Basel

Die wunderbare Rätselhaftigkeit des Seins

Fernando Birri spielt in Eliseo Subielas bei seinem Auftritt in Basel neustem Werk einen Regisseur im Irrenhaus.

Fernando Birri spielt in Eliseo Subielas bei seinem Auftritt in Basel neustem Werk einen Regisseur im Irrenhaus.

Der argentinische Filmemacher Eliseo Subiela lädt diesen Monat in Basel zum tagträumerischen Abheben ein. Seine Philosophie: «Der Zuschauer soll nach dem Film nicht mehr derselbe sein wie vor dem Film».

Ich träumte als Kind oft, dass ich fliege. So intensiv und realistisch, dass ich mich eines Tages auf mein Bett stellte und Arme schlagend abzuheben versuchte. Damals war ich etwa sechs, ich erinnere mich bis heute gut daran. Vielleicht liebe ich deshalb Eliseo Subielas Filme so sehr. Der argentinische Filmregisseur befreit uns von der Schwerkraft, der Rationalität und dem Grau der Alltagspflichten. Er gibt uns dafür Flügel, Träume und Poesie. Dazu viel menschliche Wärme und Mitgefühl.

«Der Zuschauer soll nach dem Film nicht mehr derselbe sein wie vor dem Film», sagte Eliseo Subiela in Basel. Er wünsche sich, etwas in dessen Bewusstsein auszulösen. Eigentlich gehe es ihm seit Jahrzehnten um dieselbe Handvoll Themen: «Das Leben, die Liebe, den Tod und die Frage: Wieso sind wir eigentlich hier?» Der Filmemacher war am Donnerstagabend zu Gast im Stadtkino Basel, seine Filme sind es bis Ende Monat noch (siehe Kasten).

88-Jähriger spielt Hauptrolle

Neben seinen Klassikern aus den 90er-Jahren, etwa «Pequenos Milagros» (Kleine Wunder), zeigt das Stadtkino schweizweit als erstes Subielas neustes Werk «Paisajes devorados» (Verworfene Landschaften). Er hat diesen Film mit jungen Menschen gedreht, die kürzlich seine Filmschule in Buenos Aires abgeschlossen haben. Der Film ist ein mehrfach reflektierender Spiegel: Drei Filmstudenten spüren darin einen einstigen Filmemacher auf, der sich in ein Irrenhaus verzogen hat. Sie wollen einen Dokfilm über ihn drehen.

Dieser irre Regisseur, Remoro Barroso, wird vom mittlerweile 88-jährigen, charismatischen Fernando Birri gespielt. Birri wiederum gilt als Vater des Neuen Lateinamerikanischen Kinos. Doch Birris Filmfigur könnte nicht nur sein eigenes, sondern auch ein Alter Ego Subielas sein.

Unter Mantel und Hut trägt Barroso ein gestreiftes Pyjama, in der Hand gern einen rosa Schleckstängel. Ein kindlich Verrückter, der die Wahrheit sagt, der Witz und Weisheit besitzt. Wie Shakespeares Narren. «Filme gewähren den Menschen einen Ausflug auf die andere Seite, aber ohne das Risiko», sagt er. Oder: «Pfeif auf den gesunden Menschenverstand.» Die «normalen Leute» seien gute Schauspieler; denn welcher Mensch sei schon nicht verwirrt? «Um zu werden, wer du willst, musst du vergessen, wer du jetzt bist», rät er einer Filmstudentin – und ermuntert sie, eigene Wege zu gehen, um ihre Filmideen realisieren zu können.

Gegen «lauwarmes Kino»

Auch Eliseo Subiela nimmt beim Gespräch mit Brigitte Siegrist, Medienbeauftragte beim Trigon-Verleih, und dem Stadtkino-Publikum kein Blatt vor den Mund. «Lauwarmes Kino» sei derzeit an den bekannten Festivals sehr en vogue, kritisiert er. Selten würde eine gute Komödie programmiert; oft würden langweilige Filme vorgezogen. Er liebe Andrej Tarkowskij zwar, aber er rate seinen Filmschülern, nicht als Erstes zu versuchen, seine Ästhetik zu kopieren. Sie sollten zuerst lernen, wie man Geschichten packend erzählt.

Der 69-jährige Meister des argentinischen Kinos bezeichnet sich als «fortgeschrittenen Filmschüler» und «einen Suchenden». Er sei «Gott sei Dank kein Intellektueller», er sei «ein Mann des Quartiers», sagt der studierte Philosoph und Literaturwissenschafter. Er sei aufgewachsen mit Zeitschriften, in denen zum Selberbasteln aufgefordert wurde. Sein ursprünglicher Berufswunsch war «Luftfahrt-Ingenieur».

Den neusten Film habe er mit Fotokameras gedreht. «Es gibt immer weniger Ausreden, kein Kino zu machen!» Das sei ein schönes Schlusswort, meinte Siegrist, doch der spanischsprachige Filmer wusste ein Besseres: «Trotz der Sprachbarriere haben wir Träume, Welten, Ansichten geteilt. Dank der wundervollen gemeinsamen Sprache, dem Kino.» Das allerallerletzte Wort an diesem Abend hatte aber Birri alias Barroso. Der Abspann war schon durch, ein grosses, weisses «FIN» tauchte auf – da kam der Alte noch mal auf die Bildfläche und sagte: «Fin? De qué?»

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