Kunstmuseum Basel
Die visionäre Sammlerin Louise Bachofen-Burckhardt

100 Jahre nach ihrem Tod kommt sie endlich zu Ehren: die Basler Kunstsammlerin Louise Bachofen-Burckhardt. Gut 100 Jahre nach ihrem Tod kommt die öffentlichkeitsscheue Frau nun doch noch ins Rampenlicht.

Mathias Balzer
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Bachofen

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Zur Verfügung gestellt
Tizian (?) zugeschrieben. «Bildnis des Pietro Aretino». (zvg)

Tizian (?) zugeschrieben. «Bildnis des Pietro Aretino». (zvg)

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Am Ende ihres Lebens stand eine kurze Nachricht. Die «Basler Nachrichten» brachten zum Tod von Louise Bachofen Burckhardt bloss eine kurze Meldung: Am Samstag, 21. Februar 1920 sei die Gattin des bereits 1887 verstorbenen berühmten Rechtshistorikers und Verfassers des «Mutterrechts» J.J. Bachofen verstorben.

Warum die Meldung zum Tod der bedeutenden Kunstmäzenin so kurz ausfiel, steht da ebenfalls: «Als feinsinnige Kunstsammlerin, die ihren prächtigen Gemäldebesitz in dankenswerter Weise der hiesigen Kunstsammlung vermachte, hätte sie gewiss Anspruch auf ausführlichere Nachrufe in öffentlichen Blättern. Da sie sich aber alle Nekrologe in ihrem letzten Willen ausdrücklich verbeten hat, muss die hiesige Presse darauf verzichten.»

Gut 100 Jahre nach ihrem Tod kommt die öffentlichkeitsscheue Frau nun doch noch ins Rampenlicht. Das Kunstmuseum Basel nimmt ihren Todestag zum Anlass, grosse Teile ihrer Sammlung zu zeigen. Die Mäzenin hatte die 303 Gemälde 1904 in eine Stiftung überführt, notabene nach ihrem Mann benannt. Vorerst beliess sie die Bilder jedoch an ihrem Wohnsitz, dem Bachofen-Haus am Münsterplatz. Erst das 1934 erbaute Kunstmuseum bot dafür Platz.

2015 war die Johann Jakob Bachofen-Burckhardt Stiftung pleite, oder besser gesagt nicht mehr liquide, denn das Vermögen steckte ja in den Gemälden. Um sich selbst liquidieren zu können schenkte die Stiftung die gesamte Sammlung der Stadt Basel. Der damit verbundenen Auflage, das Legat mit einer Ausstellung zu würdigen, kommt das Kunstmuseum nun nach. Die Gemälde sind seit 100 Jahren als gewichtiger Teil der Basler Sammlung sichtbar, die Geschichte ihrer Sammlerin wird es erst jetzt.

Tizian (?) zugeschrieben

Unter den Meisterwerken der Sammlung von Louise Bachofen-Burckhardt ist auch dieses Porträt von Pietro Aretino in der laufenden Ausstellung zu sehen. Die Sammlerin hatte das Bild in der Annahme gekauft, dass es aus der Hand des italienischen Renaissance-Malers Sebastiano del Piombo stamme. An dieser These bestanden schon länger Zweifel. Fachleute rechneten es mindestens der Schule des venezianischen Meisters Tizian zu. Im September veröffentlichte der Tizian-Kenner und Kurator der Frick Collection in New York, Xavier S. Salomon, in der Kunstzeitschrift «Apollo» einen Artikel, in dem er das Bild klar Tizian zuschreibt.

«Die Verteilung von Licht und Schatten, die Konstruktion der Augen und Lippen sind konsistent mit Tizians Werk der 1520er-Jahre», schreibt der renommierte Experte.
Bodo Brinkmann, Konservator am Basler Kunstmuseum und Kurator der Ausstellung «Bilderlust», gibt sich ob der Expertise sehr zurückhaltend. «Wir sehen zwar die Argumente, aber ich bin da vorsichtig. Es könnte gut sein, dass die Herkunft des Bildes nie restlich geklärt wird.» Das habe vor allem damit zu tun, dass es in schlechtem Zustand und auf allen Seiten beschnitten sei.

