Nächste Woche ist für die Basler Weiterbildungsschule (WBS) Schluss. Für eine Schule hatte sie eine kurze Lebensdauer von 20 Jahren. Rückblickend muss man dennoch von einer beachtlichen Leistung sprechen. Viele hätten nach dem chaotischen Start darauf gewettet, dass die WBS ziemlich schnell wieder abgeschafft wird.

Als «grauenhaft» sind Germaine Laschinger die ersten Monate in Erinnerung geblieben. Die damalige Schulleiterin der WBS Bäumlihof stiess am ersten Schultag im August 1997 auf ein völlig unbeholfenes Lehrerkollegium. Weil sich in der Schweiz kaum Lehrer gefunden hatten, die in der WBS unterrichten wollten, musste die unpopuläre Schule auf Leute aus Deutschland zurückgreifen.

Einige von ihnen stellten klar, dass die WBS nur eine Übergangslösung für sie bedeute und hatten verwegene Ansprüche. Im jüngsten «Schulblatt» erinnert sich Laschinger an Pensenwünsche wie «Ich unterrichte besser, wenn ich wach bin, also Unterricht bitte erst ab 8.35 Uhr.» Oder: «Obwohl es mir in Basel unheimlich gut gefällt, habe ich immer noch das Reissen nach meiner Heimat. Damit es sich lohnt, möchte ich am Samstag frei haben.»

Noch in den letzten Lehrerkonferenzen vor dem Start seien Lehrer hereingetröpfelt, die «weder von der WBS noch von der Schweiz» eine Ahnung gehabt hätten. Als Laschinger einen neuen Kollegen anwies, sich die Schulunterlagen «neben dem Lavabo» zu nehmen, habe sie dieser verständnislos angeschaut. Die Kollegen eilten ihr zu Hilfe und übersetzten auf Hochdeutsch: «Sie meint das Spülbecken.»

Schon bald eine Verliererschule

Nicht besser war der Ruf der WBS bei den Schülern und vor allem bei den Eltern. Mit der Basler Schulreform der 90er-Jahre hatte Basel den Weg in die Eigenständigkeit gesucht. Fortan sollten statt einer Niveau-Unterteilung gleich nach der Primarschule die dreijährige gemischte Orientierungsschule (OS) darüber entscheiden, ob die Kinder ans Gymnasium oder eben an die neu gegründete WBS befördert würden. Diese strebte mit dem Slogan «Der Königsweg zum Beruf» nach Anerkennung.

Stattdessen wurde sie schon bald zur Verliererschule. Ausgerechnet im Kanton, der mit der Einführung der niveauübergreifenden Orientierungsschule die soziale Durchmischung fördern wollte, waren die Pausenplätze fortan geprägt von einer imaginären Trennungslinie. Hans Georg Signer, 1997 Rektor am Gymnasium Leonhard, wurde Zeuge eines «unfairen Wettbewerbs» zwischen Gymnasium und WBS.

«Das Gymnasium hatte ein klares Profil. Man wusste, wofür die Schule stand und dass man am Schluss eine Matur hatte.» Die WBS sei «die grosse Unbekannte» gewesen – allein unter dem Namen habe sich kaum jemand etwas vorstellen können. Berührungspunkte zwischen den WBSlern und den Gymnasiasten gab es kaum. Auch das Bestreben, diese Vorbehalte mit institutionalisierten Treffen zu mindern, scheiterte.

Die Gymnasiasten verirrten sich dann in die Aufenthaltsbereiche der WBSler, wenn diese sich auf dem Pausenhof Schlägereien lieferten. Die gymnasiale Arroganz schwappte auch in die Lehrerzimmer über. Das WBS-Gebäude – etwa am Bäumlihof – wurde sogar von einigen Lehrern als «Affenkasten» bezeichnet. Immerhin: Unter den WBS-Lehrern sei die Stimmung nicht schlecht gewesen, sagt Laschinger. «Wir lasen jeden Tag in der Zeitung, wie schlecht unsere Schule war. Dadurch sind wir richtig zusammengerückt.»

Durchmischung gescheitert

Die WBS ging anfangs durch die Hände vieler Bildungsdirektoren. Hansruedi Striebel (FDP) musste die Schule eher widerwillig aufgleisen (siehe Interview rechts). Stefan Cornaz (FDP) musste sich für den Fehlstart 1997 verantworten. Und Veronica Schaller (SP) sah sich zu tiefgreifenden Reformen veranlasst. Im Jahr 2000 initiierte sie Aktionsprogramme.

Leistungsstarke Schüler sollten besser gefördert und Standortbestimmungen sowie Schlussprüfungen nach den zwei Jahren WBS eingeführt werden. 2004 wurden die Leistungszüge eingeführt. Fortan waren die E- und A-Züge getrennt. Ein weiteres Eingeständnis, dass die angestrebte Durchmischung gescheitert war.

Die Idee der Schulreform war gewesen, dass sich der Stundenplan in der WBS an der Leistung der einzelnen Schüler richtete. In Mathe etwa sollten sie das höhere Niveau besuchen können und in Französisch das tiefere. Dadurch waren alleine in der Organisation Glanzleistungen gefragt, erinnert sich Laschinger.

Demütige Abschiedsparty

Doch die Imagepflege nützte nichts, auch wenn die Qualität der WBS merklich verbessert werden konnte. Wann immer die Eltern die Möglichkeit sahen, ihre Kinder an die Orientierungsschule zu schicken, nahmen sie diese wahr.

Stefan Bühler, der seit dem ersten Schultag 1997 in der WBS de Wette tätig ist und die Schule seit 14 Jahre leitet, sagt, das Bild der «Restschule» habe bis zuletzt Bestand gehabt. «Wir waren stets Juniorpartner des Gymnasiums.» Die Hoffnung, die jungen Menschen perfekt auf das Berufsleben vorzubereiten, habe sich zerschlagen. Bis heute würden lediglich rund 20 Prozent eine direkte Anschlusslösung im Stellenmarkt – etwa in einem Lehrlingsbetrieb – finden, sagt Bühler.

Die anderen würden in eine der zahlreichen schulischen Brückenangebote eingegliedert. Als das Basler Parlament 2010 entschied, dem Harmos-Konkordat beizutreten, war das Schicksal der WBS besiegelt. Heute, sieben Jahre später, stehen die letzten WBS-Schüler vor ihren letzten Abschlussprüfungen. Nach den Sommerferien werden wieder sämtliche Basler Primarschulabgänger unter einem Dach unterrichtet – in den drei Leistungszügen P, E und A.

Wenn Bühler am Freitag zum letzten Mal als WBS-Schulleiter den Schlüssel umdreht, wird keine Wehmut aufkommen. «Die hab ich schon hinter mir», sagt er. Stattdessen werde er eine innere Genugtuung verspüren, dass an seiner Schule trotz allem gute Arbeit geleistet wurde in den vergangenen 20 Jahren. Manche Erkenntnisse und Methoden seien in die neue Sek übernommen worden.

Doch als richtiger WBSler hat Bühler Demut gelernt. Vielleicht ist auch das Schlussfest sinnbildlich für das Selbstverständnis der WBS, dieses vielleicht grösste Missverständnis der Basler Schulgeschichte. Vergangene Woche hielten aktuelle und frühere Lehrer die Abschiedsparty im Rahmen eines «gemütlichen Zusammenseins» ab.

Bei der OS hingegen wurde ein rauschendes Fest gefeiert. Den «erfolglosen Konkurrenzkampf», so die frühere Rektorin Laschinger im «Schulblatt», habe man längst aufgegeben.