Wagenplatz

Die Zwischennutzer geraten ins Visier der Besetzer

Eingeschlagene Leuchten und Fenster am Ausgehlokal Lady Bar zeugen vom ungemütlichen Rencontre am Dienstagabend. Kenneth Nars

Eingeschlagene Leuchten und Fenster am Ausgehlokal Lady Bar zeugen vom ungemütlichen Rencontre am Dienstagabend. Kenneth Nars

Ein aggressiver Pulk von Demonstranten bedrohte die Lady-Bar-Betreiber, die auch hinter dem Verein Shift Mode und somit der Zwischennutzung des Hafenareals stehen. Diese sagen nun: «Jetzt suchen wir den Dialog erst recht!»

Ungemütlich ist untertrieben. Am Dienstagabend demonstrierten mehrere hundert Personen mit Fackeln und Spraydosen gegen die Festnahmen auf dem Hafenareal. Irgendwann gegen Ende der Veranstaltung kam der Zug beim Club Lady Bar an der Feldbergstrasse vorbei. Diese wird betrieben von Katja Reichenstein und Tom Brunner, den beiden Gesichtern hinter dem Verein Shift Mode, welcher im Hafen ab 1. Juli die geplante Zwischennutzung umsetzen wird.

Brunner und Reichenstein standen vor ihrem Lokal und sahen sich einem Pulk vermummter, teilweise betrunkener Demonstranten gegenüber. Der Ärger entlud sich, es wurde geschrien und beleidigt, Scheiben gingen zu Bruch. «Es war emotional aufwühlend», sagt Katja Reichenstein, «so eine fokussierte Aggression haben wir nicht erwartet.»

Ihr Verein Shift Mode ist zwischen die Fronten geraten. Im Internet finden sich Flugblätter, welche die Zwischennutzung als «Shit Mode» verunglimpfen. «Für ein bisschen Selbstverwirklichung, Geld und Macht ist ihnen alles recht», steht da. Shift Mode verkörpert plötzlich den verhassten Staat.

Ein Bier mit den Demonstranten

Trotzdem ist für Reichenstein klar: «Jetzt erst recht!» Von ihren Plänen am Hafen abzurücken, kommt nicht infrage. Sie und ihr Partner Tom Brunner wollen weiter auf die Besetzer des Hafenareals zugehen. «Wir können gar nicht anders.» Es sei schlecht kommuniziert worden, sagt Reichenstein. «Und zwar von allen Seiten. Uns inklusive.» Es sei nicht gelungen, zu erklären, was Shift Mode ist und will.

Reichensteins Zwischennutzungs-Projekt hat zum Ziel, die Brache beim Hafen mit unterschiedlichsten Aktionen zum Leben zu erwecken. Neben dem Wohnbereich sind dort im Verlauf des letzten Jahres aber bereits verschiedene Dinge entstanden: eine Bar, eine Grillstelle und ein Spielplatz. Diese wurden nun am Dienstag dem Erdboden gleichgemacht, weil sie sich nicht innerhalb der 2500 Quadratmeter befanden, die den Besetzern zugesprochen wurden.

Daraus drehen einige Autonome Shift Mode nun einen Strick. «Wir haben von Anfang an den Kontakt gesucht, um zu schauen, ob wir diese Projekte integrieren können», entgegnet Reichenstein. Das lehnten die Hafenbesetzer jedoch ab.

Reichenstein beteuert: «Uns interessiert der Konflikt um Freiraum.» Sie hofft, möglichst viel von der jetzt freigesetzten Energie in Shift Mode zu integrieren. «Wir haben gute Kontakte geknüpft zu den Wagenbewohnern und Besetzern.»

Als der Mob am Dienstagabend weiterzog, seien einige Demonstranten geblieben und hätten im Biergarten der Lady Bar ein Glas mit Brunner und Reichenstein getrunken. Sie bedauert auch, dass nun ein Zaun um den Wagenplatz hochgezogen wurde. «Wir wollen ihn in den nächsten Tagen mit den Bewohnern zusammen begrünen.» Wenn möglich soll er bald abgerissen werden.

Morin: «Polizeieinsatz war nötig»

Regierungspräsident Guy Morin sagt zum Konflikt: «Shift Mode ist nicht der Staat.» Katja Reichenstein und Tom Brunner hätten den Zuschlag bekommen, weil die Regierung glaube, dass die beiden den Zugang zu allen finden könnten. «Freiraum ohne jegliche Einschränkung ist eine Utopie», sagt Morin. Shift Mode soll so viel Freiheit garantieren, wie drinliegt. Den massiven Polizeieinsatz vom Dienstag bedauert Morin, meint aber auch: «Die Polizei hat aus unserer Sicht professionell und verhältnismässig gehandelt.»

Der Regierungspräsident hofft, dass sich die Situation beruhigt, wenn Shift Mode übernimmt und erste Projekte sichtbar werden. «Wir werden sehen, was Platz hat. Es ist uns sehr bewusst, dass es ein Experiment ist.»

Auch Katja Reichenstein blickt nach vorne. «Alle schrieben: ‹Die Fronten sind verhärtet.› Aber wir hatten nie eine Front und können deshalb gar nicht verhärtet sein.» Es sollen nun so schnell wie möglich alle Missverständnisse ausgeräumt werden. Zum Beispiel, dass es Shift Mode nur ums Geld gehe: Reichenstein lacht. «Wir haben wahrscheinlich genauso wenig wie die Wagenleute.»

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