysistrata» im Libretto von Ines Zandere mit Motiven aus Aristophanes plus Balkangedichten und Goethe-Prosa; die Musik zur Tragödie komponierte der Klarinettist Jekabs Nimanis. Die Idee zur Rückkehr der antiken Heldin kam Zandere 1999 im Kosovo, wo die ethnischen Feindschaften auf dem Balkan die Lettin an die neuere Geschichte ihrer Heimat erinnerten, die 1939 Opfer des Hitler-Stalin-Paktes wurde und bis vor 15 Jahren unter sowjetischer Herrschaft blieb. Unter dem Aspekt, dass auch ihr gegenwärtiger Status wieder gefährdet ist, gewinnt das antike Spiel eine ganz neue Bedeutung. Was von ihm blieb, ist der Machtanspruch der Männer; was hinzukommt, ist das neue Selbstbewusstsein der Frauen. Es geht ihnen nicht mehr um eheliche Verweigerungen, es geht jetzt grundsätzlich um Machtteilung als Mittel zur Friedenssicherung als gewaltfreiem Miteinander. Und das erfordert von jedem Einzelnen, den «schwarzen Stier der Angst» zu besiegen. Jetzt sind es die Frauen, die die zögernde Lysistrata auffordern, sie zu führen und mit ihr den Kampf zu wagen. Der fordert Tote. Was bleibt, ist die Bitte um Gnade als Basis für ein neues Leben.

Im antiken Athen kam die Komödie nach drei Tragödien; am Donnerstag war es gut, dass die Tragödie nach der Komödie kam. Zandere und Nimanis ist eine beeindruckende Kammeroper geglückt, die in der Regie Christine Cyris’ daran erinnert, dass der äussere wie innere Friede, auch wenn er hierzulande gesichert erscheint, keine Selbstverständlichkeit ist. Die Vorstellung erntete viel Schlussbeifall. Weitere Aufführungen am kommenden Sonntag und Montag, jeweils um 20 Uhr.