Unsere kleine Stadt

Die Verantwortung Basels als Coronagewinnerin

Die Stadt Basel und ihre Verantwortung. (Archivbild)

Die Stadt Basel und ihre Verantwortung. (Archivbild)

Am sonnigen Freitag nach Auffahrt glich die Innenstadt einem Wimmelbild. Es schien, als hätte sich der Weihnachtsverkauf in der Jahreszeit geirrt. Menschenschlangen bildeten sich vor Geschäften und Glaceständen. Immer brav mit zwei Meter Abstand. Obwohl Boulevard-Cafés ungeahnten Ausmasses Trottoirs und Plätze verstellten, waren freie Tische Mangelware.

Der graue Lockdown-Schleier war wie weggeblasen. Strahlende Gesichter über wippenden Einkaufstaschen, wohin das Auge blickte. Keine Spur von drohender Rezession. Menschen gaben sich die Hand, ja, sie umarmten sich gar zum Wiedersehen, als wäre Daniel Koch kein Wissenschafter, sondern bloss ein Pausenclown. Frei nach Friedrich Schillers «Tell» blühte neues Leben aus den Coronaruinen. Oder biblisch: Der Tanz ums goldene Konsumkalb war in vollem Gange.

Wie lässt sich diese Momentaufnahme vereinbaren mit dem lautstarken Anklopfen einer veritablen Wirtschaftsdepression? Ist es Galgenhumor, der die Leute zum Feiern treibt? Oder war der Lockdown für Viele bloss ein Dornröschenschlaf, und das Leben nimmt, wie nach dem märchenhaften Kuss des Prinzen, seinen unveränderten Lauf? Ist, was generell zur Wirtschaftslage prophezeit wird, für den einzelnen Haushalt surreal?

Es gibt zumindest Indizien dafür, dass der Optimismus auf Basels Strassen einen tieferen Grund hat. In der Tat könnte unsere Stadt die Krise schadloser überstehen als andere Regionen der Schweiz. So brechen seit Beginn der Pandemie die Exporte aller Branchen ein. Nur die Ausfuhren von Pharma und Chemie wachsen ungebremst weiter. Roche, Novartis, Lonza, Actelion und wie sie alle heissen, florieren. Dazu kommt, dass die Hoffnungen der Welt auf diesen Unternehmen ruhen: Ob es um Coronatests, Heilmittel oder Prävention mit Impfstoffen geht, überall sind sie dabei.

Diese fundamentale Stärke bedeutet nichts anderes als die Sicherung der Basler Steuereinnahmen sowohl von Unternehmen als auch von Privaten, die ihre Jobs direkt oder indirekt dem regional dominanten Life-Sciences-Cluster verdanken. Die Widerstandskraft unserer Wirtschaft in der Coronakrise schlägt sich auch in der aktuellen Start-up-Statistik nieder: Sank die Zahl der Firmengründungen während des Lockdowns in Zürich um 25 Prozent, in Bern um 30 und in Genf gar um 55 Prozent, nahm die Errichtung von Jungfirmen in Basel nur um 10 Prozent ab.

Es gibt also Gründe für die Annahme, dass wir zwar von der Rezession getroffen werden, aber vielleicht nur mit einem Streifschuss. Dass die Steuereinnahmen sich allenfalls verringern, der Staat aber seine Fähigkeit bewahren kann, Härten und Leid, die es gibt und geben wird, aufzufangen und zu lindern.
Unter diesen Annahmen trägt Basel eine besondere Verantwortung innerhalb der Schweiz. Als Coronagewinnerin kann sich die Stadt zusätzliche Stützungsprogramme für die Schwächsten leisten, wo andere aus finanziellen Gründen zurückhaltend sein müssen.

Aber sie hat auch die Verpflichtung, Pionierarbeit zu leisten. Zum Beispiel bei den Vorkehrungen, die uns vor den Folgen kommender Seuchen rascher und wirkungsvoller bewahren. Das beginnt bei der Vorratshaltung von Schutzmaterial und geht bis zu besseren kantonalen Pandemie-Gesetzen, die stärker auf Prävention, aber auch auf einen gesellschaftlichen Konsens zum frühzeitigen, gemeinsamen und konsequenten Eingreifen setzt.

Daniel Wiener, der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

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