Wie das passieren konnte, weiss bis auf die trickreiche Täterschaft noch niemand. Am Montag meldete ein Kunde der Basler Polizei, dass sich Diebe an seinem Tresorfach der Raiffeisen-Filiale am Aeschenplatz bedient hatten. Es ist die einzige vollautomatische Tresorfachanlage in Basel-Stadt: Kunden können hier 24 Stunden am Tag selbstständig auf ihre Fächer zugreifen und Geld und Wertgegenstände deponieren oder entfernen. Der Zugang erfolgt für die Kunden über den Eingangsbereich der Bank beim Aeschenplatz. Sie funktioniert quasi wie ein hochgesicherter Bankomat.

Klar ist, dass die noch unbekannte Täterschaft mehrere Schliessfächer knacken und ausräumen konnten. Der Schaden für die Kunden beläuft sich nach Informationen der «Schweiz am Wochenende» auf Millionen. Weder die Raiffeisenbank noch die Basler Staatsanwaltschaft wollen zurzeit genauere Angaben zum Diebesgut machen. Beide aber bestätigen den Vorfall. Dominik Chiavi, Sprecher der Raiffeisen Schweiz, sagt dazu: «Es besteht der Verdacht, dass sich Unbefugte Zutritt zur Safeanlage verschafft und die Anlage manipuliert haben. Wir haben die betroffenen Kunden bereits informiert.» Was genau passiert sei, sei derzeit Gegenstand polizeilicher Untersuchungen.

Selbstbedienung am Tresorfach

Die Untersuchungen gestalten sich aufwendig. Wie Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, sagt, würden derzeit nicht nur weitere möglicherweise betroffene Kunden gesucht, auch laufe eine eingehende Auswertung sämtlicher Videoaufnahmen und eine Analyse des Sicherheitskonzepts.

Laut Gill sei der Zugang zum Tresorfachraum nur als Kunde möglich, dazu müssten entsprechende Sicherheitseinrichtungen durchschritten werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Tresorfachanlagen, wo der Kunde nur in Begleitung von ausgewähltem Bankpersonal Zugang erhält, hat hier jeder Kunde alleine Zugriff auf sein Fach. Rund um die Uhr.

Aufgeflogen ist der Diebstahl, als ein Kunde entdeckt hatte, dass in seinem Tresorfach Geld und Wertgegenstände fehlten. Laut Gill sei nach Eingang der Anzeige festgestellt worden, dass auch andere Fächer betroffen waren. Auch dort fehlten Geld und Wertgegenstände. «Wir gehen davon aus, dass grössere Beträge und Wertsachen weggekommen sind», so Gill.

Der Diebstahl ist besonders raffiniert, weil Bankschliessfächern allgemein ein äusserst hohes Sicherheits- und Diskretionslevel zugeschrieben wird. In jüngerer Zeit haben zwei Entwicklungen zu einem regelrechten Boom bei den Schliessfächern geführt. Mit dem automatischen Informationsaustausch sind die Bankkonti von Ausländern heute in der Schweiz nicht mehr vor dem heimischen Fiskus sicher, weswegen gerade Geldwäscher und Steuerhinterzieher neue Verstecke suchen.

Auf nationalem Parkett werden die Schliessfächer schon länger diskutiert. In einem 2015 publizierten Bericht über Schliessfächer und deren Missbrauchsrisiken für Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung lässt der Bundesrat verlauten, Schliessfächer seien für kriminelle Machenschaften geeignet, weil selbst die Bank nicht wisse, was im Tresor sei. Ein weiterer Grund für die stark steigende Zahl der Schliessfacheigentümer ist der Negativzins: Grosse Vermögen verlieren, in bar aufbewahrt, nicht an Wert.

Weiterer Imageschaden

Den Schliessfächer-Boom machte sich auch die Raiffeisenbank zunutze, als sie 2012 die erste automatisierte Tresoranlage der Stadt eröffnete. Das Versprechen an die Schliessfächermieter, die bei der Raiffeisenbank mindestens über ein Bankguthaben von 5’000 Franken verfügen mussten: Hohe Diskretion, hohe Sicherheit.

Zweiteres konnte nun nicht erfüllt werden. Für die Kunden der «hochgesicherten» Anlage in Basel bleibt die Erkenntnis, dass der 24-Stunden-Safe doch knackbar ist. Leise und ohne Dynamit haben sich die modernen Räuber Zutritt verschafft. Für die ohnehin bereits krisengeschüttelte Raiffeisenbank ist dies ein weiterer Image-Schaden. Während die Geschäftsleitung derzeit Zielscheibe strafrechtlicher Ermittlungen ist, muss sie auch noch die Verwundbarkeit ihrer für Basel bislang einzigartigen Dienstleistung hinnehmen.