Stefan Anderegg (34) verfolgt eine Mission: Eine Währung, die unabhängig von Staaten funktioniert und unabhängig von Nationalbanken, die immer mehr Geld mit immer weniger realer Absicherung in den Währungskreislauf pumpten. Der gelernte Automatiker und AWD-Finanzberater meint, die globale Lösung gefunden zu haben: E-Coins, ein Zahlungsmittel, das wie die Kryptowährung Bitcoin gehandelt werden kann, aber zumindest teilweise auf festen Werten wie Silber und Gold beruhe. Anderegg spricht eine Klientel an, die den Banken misstraut und Sätze unterschreibt wie: «Wir alle sind Sklaven des Geldsystems.»

Vor zwei Jahren entwickelte Anderegg die Idee, vor einem Jahr brachte er die E-Coins mit Basler Technologiepartnern und mit Hilfe eines serbischen Programmierers auf den Markt. Doch nun hat die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) den Stecker gezogen. Den Baselbieter Technikdienstleistern und dem Trägerverein der E-Coins ist das Geschäften bis auf weiteres untersagt. Der Anfangsverdacht lautet auf Betrug.

5,9 Millionen Euro sind im Spiel

Was nach Worten von Anderegg im engen Freundeskreis begann, zählt mittlerweile rund 1300 Nutzer. Zusammen haben diese reale 5,9 Millionen Euro in die Währungsphantasie gesteckt. Lediglich eine Handvoll Geschäfte akzeptieren die Währung als Zahlungsmittel. Was bleibt, ist mit den elektronischen Münzen zu handeln und auf einen Kursanstieg zu hoffen. Ein aktueller Chart zeigt eine Kursverdoppelung seit vergangenem Oktober und in einem auf Youtube auffindbaren Werbefilm heisst es, «massive Kursgewinne» seien möglich.

Doch nun sind alle Transaktionen untersagt, selbst die Webseiten sind ausser Betrieb gesetzt. Es ist allerdings nicht die Spekulation, welche die Finanzaufsicht auf den Plan gerufen hat. Die Finma hatte sich bisher auch nicht für Kryptowährungen zuständig erklärt, deren erkennbares Geschäft einzig auf einem schneeballsystem-ähnlichen Vertrieb beruht.

Nach diesem Modell werden alleine in der Region Basel drei Plattformen betrieben. E-Coins ist vielmehr zum Verhängnis geworden, dass die Betreiber mehrfach sechsstellige Bargeldbeträge einbezahlt und abgehoben haben. Dies löste bei der kontoführenden UBS den Alarm auf Geldwäscherei aus. Der Bankenmeldung musste die Finma nachgehen und handeln.

Der Basler Anwalt Jean Mario Roberty, Rechtsvertreter der E-Coins-Gesellschaften, mag sich nicht beschweren. Er weiss, dass sich einer Selbstregulierungsorganisation anschliessen muss, wer als Finanzintermediär auftritt. Und dazu wird gezählt, wer gewerbsmässig Gelder entgegennimmt und Finanzgeschäfte tätigt. E-Coins hatte dies noch nicht gemacht. Die Untersuchung will Roberty als Chance begreifen: Kann er die Finma von der Unbedenklichkeit überzeugen, wird E-Coins als einzige kryptoähnliche Währung ein Finma-Gütesiegel tragen.
Ob sich die Aufsichtsbehörde darauf einlässt, ist allerdings fraglich.

Denn als Trägerschaft haben Anderegg und Roberty den Verein Quid pro quo gegründet. Ein Verein kann jedoch von Gesetzeswegen nicht als Finanzintermediär auftreten. Anderegg würde jedoch gerne an der Vereinsform festhalten, da sie am bestem für seine Idee des «Zusammenschlusses von Gleichgesinnten» stehe. Anderegg redet von «Gemeinnützigkeit» und «Transparenz», die damit verbunden sei. Trotz Mission und hehren Absichten, ein demokratisches Währungssystem schaffen zu wollen, sucht er auch den Profit.

Würde das System nach seinen Vorstellungen abheben, wären reichlich Mittel dafür vorhanden. Denn ein Fünftel der realen Einkünfte müssten nicht hinterlegt, sondern könnten als Betriebsaufwand verbucht werden.

Die andere Judas-Geschichte

Mit Roberty hat Anderegg einen Anwalt zur Seite, der weiss wie der Weltgeschichte ein neuer Dreh verliehen werden kann. Vor gut zehn Jahren gehörte er zu den Entdeckern des sogenannten Judas-Evangeliums. In dieser apokryphen Schrift ist Judas nicht als Verräter dargestellt. Vielmehr habe Jesus ihn um den Verrat gebeten, um seiner Aufgabe als Messias vollkommen entsprechen zu können.

Die christliche Glaubenslehre wurde mit dem Judas-Envangelium nicht umgeschrieben. Dass E-Coins die globale Währungslehre umschreiben wird, ist kaum wahrscheinlicher.