Ramon Gysin sieht den Mitstreitern geduldig zu, wie sie eine riesige, rote Hantel vor den Augen einer kleinen Jury erst auf die Schulter und dann über den Kopf heben. Wer das in der vorgegebenen Zeit öfter schafft, gewinnt die Runde. Die Gesichter der kräftigen Männer und Frauen röten sich, Adern treten hervor und den finalen Stoss begleitet ein Schnauben. Es ist zu befürchten, dass die Köpfe platzen könnten.

Gysin, 34, ist gleichzeitig Mitorganisator und Teilnehmer des ersten Strongman-Wettkampfes der Saison. «Strongman», damit sind auch starke Frauen gemeint, kennen die meisten aus dem Fernsehen: Es ist jene Sportart, bei welcher Lastwagen gezogen, Traktorreifen gewuchtet und Baumstämme getragen werden. Rohe Muskelkraft bewegt Gewichte, die so schwer sind, dass kein normaler Mensch sie als Sportgeräte verstehen würde. Die rote Hantel, die einhändig in die Luft gewuchtet werden muss, wiegt 70 Kilogramm. Es sieht gut aus: Gysin liegt, wie so oft, vorne.

Seit 20 Jahren trainiert er mit Hanteln, Strongman macht er seit 2010. Er ist sechsfacher Schweizer Meister in verschiedenen Disziplinen, wurde einmal Weltmeister im Amateurverband und war bei den legendären «Arnold Classics» dabei. Erst vor wenigen Wochen gewann er die Schweizer Meisterschaft im Powerlifting und den Titel im Kampf der Königdisziplinen Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben über sämtliche Gewichtsklassen. Die anderen Teilnehmer wissen: Ist Gysin in Form, geht es für sie nur noch um den zweiten Platz.

Hantelbank statt Schulbank

Gysin lernte mit 15 im Kraftraum des Gymnasium Münchenstein das Hantelstemmen lieben. Zwei seiner Sportlehrer waren Kraftsportler. Der Münchensteiner trainierte mit ihnen, liess sich die Übungen zeigen, und hörte nicht mehr auf. Es gibt aber noch einen einfacheren Grund: «Ich fand die American Gladiators und diese Hercules-Filme immer cool! Damals dachte ich schon: Ich will stark sein.» Bodybuilding sagt ihm hingegen nichts: «Ein Ferrari ist zwar ein schickes Auto, aber es ist nicht nützlich». Kraftsport sei da ganz anders, es gehe um generelle Fitness, um einen widerstandsfähigen Körper und Geist. Also eher das Modell Land Rover.

Gysin mag die Abwechslung, welche die Strongman-Wettkämpfe bieten. Er sieht sich als Generalist und gleichzeitig als «Wettkampftyp», ideal für diese Disziplin, wo er auf Knopfdruck in sehr unterschiedlichen Übungen Höchstleistungen vollbringen muss.

Klar, beim Strongman geht es zuerst um eine einzige, sehr ursprüngliche Frage: Den Stärksten zu finden. Aber eigentlich gehe es darum, dass in unserer Gesellschaft die Bewegung fehlt. Deswegen gründete er nicht nur einen Verband, sondern 2009 auch sein Trainingszentrum «CrossFit Basel» im Dreispitz, welches zu einem fixen Punkt in der Szene geworden ist und wo regelmässig Wettkämpfe stattfinden. Darauf ist er stolz: «Das ist ein wenig meine Lebensmission, diesen Kraftsportarten wieder ein wenig Leben einzuhauchen.»

Gysin bildet europaweit Trainer aus und bietet Workshops im korrekten Hantelstemmen an. Er züchtet im Grunde seine eigene Konkurrenz: Die meisten Crossfitter in der Stadt waren oder sind seine Kunden. Oder sie finden bei ihm ihren verlorenen Sport wieder: «Letzte Woche kam einer zu mir, der ist über 60. Er war früher, in den 70er, 80er Jahren einer der besten Gewichtheber und Kraftdreikämpfer in Basel.

Mitte der Nullerjahre wäre der Sport hierzulande fast ausgestorben. War Hanteltraining einmal populär, wurde es über Jahrzehnte von den Wellnesstempeln verdrängt. Der archaische Sport hatte keinen Platz mehr in der Spa-Kultur. Inzwischen erlebt der Kraftsport eine Wiedergeburt, die natürliche Bewegung statt der starren Maschinen wird gesucht. Gysins Gym zählt über 600 Abonnenten, an den Wettkämpfen sieht man immer mehr Neuzugänger.

Ist das noch normal?

Nach zwei Jahrzehnten Training kann Gysin die Form auch halten, ohne Tag und Nacht zu stemmen, verbessert eher seine Technik, statt noch mehr Kraft zu packen. Gysin warf schon den berühmten Unspunnenstein, mit 83 Kilo eigentlich ein Leichtgewicht für ihn. Doch der Brocken ist so unhandlich, dass eine gute Technik nötig sei. 10 bis 15 Stunden Training pro Woche müssen aber sein.

Über das Bild, das sein Sport im Fernsehen vermittelt, macht er sich keine Illusionen: «Strongman ist ein Zirkus und wird deswegen nie den Weg an eine Olympiade finden.» Er wolle probieren, den Sport wegzubringen von diesem Image: Es gehe um «funktionale Bewegungen», darum, dass eine Stunde maximale Anstrengung einfach wirksamer sei, als drei Stunden im Fitnesscenter Hörbücher hören.

Doch nach grossen Wettkämpfen hat auch er manchmal seine Zweifel. «Ich denke dann, dass das vielleicht doch nicht normal ist, dass man so viel Gewichte hebt.» Es gab Zeiten, wo er den Sinn seines Hobbys hinterfragt habe: «Wem muss ich was beweisen, dass ich das immer wieder mache? Und warum kann ich nicht einfach ein Wochenende chillen?» Die Antwort ist ganz einfach: «Ich kann einfach nicht stillsitzen. Ich habe das mittlerweile akzeptiert.» Gysin gewinnt an diesem Samstag zwar nicht alle Einzelkämpfe, liegt aber in der Gesamtwertung vorne. Nur in einer Disziplin würde der Inhaber des CrossFit Basel nicht gewinnen: Für Crossfit fehle ihm die Kondition.