Starkes Theater

Die Zaubermischung hat uns im besten Sinne verrückt gemacht

«Unsere Geheimnisse» offenbarte auch das: Die hervorragenden Schauspieler der Truppe Béla Pintérs sind zugleich gute Musiker.

«Unsere Geheimnisse» offenbarte auch das: Die hervorragenden Schauspieler der Truppe Béla Pintérs sind zugleich gute Musiker.

Die diesjährige Ausgabe bezauberte mit einer guten Mischung aus Poesie, Witz, Relevanz und Schärfe - eine Analyse

Ein gut orchestriertes Feuerwerk beginnt stark, hält mit immer wieder neuen Elementen die Spannung aufrecht und trumpft am Ende nochmals mit allem auf, was es hat und kann. Wie ein solch perfektes Feuerwerk war das diesjährige Theaterfestival Basel.

Es begann am 27. August mit einem eigenwilligen, monumentalen Werk von Heiner Goebbels, der 40 Mädchen des slowenischen Chors Carmina Slovenica auf die Bühne brachte. Es ging weiter mit einer guten Mischung aus textlastigen, den Intellekt und die Konzentration fordernden Stücken einerseits sowie sinnlichen Tanzproduktionen anderseits. Es endete dieses Wochenende mit drei so starken wie gänzlich unterschiedlichen Positionen.

Da füllte am Freitag- und Samstagabend die weltberühmte Tänzerin Louise Lecavalier die grosse Reithalle mit einer körpertechnisch perfektionistischen, rasend-schnellen Tanzshow. Im intimen Kontrast dazu lud die Künstlerin Antonia Baehr am Wochenende das Publikum zu sich auf die Bühne des kleinen Theaters Roxy ein, zu ihrer so schrägen wie poetisch-witzigen Performance «Abecedarium Bestiarium».

Starkes Theater aus Ungarn

Ganz zum Schluss konnte man sich als Zuschauerin von der schieren künstlerischen und politischen Kraft des Theaters überwältigen lassen, durch das vielleicht sehenswerteste Stück dieses Festivals: «Unsere Geheimnisse» des ungarischen Autors, Schauspielers und Regisseurs Béla Pintér. Er verknüpft darin die bis heute kaum aufgearbeitete Stasi-Vergangenheit seines Landes mit dem Thema Pädophilie und der Volksmusik – Hauptschauplatz sind die in den 1980er-Jahren beliebten Tanzhäuser Ungarns.

Pintérs Spezialität ist die Doppelbödigkeit seiner Geschichten und Figuren; alles und alle haben immer mindestens zwei Seiten. Im folgenden Publikumsgespräch räumte Pintér ein, dass er sogar als Autor zwiespältige Gefühle für seine Hauptfigur István Balla Bán hege. Dieser Volksmusikforscher ist pädophil; er hat sich in seine siebenjährige Stieftochter verliebt. Selbst ein einstiges Missbrauchsopfer, vergeht er sich an ihr; gleichzeitig leidet er Höllenqualen. Der entsetzlich hohe Druck, der auf ihm lastet, verstärkt sich weiter, als sein vertrauliches Bekenntnis in der Praxis einer befreundeten Psychiaterin von der staatlichen Geheimpolizei abgehört wird. Jetzt hat ihn die Stasi in der Hand. Doch obwohl sie ihn mit seinem dunkelsten Geheimnis erpressen kann, leistet István so gut er es vermag Widerstand; er versucht, möglichst wenig Informationen über seine Freunde auszuplaudern.

«In Ungarn ist nie bekannt geworden, wer die Spitzel waren und was sie getan haben», erzählte Béla Pintér beim nachfolgenden Gespräch weiter. Klar sei, dass viele von ihnen heute in den führenden Parteien Ungarns wichtige Posten bekleiden. In einem zynischen Epilog kritisiert Pintér die heutigen Zustände Ungarns im Stück sehr direkt. Er zeigt zudem, wie die unverarbeitete Vergangenheit das Leben von Menschen stört oder gar zerstört. Das Böse pflanzt sich fort: der Kindsmissbrauch im Privaten, der Machtmissbrauch im Politischen.

Nicht zuletzt setzt sich das Stück mit einer spätestens seit der NSA-Affäre global drängenden Frage auseinander: Weshalb ist der Schutz unserer Privatsphäre wichtig? Wie weit soll diese zugunsten der Aufdeckung einzelner Krimineller geopfert werden dürfen?

Im Idealfall erfährt man so durch ein ausländisches Stück etwas über das Andere und das Eigene. Beim Schwerpunktthema Iran interessierte das Publikum zudem die Bedingungen, unter denen Künstlerinnen und Künstler in einem immer noch stark repressiv regierten Land arbeiten. Gleichzeitig denkt man bei solchen Diskussionen fast automatisch über die hiesigen Umstände nach und darüber, weshalb Kunst auch in einem Land, in denen es den meisten gut geht, relevant sein kann (vgl. Interview auf der vorangehenden Seite).

Andere Produktionen erschliessen sich intuitiv und emotional. Wie etwa die philippinische Tänzerin Eisa Jocson in «Macho Dancer» zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, Kraft und Verletzlichkeit changierte, das berührte. Ganz ohne Worte kommt auch Miet Warlops sadistisch-fantasievolle Farbenschlacht «Mystery Magnet» aus. Auch wer schon tausend Stücke gesehen hat, konnte hier staunen, als ob es das erste wäre.

Betten in der Stadt

Zu meckern gibt es wenig. Poesie, Witz, Relevanz, Schärfe – alles war da an diesem Theaterfestival. Die Qualität der 16 Produktionen war insgesamt überdurchschnittlich. Dazu kam – und das ist genauso wichtig – die fantastische Stimmung rundum. Die Gestaltung des Festivalzentrums auf der Kasernenwiese ist bei dieser zweiten Ausgabe besser gelungen als vor zwei Jahren. An breiten Holztischen oder sogar in Betten konnten die Besucherinnen und Besucher es sich bis spätnachts gemütlich machen. Das lag auch am fast durchgehenden guten Wetter – vielleicht gibt es sie doch, die Wettergerechtigkeit.

Besonders gut funktionierten der Bau des virtuellen Kartonbasels (home sweet home) sowie die «ReiseBüro»-Aktion des französischen Performance-Trios «boijeot.renauld.turon». Nicht nur bleibt der Anblick von Betten auf dem Barfüsserplatz, Betten im Hof des Kunstmuseums, Betten auf der Mittleren Brücke für immer in Erinnerung – wie ästhetisch interessant Möbel ausserhalb von Wohnungen wirken können, ist an sich erstaunlich. Die Betten wie die Tische wurden von Passanten genutzt, geschätzt, genossen. Es kam dabei zu lustigen bis rührenden Begegnungen: Manche Basler brachten dem Künstlertrio samt Gästen Essen und Trinken. Eine Frau feierte mit reichlich Champagner ihre Genesung – offenbar hatte sie am selben Tag die Diagnose erhalten, offiziell von ihrer Krebskrankheit geheilt zu sein.

«We’re all mad here. I’m mad. You’re mad. You must be, otherwise you wouldn’t have come here.» So zitierte Performerin Antonia Baehr die grinsende Cheshire Katze aus Alice in Wonderland. Dieses Theaterfestival hat die Zaubermischung hinbekommen, uns ein wenig verrückt zu machen. Verrückt im besten Sinne: Es befreite vom Alltag und ermöglichte neue Sichtweisen, neue Erfahrungen. Es war wie bei Alice im Wunderland – hätte sie einen schöneren Traum gehabt.

Meistgesehen

Artboard 1