Klimakatastrophen, Super-GAU, Viren-Pandemie oder jüngstes Gericht: Apokalyptische Szenarien haben die abendländische Kultur von der biblischen Johannes-Offenbarung über die an den beiden Weltkriegen zerbrochene Hoffnung auf ewigen Fortschritt bis hin zu den mit Spezialeffekten prachtvoll inszenierten Blockbustern der letzten Jahre massgeblich geprägt. Angesichts von Klimawandel und Finanzkrisen erscheinen Apokalypsen nicht mehr als Mythen, sondern als realpolitische Herausforderung.

Auch für die Universität Basel ist die bedrohliche Zukunft von interdisziplinärem Interesse: Von Mittwoch bis Freitag findet, organisiert vom Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik, die öffentliche Tagung «Das Spiel ist aus? Verantwortung und Freiheit angesichts apokalyptischer Zukunftsszenarien» statt – ein Blick ins Ungewisse.

Apocalypse now

Das Thema in seiner brennenden Aktualität darstellen wird in ihrem Abendvortrag «Imagine that which we know: Funktionen des Apokalyptischen in der Moderne» heute Mittwoch Abend die Kulturwissenschafterin Eva Horn. In ihrem Buch «Zukunft als Katastrophe» setzt sie sich mit Narrativen auseinander, die das menschliche Denken seit Jahrhunderten prägen. «Spätestens seit dem 18.  Jahrhundert herrscht die Vorstellung, dass die Zukunft in unseren Händen liegt. Das bedeutet aber auch eine permanente Sorge für die Zukunft», erklärt sie.

Was einst die Domäne antiker Schicksalsgöttinnen oder eines allmächtigen Gottes war, wurde zur rationalen Frage nach dem Umgang des Menschen mit seiner Umwelt. Erstmals deutlich wurde diese moderne Art der Problembewältigung nach der realen Katastrophe des Erdbebens von Lissabon 1755: Während ein grosser Teil der Bevölkerung dem Tod Tausender noch mit dem Anklagen eines untätigen Gottes begegnete, setzte sich bei den neuzeitlichen Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau das Bewusstsein durch, dass es am Menschen selbst gelegen hätte, dieses Grauen durch eine sichere Bauweise zu verhindern.

Diese Vorstellung ist heute im allgemeinen Bewusstsein verankert: Der Klimawandel, der für Apokalyptiker – sei es in der Literatur, der Philosophie, den Medien oder der Filmmaschinerie Hollywoods – zu einem der beliebtesten Szenarien des drohenden Weltuntergangs gehört, wird heute massgeblich auf menschliches Verschulden zurückgeführt. Daraus resultiert nicht nur schuldbewusste Handlungsohnmacht: Naturdesaster können zwar nicht verhindert werden, wohl aber präventiv eingedämmt. Ist dies die Wurzel eines neuen Allmachtstrebens oder Sicherheitswahns, durch den der Mensch auch die Zukunft sich verfügbar machen will?

Brisanter Blick ins Ungewisse

Möglich. Aber: Die epidemisch gewordene Angst vor der Zukunft dürfte damit zu tun haben, dass heute kaum mehr klar ist, an welcher Front wir zu kämpfen haben: «Auffallend an unserer Zeit ist die Vielfalt an Desaster-Szenarien. Wir glauben, die Welt geht unter, aber wir haben unendlich viele Vorstellungen, was genau geschehen könnte», meint Horn. Diese Vielzahl an Ängsten schlägt sich auch in der Universitätstagung nieder, die sich rechtlichen Grundlagen, religiösen Ansätzen, ökologischen Erkenntnissen und politischen Fragen der Zukunft widmet.

Besondere Brisanz könnte die von einem Vortrag des bekannten Nahostjournalisten Kurt Pelda eingeleitete Podiumsdiskussion zur Frage «Gibt es eine islamistische Bedrohung Europas?» am Donnerstagabend haben. Provokant ist auch die Frage, die Politikwissenschafter Manfred Brocker in seinem Vortrag stellt: «Gibt es eine Pflicht, die Menschheit zu erhalten?» Damit zielt er ins Zentrum der Problematik – das Selbstbewusstsein unserer Gesellschaft.

So beobachtet auch Eva Horn: «Bei allen Unterschieden des Szenarios und der Protagonisten ist den apokalyptischen Vorstellungen stets gemeinsam, dass eine Gemeinschaft plötzlich zur Überlebensgemeinschaft wird.» So ist die Frage nach möglichen Zukunftskonzepten vor allem eine ethische: Wie gehen wir verantwortlich um mit den Bedrohungen, die wir selbst zu verantworten haben?

Das Spiel ist aus? Mehr zu den Einzelveranstaltungen und Vorträgen der Tagungen finden Sie auf www.zrwp.ch.