Basler Geschichte(n)

Die verlorene Kindheit im spätkeltischen Basel

Sterbliche Überreste informieren Archäologen am Konkretesten über die Lebensbedingungen in früheren Zeiten.

Sterbliche Überreste informieren Archäologen am Konkretesten über die Lebensbedingungen in früheren Zeiten.

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 12 – Spurensuche nach der gesellschaftlichen Mehrheit.

In urgeschichtlichen Gesellschaften bildeten sie eine Mehrheit: Kinder und Jugendliche. In der Archäologie wurde diese Tatsache allerdings lange ignoriert. Die Frage, wie Kinder und Jugendliche lebten, wird erst seit Kurzem gestellt. Sie zu beantworten, ist allerdings schwieriger als gedacht.

Die scheinbare Unsichtbarkeit

Am linken Rheinufer, auf dem Areal der ehemaligen Gasfabrik, entwickelte sich spätestens ab 150 bis um 80 v. Chr. eine grosse, stadtartige Siedlung. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1911 wird sie archäologisch untersucht, sodass heute unzählige Bodenstrukturen und Hunderttausende von Funden bekannt sind. Doch was sagen diese Quellen über das Leben von Kindern aus?

Sucht man nach dem, was wir in der heutigen materiellen Kultur mit Kindern verbinden – etwa Babyfläschchen, Spielzeug, Kinderkleidung, Kinderzimmer, Spielplätze oder Schulen – ist die Ausbeute ernüchternd. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Fingerringe in Kindergrösse. Die wenigen kleinen Keramikgefässe, die als «Kindergeschirr» in Betracht kommen, könnten aber auch andere Funktionen gehabt haben, und Kinderkleidung ist nicht erhalten.

Die scheinbare Unsichtbarkeit von Kindern in urgeschichtlichen Siedlungen ist ein gängiges Phänomen. Es beruht vor allem auf einem falschen Suchmuster, das auf heutigen Vorstellungen von Kindheit beruht. Das Aufwachsen von Kindern gestaltete sich in der Urgeschichte offensichtlich sehr anders als heute. Wie es gewesen sein könnte, zeigen Forschungen zu historischen und aussereuropäischen Gesellschaften. Vor ihrem Hintergrund ist auch für die Urgeschichte anzunehmen, dass bereits kleine Kinder sich ihrem Alter entsprechend und häufig spielerisch an den Alltagstätigkeiten beteiligten: «Kinderzimmer», «Spielplatz» und «Schule» war folglich der «Arbeitsplatz» der Älteren. Auf diese Weise dürften die Kinder schon früh in Aufgaben und Verantwortlichkeiten hineingewachsen sein. Deshalb leistete man in der Urgeschichte wahrscheinlich wesentlich früher einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung der anstehenden Arbeiten und war deutlich früher «erwachsen» als heute.

Die Produkte dieser Arbeit sind im archäologischen Fundgut enthalten – wir müssen nur lernen, sie zu erkennen.

Hohe Sterblichkeit unter 14-Jährigen

Einen unmittelbaren Zugang zu Kindern stellen hingegen ihre sterblichen Überreste dar. Vom Areal Basel-Gasfabrik sind zahlreiche Bestattungen bekannt. Sie stammen von zwei Friedhöfen, wo Kinder in gleicher Weise wie Erwachsene beerdigt wurden. Weitere Bestattungen, darunter auch Föten und Neugeborene, wurden im Siedlungsareal entdeckt. Für die Kinder sind – wie auch für die Erwachsenen – vielfältige Bestattungsweisen belegt.

Paradoxerweise sind es ausgerechnet die sterblichen Überreste, die am konkretesten über die Lebensbedingungen informieren. Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen. So hat die anthropologische Untersuchung der Skelettreste gezeigt, dass die Sterblichkeit der unter 14-Jährigen bei etwa 60 Prozent lag. Kinder bis zum vierten Lebensjahr waren besonders gefährdet. Diese hohe Sterblichkeit dürfte in erster Linie auf Infektionskrankheiten und das damalige Fehlen von geeigneter Kindernahrung zurückzuführen sein. Für Letzteres sprechen auch die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen, die ergaben, dass Kinder im Alter zwischen anderthalb und vier Jahren abgestillt wurden.

Während die Ergebnisse zu Kindersterblichkeit und Abstillalter im bekannten Rahmen liegen, war der Nachweis, dass viele der Bestatteten in ihrer Kindheit einen Ortswechsel vollzogen haben, eine grosse Überraschung. Das könnte bedeuten, dass Kinder mit ihren Angehörigen aus der Umgebung in die sich zu einem regionalen Zentrum entwickelnde Siedlung gezogen sind. Sie könnten aber auch selbstständig unterwegs gewesen sein, beispielsweise um Vieh zu hüten. Für die spätkeltische Zeit ist ausserdem in Betracht zu ziehen, dass Kinder als Sklaven, Geiseln oder, um etwas Spezielles zu lernen, den Ort gewechselt haben. Auch Kindspflegschaften kämen infrage – ein Phänomen, das aus vielen Gesellschaften bekannt ist und neuerdings auch in den Fokus der archäologischen Forschung gelangt.

Die neuen Ergebnisse zu Basel-Gasfabrik werfen ein völlig neues Licht auf Kindheiten in spätkeltischer Zeit. Zugleich machen sie bewusst, dass die Kinder als gesellschaftliche Mehrheit in die Rekonstruktion historischer Entwicklungen einbezogen werden müssen.

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