Dies wiederum führt auf die Spur Tizians. Der Maler erwähnt ein Porträt von Pietro Aretino in einem Brief an den Herzog von Mantua. Er schreibt darin aber, dass der mit ihm befreundete Dichter darauf einen Lorbeerkranz in den Händen hält.
Laut Brinkmann könnte es gut sein, dass genau dieser Teil weggeschnitten wurde. Bis das aber bewiesen ist, steht auf dem Schild neben dem Bild weiterhin: Tizian (?) zugeschrieben.

Erst spät aus dem Schatten des Gatten getreten

Das Schicksal meint es vorerst gut mit Louise. Sie wird 1845 in die seidenen Kissen des Basler Daig geboren. Die Familie ihres Vaters Gustav Burckhardt hat mit Bändern aus eben diesem feinen Stoff ein Vermögen erwirtschaftet. Neben dem Kapital ist auch die Religion in diesem Haushalt prominent vertreten. Die Mutter Louise Wick ist eine Pfarrerstochter.

Die nach ihr benannte Tochter ist sehr musikalisch. Aus dem Familiensitz am Ackermannshof tönt Klavier und Gesang. Aber bald bestimmen sehr tragische Ereignisse Louises Kindheit. Der Vater leidet an Depressionen. 1948 erschiesst er sich in seinem Büro. Wenige Wochen später stirbt ihr jüngster Bruder und fünf Jahre später die Mutter. Louise wird mit 25 Jahren verheiratet. Ihr Mann, besagter Johann Jakob Bachofen ist 30 Jahre älter.

Die Eheleute haben das Heu nicht unbedingt auf derselben Bühne. Der Antikenforscher sammelt Schriften und Öllampen und reitet zur Jagd. Musik und Kunst sind definitiv nicht seine Steckenpferde. Derweilen musiziert seine Frau mit Gästen wie Friedrich Nietzsche, geht ins Konzert und in die Kunsthalle.

Und so entwickelt Louise ihre wahre Leidenschaft erst nachdem Tod ihres Mannes. Mithilfe von Fachleuten wie dem Berliner Kunsthistoriker Wilhelm Bode verfolgt sie als Sammlerin klare Ziele. Basel sollte zur bedeutenden Kunststadt in Europa werden.

303 Gemälde vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert trägt sie mit umsichtiger Hand zusammen. Es sind, wie Bodo Brinkmann, der Kurator der Ausstellung, sagt, nicht die ganz grossen Meister wie Rubens oder Leonardo. Aber doch klingende Namen wie Lucas Cranach, Jan Breughel d. Ä. oder Hans Memling.

Wie der Kunsthandel um 1900 funktionierte, wie die Basler Oberschicht damals lebte und wie bereits damals Museumspläne die Basler umtrieben, beschreibt Bodo Vischer im Katalog zur Ausstellung. Es ist die erste Biografie, die äusserst detailreich recherchiert, Louise Bachofen würdigt.

Ein Füllhorn an toller Malerei

Als Hommage an die Sammlerin präsentiert die Ausstellung im ersten Raum die Gemälde in einer imposanten St. Peterburger Hängung, so, wie sie wohl auch im Haus der Stifterin zu sehen war. Bedeutende Gemälde wie der «Marientod» eines schwäbischen Meisters hängen gleichberechtigt neben weniger bedeutenden Bildern, was die ungeheure Spannweite der Sammlung schön zeigt.

Dass auch Sammlerinnen mal daneben greifen wird in einem Raum mit Fälschungen thematisiert. Die darauf folgende Auswahl von dreissig Meisterwerken unterstreicht die grosse Bedeutung des Legats. Darunter etwa Hans Memlings «Büssender hl. Hieronymus», das «Musizierende Paar» von Jan Massys oder das «Bildnis des Pietro Aretino», das Tizian zugeschrieben wird.

Neben diesem Füllhorn an toller Malerei verlockt die Ausstellung noch zu mehr: Rund vierzig Werke aus der Bachofen-Sammlung sind weiterhin bei den alten Meistern im Obergeschoss platziert, mit einem Sticker markiert. Das führt die Besucher ins Herz des Basler Kunstmuseums. Wie es da wimmelt von Heiligen, Märtyrern, brutalen Hinrichtungen, blutenden Wunden, Engeln und Apokalypsen, himmlische Speisungen oder mordenden und heiligen Frauen – das ist wahre Bilderlust!