Architektur

Die vielen Formen der Reformen

Wurde 1874 als zweites Basler Schulhaus fertiggestellt: Das neoklassizistische Claraschulhaus, wo sich heute die Schule für Brückenangebote befindet.

Wurde 1874 als zweites Basler Schulhaus fertiggestellt: Das neoklassizistische Claraschulhaus, wo sich heute die Schule für Brückenangebote befindet.

Wie haben sich Basels Schulhäuser im Laufe der Jahre verändert? Der Basler Architekt Ernst Spycher hat ein umfassendes Buch dazu geschrieben.

Ein Gebäude ist immer auch Zeichen seiner Zeit. Das gilt nicht nur für jene historischen Bauten, denen man auf Führungen und in Geschichtsbüchern begegnet, wie Kirchen oder Museen. Auch die unbekannteren Exemplare unserer gebauten Umwelt sagen etwas über die Zeit aus, in der sie entstanden.

Der Basler Architekt Ernst Spycher hat sich über mehrere Jahre hinweg einem Gebäudetypus gewidmet, der in diese Kategorie des übersehenen, doch vielsagenden Bauwerks gehört: Schulhäuser. In «Bauten für die Bildung» versammelt er Basler Schulbaugeschichte. Das ist eine Heidenarbeit und entsprechend massiv kommt das Buch daher: 451 Seiten über Baukultur und -geschichte, plus drei bunte Beilagenblätter mit Grafiken aller besprochenen Schulhäuser. Der Anspruch Spychers war hoch und «Bauten für die Bildung» wird ihm gerecht: Inhaltlich erfüllt die Publikation alle Anforderungen eines Standardwerks.

Ein Streifzug durch Zeit und Raum

Trotz seiner Professionalität ist das Buch kein Fachwälzer geworden. Spycher erzählt in schnörkellosen, kurzweiligen Sätzen von der Entwicklung der Basler Schulhäuser und setzt sie in Relation zur Baukultur der jeweiligen Zeit. Die Leitfrage Spychers lautet dabei: «Wie beeinflussen Reformen Formen?»

Den Anfang setzt er 1874. Da kommt die erste Reform zum Zug: Die revidierte Bundesverfassung verpflichtet die Kantone dazu, eine Volksschule einzurichten, die für Kinder obligatorisch und kostenlos ist. Der Bau von Schulhäusern wird zu einer Aufgabe des Staates, was für Städte ein besonders intensives Unterfangen darstellt: Die Industrialisierung treibt die Menschen vom Land in die Stadt, allein der Kanton Basel-Stadt erlebt zwischen 1850 und 1900 einen Bevölkerungsanstieg von über 400 Prozent.

Eine Entwicklung, auf die die Stadt mit Heinrich Reese reagiert. Der Kantonsbaumeister setzt eine Baukultur in Gang, die mit repräsentativen Schulhausbauten die Wertschätzung des Bildungswesens in der wachsenden Stadt beweisen will. Das Resultat: Gediegene und am Schlossbau orientierte Schulhäuser wie das Steinenschulhaus (das 1969 abgebrochen wird, zugunsten des neuen Stadttheaters) und das Claraschulhaus.

Danach, in den Tumulten des frühen 20. Jahrhunderts, wird weniger gebaut. Dafür achtet man auf die Stadtentwicklung: Die Schulhäuser stehen nicht mehr prunkvoll für sich selbst, sondern sind wie das Isaak Iselin-Schulhaus in mehrere Trakte gegliedert. Sie werden Teil der um sie herum entstehenden Quartiere. In den folgenden Jahren gibt es immer mehr gemischte Schulklassen, Eingänge werden für beide Geschlechter zusammengeführt. Die Klassen werden kleiner, es gibt mehr Schulfächer und braucht mehr Klassenzimmer. Das alles verläuft noch relativ klassisch, man baut im sogenannten «Heimatstil», traditionell und unaufgeregt.

Ab 1932 werden die Schulhäuser kleiner und haben nur noch ein oder zwei Geschosse. Die Klassenzimmer bekommen mehr Fenster und haben eine Möblierung, die sich herumschieben lässt, keine starren, frontal ausgerichteten Holzbänke mehr. In den 1950er Jahren wird die Geschlechtertrennung in den Primarschulen endgültig aufgehoben.

Der Kantonsbaumeister setzt ausserdem vermehrt auf Architekturwettbewerbe, was zwei Meilensteine in der Schulhausarchitektur ermöglicht: Das Wasgenringschulhaus von Bruno und Fritz Haller und das heutige Brunnmatt-Schulhaus. Flachdächer, Sichtbeton, helle Trakte und grossflächige Fensterelemente lösen die traditionellen Bauten ab, man orientiert sich an Namen wie Mies van der Rohe.

Bürger reden mit

Ende der 1960er-Jahre haben zum ersten Mal auch Nicht-Architekten ein Mitspracherecht: Das Gymnasium Bäumlihof ist der erste Schulhausbau, bei dem Pädagogen in den Planungsprozess eingebunden sind. Die Klassenzimmer werden heller, es gibt mehr Gruppen- und Bastelräume. Ein weiteres Augenmerk gilt in den nächsten Jahren den Turnhallen: Volta- und Vogesen-Schulhaus haben beide grosse Turnhallen im Untergeschoss und gelten heute als wichtige Bauwerke der Schweizerischen Architekturgeschichte.

Um die Jahrhundertwende werden trotz sinkender Schülerzahl sieben Schulhäuser neu gebaut, fünf erweitert und drei in vorhandenen Gebäuden eingerichtet. Das sei umstritten, sagt Spycher, zumal 2009 eine neue Reform in Kraft getreten ist, die Stufen wieder neu strukturiert, was wiederum ein Umdenken im Schulhausbau mit sich bringen wird: Das HarmoS-Konkordat.

Eine Reform, die nur mit Mühen in den bereits bestehenden Schulhäusern durchgesetzt werden kann: Um die vom Erziehungsdepartement vorgelegten Raumstandards zu erfüllen, müssen Klassen verkleinert und Räume vergrössert werden.

Das klingt mühsam, wer Spychers Ausführungen gelesen hat, weiss jedoch: In jeder Reform stecken neue Möglichkeiten. Das gilt auch für die Zukunft von Basels Schulhäusern: Der Aussenbereich und Bezug zur Natur wird wieder zum Thema, die Wichtigkeit von Biblio- und Mediatheken und das Mitspracherecht von Pädagogen, Nutzern und Anwohnern. So zumindest prophezeit es Ernst Spycher.

 

Bauten für die Bildung Basler Schulhausbauten von 1845 bis 2015 im schweizerischen und internationalen Kontext Von Ernst Spycher, 2018. 451 Seiten, Schwabe Verlag.

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